Rückblicke auf den Widerstand

Das Ende der Mozarttrasse kam über Nacht

Bremen. Ende der 50er Jahre hatten die Planer in den Bremer Behörden eine Vision. Die Stadt, so die Idee, würde bald die Millionen-Einwohner-Grenze knacken. Für solch eine richtige Großstadt muss natürlich alsbald eine U-Bahn her. Doch wurde die geplante Trasse nie realisiert.
08.11.2010, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Das Ende der Mozarttrasse kam über Nacht
Von Wigbert Gerling
Das Ende der Mozarttrasse kam über Nacht

Ein Foto mit Blick vom Westen auf den Rebertiring, erschienen 1969. Links geht es in Richtung Schwachhausen, rechts wäre

KLAUS SANDER

Bremen. Osterdeich, Hausnummer 6. Herbert Wulfekuhl steht in seinem Dienstzimmer. Er ist Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, die in diesem ebenso großen wie prachtvollen Bremer Haus ihren Sitz hat. Ausgerechnet genau an der Stelle, an der er heute steht, wäre der Brückenkopf einer neuen Weserüberquerung gebaut worden, wenn... wenn Herbert Wulfekuhl vor Jahrzehnten nicht maßgeblich dazu beigetragen hätte, dass das Projekt Mozarttrasse mit Pauken und Trompeten den Bach hinunterging.

Es war einmal: Die Einwohnerzahl Bremens, so die Politik zum Ausklang der 50er Jahre in vorauseilenden Visionen, erreicht bald die Millionengrenze. Für solch eine richtige Großstadt muss natürlich alsbald eine U-Bahn her. Die Planer in den Behörden sind längst am Werk, damit die Strecken dann auch fertig sind, wenn Bremen auf Augenhöhe mit München und Hamburg kommt. Aber vor allem das Auto, damals das ultimative Wirtschaftswunder-Accessoire, soll es gut haben, wenn es bald in Bremen boomt. Es soll buchstäblich rund gehen auf städtischen Trassen eines modernen Verkehrsnetzes.

Klotzen statt kleckern lautet die Devise. Wichtige Zutaten: Beton und Bitumen. Baupolitiker schwärmen in endlosen Sitzungen von Schnellstraßen-Zirkeln, die am besten gleich in mehreren Radien um die Stadt geschlagen werden müssten. Eine Strecke - als richtig schick galt der Begriff 'Tangente' - soll von Süden via Georg-Bitter-Weg nach Schwachhausen geführt werden - eine anschließende Autotrasse mitten durch den Bürgerpark inklusive.

Um all dem erwarteten Verkehr dieser kommenden Millionen-Metropole gerecht werden zu können, ist für die Innenstadt in engerem Sinne eine Schneise vom Rembertiring durch das Ostertor in Höhe Mozartstraße vorgesehen. Die Straße soll von dort weiter über eine neue Weserbrücke zum Buntentor verlaufen. Um die Modernität der Stadt noch zu betonen, ist vorgesehen, dass Hochhäuser mit über 20 Stockwerken die Strecke säumen. Die Stehimwege, diese alten Bremen Häuser, sind von gestern. Weg damit.

Wenn sich die Aktivisten von damals an die Anfänge der Planungen vor rund 50 Jahren erinnern, dann denken sie fast immer zunächst an das Eine: an die Zahlenkombination 418/419. Dies, so erläutern sie dann, waren die laufenden Nummern der Bebauungspläne, die in den folgenden Jahren dann für so viel Zündstoff und Protest sorgten.

Und alle denken auch an ein Haus in der Mozartstraße. 'Das war Nummer 5.' Ursel Kerstein, die spätere Landesfrauenbeauftragte, muss keine Sekunde nachdenken, wenn sie im Gespräch die Hausnummer nachliefert. Und genau so wie Herbert Wulfekuhl hat sie noch Wochentag und Uhrzeit der Treffen parat: Mittwoch, 20 Uhr.

Im Haus Mozartstraße 5 war das Büro des SPD-Ortsvereins Altstadt, Zentrum des Widerstands gegen die Mozarttrasse. 'Legendär,' wie Wulfekuhl attestiert. Ein bisschen Verwunderung habe zunächst schon geherrscht, denn 'das Thema Stadtplanung ging politisch plötzlich ab wie eine Rakete'. Aber es sei auch schlüssig gewesen, dass sich immer mehr an der Diskussion beteiligt hätten. Schließlich habe allen das Wort des SPD-Kanzlers Willy Brandt im Ohr geklungen: 'Mehr Demokratie wagen.'

