Ullrich Höft über die schwierige Entwicklung Hemelingens

„Das ganze Geld ist weg“

Der ehemalige Stadtsanierer und Hemelinger Ortsamtsleiter Ullrich Höft über verseuchte Böden, belastende Gerüche und die Schwierigkeiten bei der Entwicklung Hemelingens.
22.01.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christian Hasemann

Herr Höft, wann waren Sie zum letzten Mal auf der Brache an der Diedrich-Wilkens-Straße?

Ullrich Höft: Vor Weihnachten war ich noch mal dort.

Was haben Sie dort gesehen?

Das, was möglich ist: Eine leicht verwilderte Fläche, die aber so, wie sie ist, ganz natürlich ist. Im Prinzip ist sie jetzt naturbelassen, und sie sieht so aus, weil es eben eine große Sandfläche ist.

Vorher waren dort Industriebetriebe ...

Vorher waren dort Nordmende, die Focke-Wulf-Hallen und andere Industrie. Auf dem jetzigen Markt stand eine Halle, dann gab es noch eine Drahtseilerei. Im Zuge der Tunnelvorbereitungen haben wir als Gewoba die Flächen aufgekauft.

Die Planungen für den Hemelinger Tunnel gehen bis in die 70er- Jahre zurück – wie haben Sie die Planungen erlebt?

Die gesamte Planung ist durch die Zusage des Senats an Mercedes entstanden, eine wohnstraßenfreie Anbindung an die A 1 zu schaffen. Von da an wurde geplant. Es gab etwa 20 verschiedene Planungsvarianten, die unterschiedlich weit gingen. Einige waren sogar schon durch Bebauungspläne gegangen, zum Beispiel eine oberirdische Variante durch das Eisenbahnerviertel. Eine andere Variante sollte über die Funkschneise zur Nauheimer Straße und von dort an die Osterholzer Heerstraße führen, deswegen ist die Nauheimer Straße überhaupt nur so groß ausgebaut.

Warum fiel die Entscheidung für den Tunnel?

Entscheidend waren die Grundstücks- und Immobilienentschädigungen. Die Kosten wären doppelt so hoch gewesen wie die für die Tunnelvariante, obwohl in der Godehardstraße einige Grundstück aufgekauft werden und an der Diedrich-Wilkens-Straße Industrie-Anlagen abgerissen werden mussten.

Wie gestalteten sich die Bauarbeiten?

Das war nicht ganz unproblematisch. Im Bereich des Bürgerhauses wurde zwischen Spundwänden betoniert, und dann bekam ich einen Alarmanruf des Bürgerhauses, der ganze Keller sei voller Beton. Die Spundwände waren undicht. Das ganze Haus hatte Risse. Dann musste das Bürgerhaus durch Maueranker stabilisiert werden und der Beton wieder raus.

Mehrmals schien es so, als ob die Brache an der Diedrich-Wilkens-Straße bebaut werden könnte, woran scheiterte es?

Es gab einen bundesweiten Architekten-Wettbewerb (2001, Anm. d. Red.). Das große Problem war zunächst der Lärm der Bahnlinie. Es gab den Vorschlag, den Bodenaushub auf dem Gelände als Lärmschutzwall aufzuschütten. Nur: Das ging nicht, weil der Boden so belastet war. Der wurde dann abgetragen und quer durch die Republik gekarrt, und ich glaube, in den neuen Bundesländern entsorgt.

Was hat man noch entdeckt?

Der Boden war teils bis in eine Tiefe von vier Metern mit Ölen, Reinigungsmittel und Chrom belastet, alles Sachen aus der Metallverarbeitung. Dann hat man festgestellt, dass die Hallen auf einer Schuttschicht stehen. Wir haben überlegt, dass der Schutt aus dem Abriss der Wallanlagen stammen könnte. Entlang der Bahnlinie gab es schließlich noch unterirdische Gasometer, wo der Bodensatz in Form von Teer und Ölen noch in 14 Meter Tiefe lag.

Der Boden wurde also ausgetauscht, hätte dann nicht gebaut werden können?

Es gab dann die Immobilienkrise, in der Zeit ist in Hemelingen gar nichts mehr passiert. Die Bauträger wollten das Risiko nicht eingehen, und es fehlte schlicht die Nachfrage in Hemelingen.

Zumindest die Planungen gingen aber weiter?

Es deutete sich schon im Wettbewerb ein weiteres Problem an. Es gab eine heftige Debatte mit dem Gesundheitsressort über die Lebensbedingungen vor Ort. Und dann kam das Problem mit der Geruchsbelastung dazu. Von Jacobs, von der Coffein Compagnie, und zwei oder drei Mal in der Woche wurde Wurst bei Könecke gekocht. Dieses Thema wurde so weit hochgezogen, dass es fraglich war, ob wir einen rechtssicheren Bebauungsplan hinbekommen. Das hat sich bis 2006 hingezogen, dann kam die Finanzkrise, und dann konnte man das ganze Thema einmotten.

Betraf das nur die Diedrich-Wilkens-Straße?

Auch im Bereich Brüggeweg/Schlengstraße wurden Bauernhäuser gekauft, am Schlengpark waren Bauflächen vorgesehen, aber es gab fünf, sechs Jahre keine Nachfrage, und dann ging es auf einmal wieder los.

Nach dem neuen Geruchsgutachten steht nun fest, dass an der Diedrich-Wilkens-Straße nicht gebaut werden kann. Hätte man dann nicht zumindest eine Parkanlage, wie häufig gefordert, anlegen können?

Dann hätte die Stadt zugeben müssen, dass das ganze Geld, das da reingeflossen ist, weg ist. Ich möchte nicht wissen, was die Flächen bisher gekostet haben.

Die Coffein Compagnie hat vorgeschlagen, das Gelände zu kaufen und dort einen Park anzulegen, wäre das eine ausgesprochen gute Lösung?

Es ist eine reine Sandfläche. Der Nabu sagt, dass man dort eigentlich nur Fichten und Birken pflanzen kann. Wenn dort ein Park entstehen soll, müsste man den Sand metertief abgraben und Mutterboden draufkippen und das auf sechs, sieben Hektar. Jede Form der Bodenverbesserung geht in den sechsstelligen Euro-Bereich. Aber wenn Herr Schopf es kaufen möchte, sollte er es machen, dann hat er auch seine Ruhe.

Das Coca-Cola- und Könecke-Gelände soll entwickelt werden – wird das ähnlich schwer?

Fast ganz Hemelingen ist verseucht, und bei Könecke und Coca-Cola wird es ähnlich sein. Das sind Flächen, die seit 100, 150 Jahren industriell genutzt wurden, da ist alles drin, von Altlasten bis alten Bauten.

Das Gespräch führte Christian Hasemann

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+