Bremer Street-Art Das Atelier ist draußen

Der Bremer Street-Art-Künstler Tobias Kröger verändert mit seinen großflächigen Werken die Umgebung und hat zugleich mit der Architektur zu kämpfen.
07.03.2020, 21:44
Lesedauer: 5 Min
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Von York Schaefer

Sich mit Street-Art-Künstlern zu treffen, um mit ihnen über ihre Werke zu reden, ist naturgemäß eine Begegnung der etwas anderen Art. Kein geschützter Raum einer Galerie oder eines Ateliers, stattdessen – wie im Fall des Bremers Tobias Kröger – ein Treffen an der Ecke Nord- und Werftstraße in Gröpelingen. Glücklicherweise ist das Wetter stabil an diesem sogar leicht sonnigen Januartag.

Zusammen mit Kröger, 42 Jahre alt, der mit Turnschuhen, Windjacke und Rucksack noch ein wenig den alten Sprayer-Look seiner Jugend trägt, geht man gut 100 Meter stadtauswärts entlang der Eisenbahnschienen. Rechts rauscht der Straßenverkehr vorbei, links liegt ein etwa acht Meter hohes, komplett bemaltes Industriegebäude. Tobias Kröger hat hier mehrere Bilder gemalt. Das Werk, das er zeigen will, ist das letzte an der Gebäudeecke. Im Juni 2019 ist es entstanden, als Finale einer Bilderstrecke, einer konzeptuellen Phase, an der er seit 2016 zusammen mit anderen Künstlern gearbeitet hat. „Monolithen“ heißt es – wobei Namen bei dieser Art von „Draußen-Kunst“ oder „Kunst am Bau“ wie Kröger es nennt, keine so große Bedeutung haben, da zum Beispiel Graffiti oder Street-Art lange Zeit nicht Teil der Verwertungsökonomie des Kunstmarkts waren.

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Die „Monolithen“ bestehen aus kantigen und ineinander verwobenen Rechtecken, Streifen, Quadern und Balken in Weiß, Hellblau, Rot und Schwarz. Runde, weichere Formen sucht man hier vergeblich. Tobias Kröger hat sich für dieses Bild an den Wandarbeiten des amerikanischen Minimalisten Sol LeWitt orientiert, ein Konzeptkünstler, für den weniger die optische Wahrnehmung eines Werks als die Idee, die Vorstellung dahinter, von Bedeutung war. LeWitt ist in Bremen für seine schlichte, weiße Treppen-Skulptur aus Mauersteinen, die „Three Triangels“ auf der Teerhof-Insel, bekannt.

Krögers „Monolithen“, ein Auftragswerk für den Immobilienbesitzer und die dort ansässige Firma Kaefer Isoliertechnik, füllt gleich zwei Wände, die im rechten Winkel zueinanderstehen. Etwa 50 Meter Gesamtlänge hat es, eine Woche haben er und zwei Assistenten daran gearbeitet. „Das wäre auch schneller gegangen, wir hatten aber nur ein semi-professionelles Gerüst“, erzählt Kröger mit dem ihm eigenen selbstironischen Humor.

Mit seinen Bildern auf die Umgebung eingehen

Bei der „Mural Art“, dieser Form moderner Wandmalerei, habe man als Künstler natürlich auch mit der Herausforderung der Architektur zu kämpfen, berichtet er. „Da ist eine Tür, dort ein Rolltor, da ein Balken. Das ist spannend, man geht mit seinen Bildern auf die Umgebung ein und verändert sie auf diese Weise.“

Mit 12, 13 Jahren hat der gebürtige Bremer als Sprayer angefangen und lange „hart illegal“ gearbeitet, wie er es ausdrückt. Vorbilder waren die berühmten New Yorker U-Bahn-Graffiti. Bei seiner ersten Gruppenausstellung 1998 in der Galerie Steinbrecher im Bremer Viertel „wurden wir noch als eklektizistische Siebtklässler beschimpft, die alles aus New York geklaut hätten“, erinnert sich Kröger an einen bösen Brief vom damaligen Direktor des Museums Neue Weserburg. „Und er hatte zum Teil recht“, räumt er ein, auch wenn er diese Art von Türwächtermentalität darüber was Kunst ist und was nicht, ablehnt. „Wir waren junge Leute ohne akademischen Kunsthintergrund und lebten in unserer Subkultur“, sagt er. Für ihn sind New Yorker Graffiti längst ein kunsthistorisch relevantes Konzept.

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Ein Bekannter habe sich vor acht Jahren einen Banksy-Siebdruck für 50 Euro gekauft, erzählt Kröger. „Der ist heute über 35.000 Euro wert. Man kann bei Kunst nicht in die Zukunft gucken.“

Heute versteht sich Kröger als bildender Künstler, der auch im Atelier auf der Leinwand arbeitet, aber auch weiterhin den öffentlichen Raum mit großflächig konzipierten Werken bespielt. „Das unterscheidet mich von gängiger Street Art. Darunter verstehe ich eher illegal gesprühte Schablonen-Graffiti von Künstlern wie Banksy“, erklärt er. Als inzwischen etablierterer Künstler gerät Kröger selbst manchmal in Konflikt mit seiner Vergangenheit. Für eine Ausschreibung hatte er die Gestaltung eines Tunnels an der Meta-Sattler-Straße in Findorff gewonnen, wo er ebenfalls an Sol LeWitt orientierte „Monolithen“ malte. Dabei geriet er in einen „harten Kampf mit den Graffiti-Kids“, die seine Arbeit immer wieder mit ihren Tags, ihren Signaturkürzeln, übermalten.