Das wollte auch Ursel Kerstein, die aus Gröpelingen stammte, dann nach Worpswede gezogen war, um allerdings bald noch einmal den Hausrat einzupacken, als es ihr dort außerhalb 'zu spießig' wurde. Das neue Ziel: Schnoor, mitten in der Stadt. 'Dort lernte ich Olaf Dinné kennen, der auch dort wohnte und mich überredete, in die SPD einzutreten.' Anfangs war sie sicher, dass sie in solch eine Parteistruktur eher nicht hinein passe. 'Ich dachte,' so Ursel Kerstein, 'ich gehe da rein und auch bald wieder raus.'

Es kam dann doch anders. Sie zählte bald zum Kern der Kritiker, die sich mit dem Abriss alter Viertel nicht abfinden mochten. Ebenso wie Dinné zog sie ins Ostertor, in die Alexanderstraße, wo sie heute noch wohnt. Die Mitarbeit in der aufmüpfiger werdenden SPD in der Altstadt sagte ihr mehr als erwartet zu: 'Ich wurde gleich Hauptkassiererin und merkte, dass man politisch etwas machen kann.'

Und zwar lokal und ganz konkret. Das war neu. Denn beflügelt vom Bildungsboom hatte sich in den 60er Jahren bei politisch Interessierten buchstäblich der Horizont erweitert. Immer mehr richteten sich die Blicke dann zunächst auf alle möglichen Krisenherde in aller Welt. Nächtelang wurde auch in den bremischen Kellerkneipen mit einem Publikum, das auf sein anschwellendes Buchwissen allerhand hielt, über internationale Bewegungen - ob Südamerika oder Asien - hitzig diskutiert.

Plötzlich aber drohte gleich hinter den Bremer Wallanlagen eine Straßenschneise durch nette Wohnviertel. Da 'reifte der Gedanke,' so Ursel Kerstein, 'man sollte doch vielleicht einmal ganz konkret etwas Kommunalpolitisches machen.'

Da war sie bei Dinné an der richtigen Adresse. Der war auch in den Schnoor und dann weiter in die Bernhardstraße im Ostertor gezogen, der hatte zunächst mit Parteiarbeit nichts am Hut, was aber von Claus Grobecker, dem späteren Finanzsenator, in die SPD gelockt worden. Motto: Wenn ihr etwas verändern wollt, geht es nur so.

Das filigran verästelte sozialdemokratische Netz bis hinein in Kapillare der Verwaltung kam den Kämpfern gegen die Morzarttrasse zugute. Genossen aus dem Statistischen Landesamt, so Herbert Wulfekuhl, hätten einen wichtigen Zündfunken geliefert. Sie hätten die Parteifreunde in der Altstadt diskret mit der Information gespickt, dass die wahren Zahlen keineswegs die Prognose stützten, dass Bremen auf dem Weg zu einer Millionenstadt sei. Genau das Gegenteil sei statistisch belegt.

Das konterkarierte genau das, was bis dahin die etablierte Politik als zentrales Argument für die Notwendigkeit des raumgreifenden Straßenbaus genannt hatte. Wulfekuhl: 'Es war der Auftakt zur Jagd auf die Mozartrasse.'

Sie kamen langsam, aber gewaltig. Das lässt sich nicht nur vom späteren Widerstand sagen, sondern auch von den ursprünglichen Konzepten. Nach den Plänen mit den laufenden Nummern 418/419 hatte zunächst kaum ein Hahn gekräht, als sie Ende der 50er, Anfang der 60er Jahren unter Dach und Fach kamen, damit Bremen verwaltungstechnisch gewappnet ist, wenn es für die Millionenstadt an der Weser ernst wird und der überbordende Verkehr der neuen Metropole auf Stadtschnellstraßen kanalisiert werden muss.

Es gab andere Großprojekte, die im Kielwasser der 50er Jahre Vorrang genossen und vollendet werden mussten. In der Neuen Vahr war ein Großangriff auf die Wohnungsnot gestartet worden, verbunden mit der qualitativen Ergänzung, dass jeder eine Küche und ein anständiges innenliegendes Bad mit Toilette haben sollte.

