Bremer Rathschor erhält hohe Geldspende Das Geschenk der alten Dame

Die letzten Töne der Motette „Komm, Jesu, komm“ von Johann Sebastian Bach sind in der Worpsweder Zionskirche verklungen, der Rathschor schweigt, sein Leiter Jan Hübner verneigt sich. Die Zuhörer applaudieren, sie wollen gar nicht mehr aufhören.
21.07.2015, 00:00
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Das Geschenk der alten Dame
Von Iris Hetscher

Die letzten Töne der Motette „Komm, Jesu, komm“ von Johann Sebastian Bach sind in der Worpsweder Zionskirche verklungen, der Rathschor schweigt, sein Leiter Jan Hübner verneigt sich. Die Zuhörer applaudieren, sie wollen gar nicht mehr aufhören. Auch Erika Fechner klatscht. Dann sagt sie: „Das war so schön, ich muss mich erst einmal wieder sammeln“. Und lächelt auf eine feine, leichte Art.

Erika Fechner ist so etwas wie der Ehrengast des Konzerts, und sie hat mit Sicherheit einen der weitesten Anfahrtswege aller Zuhörer auf sich genommen. Jetzt, kurz nach 18 Uhr am Sonntagabend, wird einer der Sänger sie zurückfahren in ihr Haus in Hechthausen. Die Geschichte, wie Erika Fechner aus dem kleinen Ort zwischen Cuxhaven und Stade zum Bremer Rathschor fand, hat eine traurige, aber auch eine schöne Seite.

Denn Erika Fechner hat dem Rathschor sehr viel Geld gespendet. Die genaue Summe möchte die Seniorin nicht in der Zeitung lesen, aber sie ist hoch genug, damit der Chor einige Zeit lang seinen Chorleiter und sonstige Ausgaben bezahlen kann. „Es ist das Geld, das als Altersversorgung für meinen Sohn vorgesehen war“, erzählt Erika Fechner. Ihr Sohn ist im Juni vergangenen Jahres nach langer Krankheit gestorben.

Nachdem der erste heftige Schock über den Tod ihres einzigen Kindes sich ein wenig gelegt hatte, beschlosss Erika Fechner: „Ich habe eine gute Rente, ich brauche das Geld aus seiner Altersvorsorge nicht. Ich möchte gerne, dass damit etwas Sinnvolles gemacht wird.“ Was nicht für sie infrage kam: „Es sollte auf keinen Fall bei einer großen Wohltätigkeitsorganisation für Verwaltungskosten ausgegeben werden, es soll ganz direkt etwas nutzen, und zwar in Bremen“. Denn Erika Fechner ist in Walle geboren – „ich bin eine Tagenbare“, sagt sie voller Stolz und erinnert sich daran, wie sie 1945 im Bremer Westen ausgebombt wurde und ein Jahr später mit ihrem neu geborenen Sohn von Walle nach Blumenthal umsiedelte. „Da war es nicht so schlimm, in Walle konnte man mit einem Säugling damals nicht leben.“ Kurz danach verließ sie Bremen mit Mann und Kind, zunächst wohnten die Fechners eine Weile in Schleswig-Holstein, wo ihr Mann für den Deutschen Gewerkschaftsbund arbeitete, danach siedelten sie nach Hamburg um. Und Erika Fechner kehrte in ihren erlernten Beruf zurück: 22 Jahre lang war sie als kaufmännische Angestellte bei einer Pensionskasse beschäftigt. Irgendwann zogen die Fechners dann ins beschauliche Hechthausen.

In den knapp 3500 Einwohner zählenden Ort verschlug es auch Bremens ehemaligen Bürgermeister Henning Scherf für einen seiner Vorträge über das Thema Alter und Altern im vergangenen Jahr – just zu der Zeit, als Erika Fechner überlegte, welche Bremer Institution sie unterstützen wollte. Auf einmal habe sie gewusst, wer ihr bei der Suche behilflich sein könnte: „Ich habe den Herrn Scherf einfach angerufen und ihn gefragt, ob er eine Idee hat.“ Das geht, weil Henning Scherf im Telefonbuch steht.

„Da war ich schon verdutzt“, sagt der ehemalige Bürgermeister über den Anruf. Gleichzeitig habe das für ihn auch eine große Verantwortung bedeutet: „Wen schlägt man da vor und wen nicht?“ Ein bisschen leichter machte Erika Fechner es ihm, als sie ihre Herkunft aus Walle erwähnte – sie wollte gerne eine Initiative unterstützen, die in diesem Stadtteil aktiv sei. Scherf schlug einige vor, darunter befand sich auch der seit 2008 bestehende Rathschor, der als Verein zwar nicht fest zu einer Kirchengemeinde gehört, aber in der Wilhadi-Kirche am Steffensweg probt und dort ab und an auch Gottesdienste begleitet. Scherf ist im Vorstand des Chors aktiv. Erika Fechner überlegte einige Zeit und entschied sich schließlich tatsächlich für den Rathschor, was sicher auch damit zu tun hat, dass sie immer schon gerne Musik gehört hat. Vor allem die Klänge von Mozart, Schubert und Bach haben es ihr angetan, „das höre ich so gerne im Radio“, sagt sie. Seltener auch live, wie am Sonntag in Worpswede: Schließlich wollte der Chor seine Gönnerin kennenlernen, und auch Erika Fechner war neugierig auf die Sänger. Für den 15. November plant der Bremer Rathschor dann einen Trip nach Hechthausen: An diesem Tag feiert Erika Fechner ihren 91. Geburtstag, und der Chor möchte ihr ein Ständchen singen.

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