Ein kleiner lokaler Kulturkampf

Ein eigentlich kleiner lokaler Kulturkampf zwischen Underground und angesehener Kunst, der in diesem Fall aber sogar eine größere geopolitische Dimension bekam. Als die türkische Armee im Herbst vergangenen Jahres in die Kurdengebiete in Nordsyrien einmarschierte, tauchten noch mehr prokurdische Statements und Schriftzüge über seiner Arbeit auf, erzählt Tobias Kröger. „Mit mir als Person oder mit meinem Werk hatte das meines Wissens nichts zu tun. Es zeigt aber, dass Urban Art eben allem ausgesetzt und nicht geschützt ist durch Museen oder Galerien“.

Er selbst macht schon lange keine illegalen Graffiti mehr, ist aber immer noch begeistert von Künstlern wie etwa dem Kollektiv Moses & Tabs, das weltweit Züge bemalt hat und 2015 ein internationales Medienecho produzierte, als sie die Tür einer Hamburger S-Bahn zumauerten. Kröger betrachtet solche Aktionen auch als Akte „zivilen Ungehorsams“. Aber auch Moses & Tabs sind inzwischen künstlerisch etabliert; 2019 haben sie für den milliardenschweren Schweizer Konzern Swatch das Design einer Armbanduhr übernommen.

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Die ökonomische Verwertbarkeit von Kunst, die Mechanismen des Kunstmarkts, sind auch für Tobias Kröger wichtige Themen. „Wie werden ein Jeff Koons oder ein Damien Hirst so erfolgreich? Wie funktioniert das?“ Indem sie sich und ihre Werke als Produkte inszenieren und als schlüssiges Konzept, als Paket verkaufen, glaubt der Bremer Künstler, der sich selbst als eine Art Konzept-Hopper bezeichnet.

Dass auch in der Kunst mit Tricks und Täuschungen gearbeitet wird, um ihre Bedeutung zu erhöhen oder um überhaupt wahrgenommen zu werden, ist auch Tobias Kröger klar. Wie kürzlich in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war, haben kanadische Psychologen herausgefunden, dass schwer zugängliche Werke moderner Kunst mit geheimnisvoll klingenden, aber tatsächlich nur schein-intellektuellen Namen wie „Das taube Echo“ oder „Der pathologische Innenraum“ als tiefgründiger wahrgenommen werden.

„Wenn die Kunst nicht gut ist, mach sie groß"

Auch mit Größe kann man Aufmerksamkeit erzeugen und Bedeutungen erhöhen. „Wenn die Kunst nicht gut ist, mach sie groß. Dann denken die Leute, es sei wichtig“, sagt Kröger, wobei er natürlich weiß, dass eine gewisse Dominanz bei Graffiti und Urban Art in der Natur der Sache liegen und er damit auch nicht den Wert seiner Arbeit schmälern will.

Läuft man den Weg entlang der Eisenbahnschienen zurück, sieht man an dem Gebäude frühere Werke Krögers: ein abstraktes Porträt mit kubistischer Färbung, daneben eine ältere Collage mit zeichnerischen Texturen und Comic-Einflüssen. „Ich arbeite sprunghaft“, sagt Tobias Kröger ganz offen. „Früher mit mehreren Konzepten zugleich, heute in Phasen. Wer weiß, vielleicht kommt als Nächstes die Renaissance.“

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Info

Zur Person

Tobias Kröger, 1977 in Bremen geboren, ist bereits als Junge mit 13 Jahren zu Hause ausgezogen. Er hat als Jugendlicher in Bauwagen und besetzten Häusern am Weidedamm und in der Grünenstraße gelebt und war als Sprayer im gesamten Stadtgebiet Bremens unterwegs, bevor er über den zweiten Bildungsweg die Fachoberschule für Gestaltung abschloss.

Tobias Kröger war damals bereits selbstständig und hatte als Urban Art-Künstler sowie Webdesigner eine eigene Agentur. Drei Mal hat er sich an der Bremer Kunsthochschule beworben, drei Mal wurde er abgelehnt – ein Schicksal, das er mit den meisten Urban Art-Künstler zu dieser Zeit teilte.

Der heute 42-jährige Familienvater hat später einen Laden für Sprayer- Bedarf gegründet, hat in Walle die temporäre Produzenten-Galerie Peggy betrieben sowie für die Agentur TX-Design gearbeitet. Seit fünf Jahren arbeitet Tobias Kröger als frei schaffender Künstler, der in vielen Galerien in Deutschland, aber auch international in Spanien, der Schweiz und bereits mehrfach in San Francisco in den Vereinigten Staaten ausgestellt hat.

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