Preisträger des Deutschen Schulpreises

Das Erfolgskonzept der Gesamtschule Bremen-Ost

Die Freude über den Deutschen Schulpreis hallt bei der Gesamtschule Bremen-Ost noch immer nach. Doch warum hat die Schule mit ihrem Konzept so viel Erfolg? Ein Besuch in Tenever.
03.06.2018, 17:51
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Das Erfolgskonzept der Gesamtschule Bremen-Ost
Von Kristin Hermann

Die Trophäe steht mitten auf einem Tisch im Lehrerzimmer. Einer der Kollegen hat ein silbernes Diadem mit einem pinkfarbenen Plüschrand darauf gesetzt, um der Auszeichnung das gewisse Etwas zu verleihen. Drumherum liegen etliche ausgedruckte E-Mails, in denen andere Schulen, Ehemalige und Vertreter der Stadt ihre Glückwünsche bekunden – und natürlich die Urkunde. Schwarz auf weiß steht dort, wie gut die Gesamtschule Bremen-Ost (GSO) arbeitet. Immer wieder halten Lehrer in diesen Tagen an dem Tisch inne, lächeln kurz und gehen weiter.

Drei Wochen ist es jetzt her, dass die Schule in Tenever einen der zweiten Plätze beim Deutschen Schulpreis in Berlin belegt hat. Für viele im Kollegium ist die Auszeichnung der Oscar unter den Schulpreisen. Es ist der Lohn für die Arbeit, die dort seit Jahren geleistet wird. In einem Stadtteil, der heute zwar besser aufgestellt ist als noch vor einigen Jahren, aber doch weiterhin von besonderen Belastungen geprägt ist. Etwa 30 Prozent der Menschen leben von staatlichen Leistungen; sei es, weil sie arbeitslos sind, Hilfen für Alleinerziehende bekommen oder so wenig verdienen, dass sie aufstockende Leistungen vom Amt erhalten.

Kontinuität für Lehrer und Schüler

Früher, erzählt Schulleiter Hans-Martin Utz, sei die Postleitzahl des Stadtteils ein Stigma gewesen. Es habe nur wenige Lehrer gegeben, die länger an der Schule bleiben wollten. "Mittlerweile hat sich das radikal verändert." 54 Prozent der Schüler erreichen die Berechtigung zum Übergang an die gymnasiale Oberstufe. Von den 62 Absolventen, die im Land Bremen im vergangenen Jahr ihr Abitur mit 1,0 bestanden haben, kamen fünf aus der Gesamtschule Bremen-Ost. Das Schulgebäude wurde in den 1970er-Jahren für 3000 Schüler gebaut. Heute werden an der GSO mehr als 1300 Kinder und Jugendliche aus 30 Nationen unterrichtet. Unter den 130 Lehrern sind viele junge Kollegen, die selbst gerade eine Familie gegründet haben.

Utz und seine Stellvertreterin Karin Peterburs sitzen aktuell an dem Stunden-und Raumplan für das kommende Schuljahr, Noch vor den Sommerferien soll alles stehen, damit die Mitarbeiter frühzeitig ihre Lebensplanung danach richten können. "Das hat auch etwas mit Arbeitsgesundheit der Kollegen zu tun", sagt Utz. Seit 2015 arbeiten die beiden Schulleiter in der Kombination zusammen. Wenn man sie danach fragt, warum ihre Schule ausgezeichnet wurde, fallen immer wieder die Begriffe Beständigkeit und Beziehungsarbeit. Nicht alle Schüler weisen in ihrer Biografie kontinuierliche Verhältnisse auf. "Da gibt es häufig Brüche", sagt Utz. Durch Armut, Fluchterfahrung oder durch die Trennung der Eltern. "Wir wollen deshalb eine Art zweites Zuhause schaffen, in dem ein stabiles Team die Kinder und Jugendlichen über Jahre begleitet", sagt Peterburs.

Dafür sollen Lehrer, Sozialpädagogen und Sonderpädagogen ein verlässliches Team bilden. Anders als andere Schulen würde die GSO deshalb finanzielle Mittel in volle Stellen für Sozialpädagogen stecken und nur wenige Honorarkräfte damit finanzieren. "Schule muss ein Ort sein, an dem Entwicklungsprozesse möglich sind, ohne, dass sie immer wieder unterbrochen werden", sagt Utz. Personelle Ausfälle gebe es natürlich auch an der GSO. "Aber durch das große Kollegium können wir das besser abfedern als kleinere Schulen."