Aber dann traten in den folgenden Jahren, den 60ern, bald auch andere Themen in den Vordergrund. Qualität wurde nicht nur vorrangig nach praktischen Notwendigkeiten wie einem schönen Badezimmer bestimmt - für Diskussionsstoff konnte bald auch Stadtästhetik gehören. Und schon gesellte sich zum politisch heißgeliebten Bau moderner Viertel der neue Blick auf den Altbau.

Genau dem aber sollte es gerade raumgreifend im Ostertor an den Kragen gehen. Der SPD-Ortsverein Altstadt brachte sich in Stellung, wurde kampfbereit. Dies war auch nach innen gerichtet, denn die etablierten Genossen waren nicht begeistert von den jungen Revoluzzern in ihren Reihen. 'Die Altstädter waren erst ziemlich verhasst,' erinnert sich Ursel Kerstein. Aber immer wieder legten sie sich 'mit Olaf, dem Antreiber' ins Zeug, um den Widerstand gegen die Mozarttrasse zu organisieren. Die Räume in der Mozartstraße 5 wurden für viele zum zweiten Zuhause.

Aber den jungen Sozialdemokraten war klar, dass sie sich dort nicht verstecken oder gar verschanzen durften, sondern den Kontakt zur Bevölkerung vor Ort suchen mussten. Gedacht, getan: Legendär ist längst die Unterschriftenaktion, die auf eine solche Resonanz stieß, dass sie von den SPD-Oberen nicht ignoriert werden konnte. Die Bevölkerung lieferte ein klares Votum: Trasse..? Nein danke!'

Und es wurde gesungen. Die Sängerin Ursel Kerstein machte sich, unter anderem begleitet vom Trommler Olaf Dinné, auf den Weg und mischte sich unter die Leute. Für sie unvergesslich: 'Es wurde uns richtig zugejubelt.'

Zusätzliche Schubkraft entfaltet der Slogan, der aus der bremischen Zeitgeschichte ebenfalls nicht mehr wegzudenken ist: 'Das Ostertor lebt!'

Parallel wurden Anträge für SPD-Parteitage geschrieben. Gerade im betonbegeisterten Kreis um den sozialdemokratischen Bausenator Stefan Seifritz musste aus Sicht der 'Ostertorschen' noch Überzeugungsarbeit geleistet werden - und zwar der mühsamen Art. Also wurde nicht zuletzt den Sozialdemokraten südlich der Weser klar gemacht, dass sie nicht gut beraten wären, sich vornehm zurückzuhalten. 'Wir haben in der Neustadt gesagt: wenn die neue Weser-Brücke kommt, dann ist das halbe Buntentor auch weg,' so Herbert Wulfekuhl.

Was dann kam, das war so etwas wie der Durchbruch: Die Partei nahm einen Antrag an, in dem der Kernsatz formuliert war: 'Keine Trassen durch bestehende Wohngebiete oder Grünanlagen.' Letzteres war zum Schutz des Bürgerparks eingeflochten worden. Den Satz aus dem Antrag kann Wulfekuhl bis heute auswendig.

Damals in der Mozartstraße 5: Es wurde gefeiert.

Das Finale kam am 4. und 5. Dezember 1973 wortwörtlich über Nacht und bot so etwas wie den ganzen Vorlauf in Zeitraffer - erst Zustimmung, dann Widerstand. Die SPD-Bürgerschaftsfraktion tagte zunächst am 4. Dezember und stimmte für die Trasse. Das Ergebnis fiel dann allerdings mit 26 : 24 denkbar knapp aus, so knapp, dass allen klar war, ein politisches Durchboxen der Pläne auf solch dünnem Eis wäre zu waghalsig.

Bald sickerte auch noch durch, dass die angegebenen Baukosten offenbar politisch motiviert schöngerechnet worden waren. Am folgenden Tag wurde die SPD-Bürgerschaftsfraktion zu einer weiteren Sitzung mit einer zweiten Abstimmung zusammengetrommelt. Diesmal sah das Resultat ganz anders aus: 40 : 0 gegen die Mozarttrasse, dazu zehn Enthaltungen. Wulfekuhl: 'Da saßen wir also drei Wochen vor Weihnachten da und dachten, es ist Weihnachten.'

Damals in der Mozartstraße 5: Es wurde richtig gefeiert.

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