Quarantäne Orchester live

Auf zur Golden City-Lokalrunde

Zwei Bremer Musiker erzählen, was ihnen die Mitwirkung im virtuellen „Golden City Quarantäne Orchester“ gegeben hat und weshalb sie sich so sehr auf ihren ersten gemeinsamen Live-Auftritt freuen.
03.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Auf zur Golden City-Lokalrunde
Von Sigrid Schuer
Auf zur Golden City-Lokalrunde

Kiss-Fan Frank Traemann inmitten seiner Instrumentensammlung.

Roland Scheitz

Wenn Frank Traemann in den zurückliegenden Monaten etwas vermisst hat, dann war es seine Musik. Für den 50-Jährigen, der seit 33 Jahren als Betriebsschlosser bei Beck’s arbeitet, gilt die Devise von John Miles: „Music was my first love“. In seinem Haus in Walle hat er eine Sammlung von rund 60 Instrumenten zusammengetragen, die sich sehen lassen kann. „Ich bin eben Multi-Instrumentalist“, sagt Traemann und das Amüsement und die (Spiel-)Freude sind seiner Stimme förmlich anzuhören. Begonnen hat er mit Gitarre, dann folgten Bass, Percussion, Keyboard und zuletzt Tenor- und Bariton-Saxofon. Und letzteres wird er auch bei der Golden City-Lokalrunde „extra“, die am Sonntag, 9. August, um 20 Uhr, im Licht-Luft-Bad am Strandweg über die Bühne geht, spielen.

Der Clou dabei: Als Fan der US-Rockband Kiss wird er ein stilechtes Glam-Outfit tragen, wenn auch dieses Mal ohne silberne Plateau-Stiefel. Das vereitelt momentan ein zwickender Meniskus. Ein echter Hingucker ist jedoch die Wrestler-Maske mit dem extravaganten Kiss-Make-up – kalkweiß, nur echt mit den schwarzen Sternen um die Augen. „Iwo“, das Outfit mache ihm auch als Backgroundsänger keine Probleme, sagt er.

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Kiss-Traemann wird bei der Lokalrunde ein echter Hingucker sein, das ist schon mal sicher. „Endlich mal wieder live auf der Bühne spielen, das habe ich so vermisst“, seufzt er. Natürlich mit gebührendem Sicherheitsabstand, auch wenn das „Golden City Quarantäne Orchester“ unter freiem Himmel spielt.

Mit einer seiner Bands, der Ska-Reggae-Punk-Formation „Brennholzverleih“, in der er seit 2016 Mitglied ist, hat er zuletzt zweimal wöchentlich in der „Friese“ geprobt, bis die kurz vor dem Shutdown ausbrannte. Seit seinen Lehrjahren bei Beck’s habe er in mehreren Bremer Bands gespielt, erzählt er. Mit Sarah Jahn und Daniel Beierlein mischen zwei weitere Bandmitglieder von „Brennholzverleih“ beim „Golden City Quarantäne Orchester mit.

Ein Unglaubliches Flair

Alle drei sind genauso wie Christina Pletsch, ein weiteres Mitglied des Quarantäne Orchesters, von Anfang an Fans des „Golden City“. „Ich finde es sehr schade, dass die Crew immer wieder von ihren Standorten vertrieben wurde, zuletzt vom Lankenauer Höft“, sagt Frank Traemann. Überhaupt, die Halbinsel in Woltmershausen habe ein unglaubliches Flair. „Wir haben uns sehr gefreut, dass wir mit ‚Brennholzverleih’ eingeladen wurden, dort beim Sommerfestival zu spielen. Und sogar ein befreundetes Pärchen hat vor dieser Kulisse geheiratet“, schwärmt der Musiker.

Die temporäre Hafenbar wollte eigentlich in diesem Sommer ihre Pforten auf dem ehemaligen Kellogg-Gelände öffnen. Doch dann kam Corona und machte den freischaffenden Künstlern einen dicken Strich durch die Rechnung. Was also tun? Hafenbar-Chefin Frauke Wilhelm alias Ramona Ariola startete im Internet einen Aufruf zur Gründung des virtuellen „Golden City Quarantäne Orchesters“.

