Hansewasser muss das Nordbremer Kanalnetz ständig sanieren – Derzeit Arbeiten im Burgdammer Ring Das ganze Jahr über wird gebuddelt

Burgdamm. Manchmal fühlen sie sich wie Schatz- oder Totengräber. Wenn zum Beispiel Tonscherben oder Skelette im Erdreich auftauchen.
28.12.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald

Burgdamm. Manchmal fühlen sie sich wie Schatz- oder Totengräber. Wenn zum Beispiel Tonscherben oder Skelette im Erdreich auftauchen. Das zwei Meter tiefe und neun Meter lange Loch an der Stader Landstraße / Ecke Burgdammer Ring hat sich für die Kanalbauarbeiter allerdings noch nicht als Fundgrube entpuppt. Sicher ist nur, dass die rund 60 Jahre alten Kanalrohre marode sind und ausgetauscht werden müssen.

Etwa 2300 Kilometer lang ist das Bremer Kanalnetz, das von der Hansewasser Bremen GmbH unterhalten wird. Eine Strecke, die der Entfernung zwischen der Hansestadt an der Weser und Palermo, der Hauptstadt Siziliens, entspricht. Damit die Wassermassen vom Himmel sowie aus Haushalten, Industrie- und Gewerbebetrieben nicht Straßen, Plätze und Wege überschwemmen, müssen sie unterirdisch und möglichst ohne Stau zu den Kläranlagen in Farge und Seehausen fließen oder gepumpt werden können. Die Folge: Zwischen Rekum und Mahndorf gibt es kaum einen Tag im Jahr ohne Baustellen, auf denen defekte und altersschwache Keramik- oder Betonrohre ausgebuddelt und durch Kunststoff-Exemplare ersetzt werden.

Kurz nach 13 Uhr. Die Mittagspause ist vorbei, die Mitarbeiter einer von Hansewasser beauftragten Firma sowie die Männer der Bauleitung finden sich an der Baugrube ein. Dort, wo der Burgdammer Ring in die Stader Landstraße mündet. Der Frost vor einigen Wochen hat den Zeitplan durcheinander gebracht. Dennoch ist übereiltes Handeln tabu. Weshalb, gibt ein neun Meter langer und zwei Meter tiefer Schacht preis. Kreuz und quer verlaufen Strom- und Wasserleitungen oder Gasrohre. Die Greifbagger nahe der Baustelle sind jetzt nicht zu gebrauchen. Stattdessen wird der sandige und lehmige Boden mit einem Druckluftstampfer an schmalem Stab bearbeitet, der den Kontakt mit den empfindlichen Leitungen meidet.

Martin Schwier, Frank Blanke und Michael Heeke von der Bauleitung sowie Polier Ulrich Benk werfen immer wieder einen Blick in die Baugrube, in der rund 60 Jahre alte Keramikrohre gegen Kunststoffrohre mit einem Durchmesser von 20 bis 40 Zentimetern ausgetauscht werden sollen. Über eine Gesamtstrecke von rund 140 Metern zwischen der Stader Landstraße und der Camminer Straße. Bis Mai 2017 sollen die Sanierungsarbeiten einschließlich der Erneuerung der Hausanschlüsse dauern. Der restliche Abschnitt des Burgdammer Rings bis zur Bremerhavener Heerstraße ist bereits mit neuen Rohren bestückt worden. Ebenso wie die benachbarte Naugarder Straße.

Es seien gewaltige Wassermassen, die unterirdisch mit modernster Technik gezielt bewegt würden, erläutert Oliver Ladeur, Pressesprecher von Hansewasser. Rund 200 Pumpwerke und 176 Kilometer Druckleitungen sorgen dafür, dass Abwasser aus allen Stadtteilen zu den Kläranlagen in Seehausen und Farge gelangen, wo jährlich 50 Millionen Kubikmeter gereinigt werden. Und damit im 2300 Kilometer langen Kanalnetz alles im Fluss bleibt, ist die Hansewasser-Abteilung „Kanalreinigung“ täglich mit Spülwagen unterwegs. Mit Hochdruck werden jedes Jahr Kanalrohre auf einer Länge von 700 Kilometern von Schlamm befreit.

