Sammler Werner Köglin ersteht per Zufall einen historischen Schatz mit 130 handschriftlichen Einträgen Das Gästebuch von Diedrich Steilen

Eigentlich war er auf der Suche nach etwas ganz anderem. Aber dann ist Werner Köglin, Sammler von heimatkundlichen Fotos und Postkarten, auf einen Schatz gestoßen: Auf ein Gästebuch von Diedrich Steilen, dem Mitbegründer des heutigen "Heimat- und Museumsverein für Vegesack und Umgebung". Wir haben darin geblättert: Hinter den Buchdeckeln verbergen sich mehr als 65 Jahre Heimatkunde.
11.04.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Eigentlich war er auf der Suche nach etwas ganz anderem. Aber dann ist Werner Köglin, Sammler von heimatkundlichen Fotos und Postkarten, auf einen Schatz gestoßen: Auf ein Gästebuch von Diedrich Steilen, dem Mitbegründer des heutigen "Heimat- und Museumsverein für Vegesack und Umgebung". Wir haben darin geblättert: Hinter den Buchdeckeln verbergen sich mehr als 65 Jahre Heimatkunde.

Aumund-Hammersbeck. Werner Köglin ist Sammler aus Leidenschaft. Vor allem sammelt er seit jetzt schon fast 50 Jahren Postkarten und Fotos aus und über Vegesack und Umgebung - wohlsortiert in Ordnern, die beschriftet sind mit: Vegesacker Hafen, Am Wasser, Vulkan, Gaststätten, Schulschiff Deutschland oder Hauptstraßen in Vegesack.

Natürlich besitzt Köglin auch eine entsprechende Bibliothek. Um die weiter zu vervollständigen, gab er letztens im Internet ein Gesuch auf: Diedrich Steilen, "Die Geschichte der bremischen Hafenstadt Vegesack" von 1926. Er musste nicht lange auf Antwort warten. Und die kam zudem auch nicht von weit her, sondern aus Gröpelingen. Von dort meldete sich die - nach eigener Aussage - Nachlassverwalterin des Erbes Diedrich Steilens. Und in dessen Bibliothek befinde sich das gewünschte Buch. Man wurde handelseinig, doch dann erklärte jene Dame, dass es da noch weitere Bücher gebe ...

Die Köglin dann auch erwarb. Unter anderem, wie er selbst sagt, "einen Schatz": ein Gästebuch mit 130 handschriftlichen Eintragungen. Dazu Zeichnungen, Ex-Libris und Glückwunschkarten, zudem eine Fotografie, auf der drei nicht weiter zu identifizierende Herren zu sehen sind. Doch bevor wir in dieses historische "Poesie-Album" eintauchen, wenden wir uns Diedrich Steilen zu:

Steilen wurde am 16. Juli 1880 als Sohn eines Bauern in Driftsethe, Kreis Wesermünde, geboren. Er wurde Lehrer in Vegesack und Bremen. Er gehörte 1911 zu den Gründern des Heimatvereins für "Vegesack, Blumenthal und Umgebung" (heute: "Heimat- und Museumsverein für Vegesack und Umgebung"). Das von diesem Verein betriebene Heimatmuseum hat nach wechselnden Standorten in Vegesack sein Domizil heute im Schloss Schönebeck. Der Senatssyndikus und Gründer des Focke-Museums, Johann Focke, berief Diedrich Steilen später in die Behörde, damit er sich von Amts wegen um das "Historische Museum" kümmere (heute: Focke-Museum).

Mit Steilens Hilfe wurde der "Verein für niedersächsisches Volkstum" zu der zentralen Heimatorganisation nicht nur von Bremen, sondern auch für die umliegende Region. 1940 wurde er dessen Vorsitzender. Darüber hinaus war Steilen Mitglied und Ehrenmitglied zahlreicher anderer Organisationen der Heimatpflege, unter anderem war er zweiter Vorsitzender des Deutschen Heimatbundes.

In zahllosen Schriften schilderte Steilen niedersächsische und bremische Sitten und Gebräuche, sammelte Erzählungen und Anekdoten und kümmerte sich um die Aufzeichnung alter Sagen und Handwerksbräuche. Unter den von ihm herausgegebenen Büchern finden sich, neben besagter "Geschichte Vegesacks", unter anderem ein Buch über die Niederweser, eines über norddeutsche Grabmalkunst sowie eine Schrift über Werden und Wachsen des Heimatgedankens in Niedersachsen. Zusammen mit Johann Hinrich Knittermeyer gab er das Sammelwerk "Bremen - Lebenskreis einer Hansestadt" heraus. Steilen starb am 10. Mai 1961.

Den ersten Eintrag ins Gästebuch ("Dit Bok hört Diedrich Steilen") macht Hermann Allmers, der am 11. Februar 1891 "innig mit Herz und Hand" aus Rechtenfleth grüßt. Ob das Buch jetzt schon, dem gerade erstmal zehnjährigen Diedrich Steilen gehört, bleibt offen. Vielleicht hat er es später geerbt, oder als Erbe weitergeführt. Jedenfalls geht es erst im März 1919 richtig los- abgesehen von einem Eintrag von Klaus Groth aus Kiel vom 4. Februar 1898, der sich nachträglich eingeklebt zwischen Einträgen von 1919 befindet. Steilen ist jetzt 28 Jahre alt. Von da ab kommen die Einträge in der Regel in chronologischer Abfolge, teils nahtlos, teils, wie während des Zweiten Weltkrieges, nur vereinzelt und dann auch erst ab 1947 wieder regelmäßig.