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Musikerinnen und Musiker aus ganz Bremen, aber auch aus Berlin und New York machten mit. Jede und jeder nahm zu Hause per Smartphone entweder einen Instrumental- oder einen Gesangspart auf, die dann von Frauke Wilhelm zu einem Video-Konzert zusammengeschnitten wurden. (Wir berichteten). Die Video-Einsendungen waren äußerst fantasievoll, siehe „Kiss“-Kostüm. Die Instrumenten-Auswahl nicht minder. So kramte Christina Pletsch ihre Blockflöte aus Kindertagen hervor, spielte aber auf ihrem Video, das sie draußen auf der Wiese am Deich drehte, abwechselnd auch Nasenflöte und Kazou.

Wie für Traemann war das, mitten im coronabedingten Shutdown, in der Zeit, in der gar nichts mehr ging, Balsam für die von der Livemusik entwöhnte Seele. Seit sechs Jahren singt die Findorfferin im Waller Heart Chor. Wie für so viele andere Laien- und Profi-Formationen gilt auch für den Waller Heart Chor: „Wir hängen immer noch komplett in der Luft und wissen nicht, wann wir wieder in geschlossenen Räumen proben dürfen“, stellt sie resigniert fest. Denn niemand kann wissen, wie sich die Corona-Pandemie noch entwickeln wird. Pletsch unterrichtet hauptberuflich als Mathe- und Physik-Lehrerin in Stuhr und hatte von daher noch einmal mit ganz besonderen Corona-Herausforderungen zu kämpfen.

Finanzielle Lage ist dramatisch

Sowohl Traemann als auch Pletsch befinden, dass es schon eine „dufte Sache“ sei, die Mitglieder des Quarantäne Orchesters endlich live und in Farbe kennenlernen zu können. Sie rechnen mit bis zu 60 Teilnehmenden. Und, räumt Frank Traemann ein: „Uns geht es ja noch gut, weil viele von uns keine hauptberuflichen Musiker sind. Denn für Profi-Musiker, die zum Teil auch keine staatliche Unterstützung bekommen haben, ist die finanzielle Lage echt dramatisch. Sie haben all’ unsere Unterstützung verdient“, sagt er mit Nachdruck.

Christina Pletsch bedauert es sehr, dass sie bei dem ersten Auftritt des „Golden City Quarantäne Orchesters“ nicht dabei sein kann, weil sie in Urlaub ist. Nun hofft sie auf eine Neuauflage. In Anbetracht der vielen Einschränkungen durch die Pandemie sind die Namen der Songs Programm: „SOS“ von Abba und „I want to break free“ des früh verstorbenen „Queen“-Leadsängers Freddy Mercury. Passend zur Corona-Krise eingedeutscht in „Ich will hier mal raus“. Und das Schönste daran: Das Publikum kann, natürlich mit gebührendem Abstand, mitsingen und auch seine eigenen Instrumente mitbringen. Das Orchester ist weiter offen für alle. Der Text wird von Frauke Wilhelm und Partnerin Nomena Struß alias Ramon Locker geliefert. Anmeldungen sind erwünscht an die E-Mail-Adresse info@goldencity-bremen.de. Wie sagt es doch gleich Ramona Ariola: „Gemeinsam singen ist eine Glücksdroge!“ Na, dann, frei nach Abba: „Thank you for the music!“

Weitere Informationen

Der Eintritt zur Golden City Lokalrunde ­„extra“, die am Sonntag, 9. August, um 20 Uhr, im Licht-Luft-Bad im Rahmen des Kultursommers Summarum steigt, kostet zehn Euro zuzüglich zwei Euro Vorverkaufsgebühr. Personalisierte Tickets können bei Nordwest-Ticket, im Pressehaus in der Martinistraße oder unter Telefon 36 36 36 erworben werden.

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