Wie aber kann man feststellen, wo das System ein Leck hat? „Früher“, erklärt Oliver Ladeur, „wurden Kanalrohre vom Schacht aus mithilfe von Spiegeln inspiziert“. Allerdings konnten etliche Mängel auf diese Weise gar nicht geortet werden. Regenwasser und schmutzige Brühe versanken im Boden. Heute kommt Kanal-TV zum Einsatz. Dabei fährt ein rund 20 Kilo schwerer Roboter mit Batterieantrieb, bestückt mit einer Videokamera, durch das Kanalnetz. Gesteuert wird er von Spezialisten in einem mit Monitoren ausgestatteten Begleitfahrzeug.

Sie machen sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild über den Zustand der Abwasserleitungen. Reichweite des rollenden Roboters: rund 100 Meter. Auf diese Weise, so Ladeur, werden jährlich etwa zehn Prozent des Bremer Kanalnetzes unter die Lupe genommen. 17 Millionen Euro investiert „Hansewasser“ pro Jahr in die Erneuerung und Erhaltung des stadtbremischen Kanalnetzes, das aus einem weit verzweigten, rund 2300 Kilometer langen System aus Haupt- und Nebenkanälen besteht. Hinzu kommen öffentliche Anschlussrohre mit einer Gesamtlänge von 1000 Kilometern und private Abwasserleitungen der Grundstücksbesitzer von zurzeit etwa 6000 Kilometern Länge.

Der Bremer Untergrund beherbergt in zwei Metern Tiefe zwei unterschiedliche Kanal-Systeme. In den alten Stadtgebieten werden Schmutz- und Regenwasser noch gemeinsam abgeleitet. Seit den 1950er-Jahren aber praktiziert Hansewasser die Trennung. Das bedeutet: Durch die großen Rohre rauscht das von der Menge her deutlich umfangreichere Himmelsnass, durch die schmaleren das Schmutzwasser aus Haushalten und Betrieben.

Im Burgdammmer Ring tauschen die Bauarbeiter gegenwärtig die Keramik- und Betonröhren für das Trennsystem gegen Kunststoffrohre mit einem Durchmesser von 40 beziehungsweise 20 Zentimetern aus, die rund 80 Jahre lang halten sollen. Gleichzeitig werden die Leitungen zu den Wohnhäusern saniert. Weil die Arbeiten in den Wintermonaten möglicherweise witterungsbedingt ruhen müssen, könnte der Burgdammer Ring zwischen Stader Landstraße und Caminer Straße noch bis Mai 2017 für den Verkehr komplett gesperrt bleiben. Und bis dahin, so Michael Heeke, könne der Burgdammer Untergrund noch Schätze freigeben. Bislang sind vor allem alte Cola- und Bierflaschen gefunden worden.

Mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren verfüge Bremen über ein im bundesweiten Vergleich sehr modernes Kanalnetz, teilt Hansewasser im Internet mit. Und damit das so bleibt, seien laufend Sanierungsmaßnahmen erforderlich. Was sich auch im nordbremischen Straßenbild widerspiegelt. Irgendwo zwischen Grambke und Rekum gibt es immer eine Kanalbaustelle.

So wird im neuen Jahr zum Beispiel im Gebiet Farger Straße /Alte Straße voraussichtlich von April bis Dezember gebuddelt, sollen Kanalbauarbeiten im Oberen Emmatal, an Rauchs Gut und in der Louis-Segelken-Straße in Lesum von Januar bis März über die Bühne gehen, wird der Schmutzwasserkanal in der Straße Auf dem Krümpel in Vegesack ab Juni 2017 auf einer Länge von gut 130 Metern erneuert.

Detaillierte Informationen über alle Kanalbaustellen in der Hansestadt sind im Baustellenradar von Hansewasser unter www.hansewasser.de zu finden.

„Es sind gewaltige Wassermassen, die bewegt werden.“ Oliver Ladeur, Hansewasser
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