Zugunfall richtet Millionenschaden an Das große Aufräumen am Bahnhof

Bremen. Die große Aufregung im Bremer Hauptbahnhof ist vorüber. Nach dem Unfall mit einem Güterzug, der am Donnerstag für etliche Stunden den Bahnhof lahmgelegt hatte, waren am Freitag die Züge Richtung Norden überwiegend wieder nach Fahrplan unterwegs.
16.02.2013, 05:00
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Das große Aufräumen am Bahnhof
Von Jürgen Hinrichs

Die große Aufregung im Bremer Hauptbahnhof ist vorüber. Nach dem Unfall mit einem Güterzug, der am Donnerstag für etliche Stunden den Bahnhof lahmgelegt hatte, waren am Freitag die Züge Richtung Norden überwiegend wieder nach Fahrplan unterwegs. Richtung Süden gibt es aber noch beträchtliche Störungen. Grund sind die aufwendigen Aufräumarbeiten an der Unfallstelle.

An der Unfallstelle sieht es aus wie auf dem Schrottplatz. Abgerissene Waggons, die quer zu den Gleisen stehen, Achsen, Räder, Stahlmasten, Spulen, Kabel, alles wild durcheinander, wie hingeworfen. Die Schienen haben keine Anker mehr, die Schwellen sind zerfetzt, und der Schotter ist wie mit Baggerschaufeln aufgewühlt. Ein immenser Schaden, der dort angerichtet wurde. Keine 100000 Euro, wie anfangs angenommen, sondern eher ein paar Millionen, teilt die Deutsche Bahn mit. Nach Einschätzung der Bundespolizei werden die Aufräumarbeiten nach dem Zugunfall noch einige Tage andauern, so lange muss weiter mit Beeinträchtigungen des Zugverkehrs gerechnet werden.

Eine lange Zeit konnte nach dem Unfall der betroffene Gleisabschnitt vor dem Hauptbahnhof nicht betreten werden. Lebensgefahr! Denn auch nachdem der Strom abgestellt war, gab es in den Leitungen noch eine beträchtliche Restspannung. Erst am nächsten Morgen stand eine Armada von Mitarbeitern der Deutschen Bahn und der Bundespolizei auf den Gleisen und inspizierte den Schaden. Spektakulär allein schon der Anblick, wie einer der Masten, die von dem Zug aus ihrer Verankerung gerissen wurden, sich um das Dach eines Waggons gewickelt hat.

Der Mast muss auseinandergeschweißt werden, bevor die Arbeiter sich der Waggons annehmen. Zwei Kräne sind dafür gestern angerückt, um die tonnenschweren Zugteile zurück aufs Gleis zu heben. Bei mindestens einem der Waggons, einem Autotransporter, wird das nicht gelingen. Er hat keine Achsen und Räder mehr und muss aufgeladen werden.

Nach und nach kann jetzt nachvollzogen werden, wie der Unfall passiert ist. Das Warum bleibt aber noch vollkommen ungeklärt. "Wir wissen mittlerweile, dass der erste Waggon bereits knapp drei Kilometer vor dem Hauptbahnhof aus den Schienen gesprungen ist", sagt Holger Jureczko, Sprecher der Bundespolizei. Es geschah auf Höhe der Stader Straße, wo sie in die Kirchbachstraße übergeht.

Der Lokomotivführer hatte zunächst nichts davon bemerkt, dass einer der Waggons nicht mehr in der Spur war. "Die Lok hat mit ihren 83 Tonnen und mehreren Tausend PS so viel Kraft, dass sie den Widerstand einfach wegzieht", erklärt Jureczko. Auf einer Strecke von drei Kilometern war der Waggon quasi wie ein Pflug, der sich durchs Gleisbett frisst. Daher der um ein Vielfaches höhere Schaden.

Etwa 400 Meter vor Einfahrt in den Hauptbahnhof scherte der entgleiste Waggon so weit aus, dass er die ersten Signalanlagen und die Masten der Oberleitungen mit sich riss. In diesem Moment erst, so schildert es Jureczko, hatte der Lokomotivführer gemerkt, dass mit seinem Zug etwas nicht stimmt. "Einen Rückspiegel hat er ja nicht." Die Bremsleitung riss und dann auch der Zug selbst, 200 Meter vor dem Bahnhof kam er in zwei Teile geteilt endlich zum Stehen.

Als Ursache für den Unfall, der dort seinen Ausgang nahm, wo der erste Waggon entgleist war, kommt alles Mögliche infrage, und Jureczko lässt offen, wie wahrscheinlich jede einzelne Variante ist. "Das können technische und menschliche Komponenten sein." Der Materialschaden an einer Achse zum Beispiel oder der Aufbau des Zuges, wann wer welche Waggons zusammengestellt hat. "Das werden wir auch in den nächsten Tagen noch nicht mit Bestimmtheit sagen können", sagt Jureczko.

Während gestern auf den Gleisen mit den Aufräumarbeiten begonnen wurde, hatte sich der Betrieb am Bahnhof im Laufe des Vormittags auf ein reduziertes Programm eingependelt. Es waren deutlich weniger Menschen unterwegs, und das merkten auch die Geschäfte. "Nichts los", sagte eine Verkäuferin in Kamps Backstube. Weiterhin waren ja etliche Gleise gesperrt, und Verbindungen mussten ausfallen. In Richtung Oldenburg, Bremerhaven und Hamburg lief der Zugverkehr zwar wieder, nicht aber nach Hannover und damit in den Süden der Republik.

Unmittelbare Auswirkungen hat der Zugunfall auch auf das Geschäft der anderen Verkehrsträger in der Stadt. Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) spricht von einem deutlich höheren Aufkommen an Fahrgästen. "Wir haben sämtliche Busse und Bahnen im Einsatz", sagt BSAG-Sprecher Jürgen Lemmermann.

Genauso bei den Taxiunternehmen. "Ich sehe unsere Autos auf dem Display gerade in Hamburg, Hannover, Walsrode, Verden, Syke, Oldenburg und Bremerhaven", berichtet der Geschäftsführer von "Taxi-Ruf Bremen", Wolfgang Verbeek. "Normalerweise warten wir am Bahnhof auf die Züge und ihre Fahrgäste, jetzt müssen wir die Züge ersetzen." Ein schönes Zusatzgeschäft, meinte Verbeek, "aber bitte, ein Unfall muss deswegen nicht passieren. Gut, dass niemand verletzt wurde".

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