Geht man die Namen derer durch, die sich in diesem Büchlein zu Wort gemeldet haben, dann kann man fast den Eindruck gewinnen, man lese im Straßennamen-Register von Bremen-Nord, beziehungsweise ganz Bremens. Wo nicht, sollten die Autoren sicherlich mit einer Straße oder einem Platz in heimatlichen Gefilden geehrt sein. Wie möglicherweise F. Borcherding (20.April 1919), der, wenn es denn Friedrich gewesen ist, Pastor in Hüttenbusch war.

Als Pate einer Straße in Bremen-Nord eröffnet am 2. März 1919 Jan von Harten aus Lobbendorf den Reigen der Gäste: Er preist "den Geist Gottes, der unendlich bleibt, während die unzählbaren uns innig lieb gewordenen Formen, in denen er sich offenbart, welken, sterben und hoffentlich zu neuem Leben erblühen." Von Harten ist ebenfalls ein Mitbegründer des Vegesacker Heimatvereins. Weiter folgen unter anderem Heinrich Hoops (Grambke, Ostern 1919), Georg Droste (Bremen, 15.Mai 1919), Wilhelm Scharrelmann (Zwischenahn, 10. August 1919), Fritz Gansberg (Bremen, 9. September 1919) und Alma Rogge (Zwischenahn, 1921).

Vermutlich ist es der oldenburgische Historiker Friedrich Wilhelm Schaer, der sich ins Gästebuch bei einem Zusammentreffen im Juli 1922 einträgt. Diedrich Speckmann (Fischerhude, 15. Februar 1932) steuert ein Ex-Libris bei. Und Georg Grabenhorst (Hannover, 16. Dezember 1932) schreibt "Viele Länder sind der Sehnsucht und Liebe wert, und ist doch immer nur eins, davon wir ausgehen und dahin wir zurückkehren, das unserer Sehnsucht und unserer Liebe letzten, allertiefsten und geheimsten Grund erfüllt, auch wenn sein Himmel schwer auf unserer Schulter lastet."

Nach 1933 gibt es die schon erwähnte Zäsur. Innerhalb der folgenden 14 Jahre tragen sich lediglich ein: Alwin Lonke (Grambkermoor, 18. Oktober 1940) und Ernst Grohne (Bremen, Mai 1942). Das war's dann mit dem Zweiten Weltkrieg. Erst am 19. April 1947 geht es in Fischerhude mit Hinrich Schloen, dem Namensgeber des dortigen Heimathauses, weiter. Heinrich Schmidt-Barrien schreibt am 27.Januar 1950: "Aus der Heimat, für die Heimat!" und Denkmalschützer Gustav Ulrich (Bremen, März 1951) schreibt: "Wer vom Schicksal getrieben die Heimat der Väter verlassen musste, dess' Herz sich wohl sehnt, zu verwurzeln neu an neuer Stätte des Wirkens."

Dann wird's am 23. April 1956 gar Japanisch, unterzeichnet von Prof. K. (Name unleserlich), Osaka, Japan, z.Zt. Bremen-Horn bei Prof. (kaum leserlich:) Gorsemann. Bei K.'s Gastgeber handelt es sich wahrscheinlich um den Bremer Bildhauer Ernst Gorsemann, der dann gleich auf der folgenden Seite - ebenfalls im April 1956 - schreibt: "De Wind steiht up, de Wind verweiht. De Minsch de kummt, de Minsch vergeiht. Wat du ok doost geiht allens dod. Help uns in Gnaden Herre Gott."

Der letzte Eintrag datiert auf den 23. November 1958. "Was wir sind", steht da, "verdanken wir andern. Was ich meinem väterlichen Freund Diedrich Steilen verdanke und von ihm empfangen habe, kann ich nicht zurückerstatten. Da bleibt mir nichts, als das Empfangene weiterzugeben und mitzuarbeiten an dem großen Werk der Heimatbewegung, das so sehr Dein Werk ist. In Dankbarkeit", gezeichnet: "Heinz ...". Der Nachname ist unleserlich. Danach nur noch leere Seiten.

Vor dem hinteren Deckblatt eingefügt findet sich allerdings noch ein anrührendes Zeitdokument. Auf einem Formschreiben mit Briefkopf: "Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e.V., H.E.Prinzessin von Isenburg, Mutter Elisabeth" dankt eben diese Prinzessin im Januar 1955 offenbar für eine Spende und meint: "Wenn wir auch keine grossen Taten vollbringen, so wissen wir doch, dass diese stillen Hilfen unseren beladenen Schützlingen ein Kraftquell sind. Und dafür dankt ...". Im Oktober 1955 gab die Sowjet-Union die letzten deutschen Kriegsgefangenen frei.

Was wird der Sammler Werner Köglin mit Steilens Buch anfangen? "Ich weiß noch nicht", sagt er, "das lass ich auf mich zukommen".

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