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Entwicklungsmöglichkeiten gibt es an der Ganztagsschule viele. Das wird bereits deutlich, bevor man das Gebäude betritt. Ein großes Banner verrät etwas über die Kooperation mit der Deutschen Kammerphilharmonie, die vor einigen Jahren Proberäume im Gebäude bezogen hat. Seitdem gibt es auch das Projekt "Melodie des Lebens". Dafür kommt einmal im Monat der Komponist Mark Scheibe aus Berlin nach Bremen, um mit den Jugendlichen an eigenen Songs zu schreiben. Am Ende gibt es einen großen Auftritt, bei dem die Nachwuchsmusiker vom Orchester der Kammerphilharmonie begleitet werden. Was zählt, sei dabei die Arbeit auf Augenhöhe, erklärt Utz. "Es funktioniert nicht, wenn ich sage, dass die Spitzenmusiker die armen Kinder aus Tenever beseelen müssen. Wir machen das, weil es schön ist und Freude bereitet. Punkt."

Klavierspielen in der Pause

Im Foyer der Schule steht ein ausrangiertes Klavier. Nahezu in jeder Pause sitzt hier ein Schüler, der etwas für seine Mitschüler spielt oder für sich selbst an der eigenen Technik feilt. An diesem Tag ist es Dennis, der gerade ein Stück aus dem Musical "Phantom der Oper" übt. Der Zwölfjährige war Mitte Mai mit zu der Preisverleihung in Berlin. "Niemand hat damit gerechnet, dass wir gewinnen. Das war ein spannender Abend, und wir sind ziemlich stolz", sagt er. Seine Mitschüler haben die Preisverleihung mit ihren Lehrern in Bremen verfolgt – schließlich ist der Schulpreis etwas, mit dem man auch vor seinen Freunden angeben kann. "Ich gehe hier einfach gerne zur Schule, weil es wenig Konflikte gibt", sagt eine andere Schülerin über die Stimmung an der Schule.

Wer an die GSO kommt, muss sich für eine Profilklasse entscheiden, bei der von der fünften bis zur zehnten Klasse besondere Neigungen gefördert werden. Neben Musik gibt es Profilklassen für Kunst, Theater, Naturwissenschaften und Sport. "Natürlich haben wir Glück, dass die Kammerphilharmonie mit im Haus sitzt, aber wir glauben daran, dass jede Schule Kooperationen eingehen kann, wenn sie will." Fast jede Schule habe in der Nachbarschaft einen möglichen Partner, mit dem man kooperieren könne. "Dabei geht es schlichtweg um Chancenverwertung", so Utz. Die Schule hat viele weitere Partner, unter anderem die Kunsthalle, das Focke-Museum und das Gerhard-Marcks-Haus.

25.000 Euro gab es für den zweiten Platz des Schulpreises. Was konkret die Schule damit vorhat, wird noch diskutiert – vielleicht der Ausbau eines Schulgartens oder ein anderes Projekt auf dem Schulhof. Etwas, das bleiben soll und über die gewöhnlichen Anschaffungen hinausgeht. Etwas, das noch lange an die Euphorie und das Glücksgefühl erinnern wird, die gerade an der Schule vorherrschen.

Info

Zur Sache

Deutscher Schulpreis

Die Robert Bosch Stiftung vergibt den Deutschen Schulpreis seit dem Jahr 2006 gemeinsam mit der Heidehof Stiftung. Er ist der höchstdotierte Preis für Schulen im Land. Kooperationspartner sind die ARD und die ZEIT Verlagsgruppe. Seit dem Start des Programms haben sich etwa 2000 Schulen dafür beworben. Bei der Entscheidung über die Preisträger bewertet die Jury sechs Qualitätsbereiche: "Leistung", "Umgang mit Vielfalt", "Unterrichtsqualität", "Verantwortung", "Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner" und "Schule als lernende Institution". Eine Jury aus Praktikern und Wissenschaftlern wählt 20 Schulen in ganz Deutschland aus, die von Juryteams begutachtet werden – unter den 20 Finalisten war 2018 auch die Neue Oberschule Gröpelingen. 15 Schulen landen in der Endrunde.

Alle Schulen, die von der Jury besucht werden und keinen Preis erhalten, profitieren von einem Entwicklungsprogramm und dürfen unter anderem an Seminaren teilnehmen. Sechs Schulen werden mit dem Schulpreis ausgezeichnet. Die beste Schule erhält den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis, fünf weitere werden mit 25.000 Euro geehrt. Alle weiteren Nominierten erhalten je 5000 Euro. Es ist nicht das erste Mal, dass Bremer Schulen die Auszeichnung bekommen: 2017 war die Schule Borchshöhe unter den Preisträgern, 2015 die Grundschule am Buntentorsteinweg, 2012 die Schule am Pfälzer Weg, 2011 die Marktschule in Bremerhaven und 2008 die Werkstattschule Bremerhaven.

Weitere Informationen

Noch mehr Einblicke in den Schulalltag der GSO gibt es unter www.weser-kurier.de/web238.

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