Fachstelle Glücksspielsucht bietet Betroffenen und ihren Angehörigen Beratung und Hilfe Das halbe Leben verzockt

Bahnhofsvorstadt. Wenn Spielautomaten oder Lottoscheine das Leben bestimmen, steckt man längst mittendrin im Teufelskreis der Krankheit. Trotz schärferer Gesetze hat die Spielsucht in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen.
15.10.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Britta Kluth

Wenn Spielautomaten oder Lottoscheine das Leben bestimmen, steckt man längst mittendrin im Teufelskreis der Krankheit. Trotz schärferer Gesetze hat die Spielsucht in den vergangenen Jahren in Deutschland zugenommen. Wie auch das Angebot an Spielhallen. 132 gibt es allein in Bremen, Tendenz steigend.

Umso wichtiger ist die Arbeit von Sandra Speidel und Gisela Koning-Hamers von der Fachstelle Glücksspielsucht in Mitte. Seit ihrer Gründung im Januar 2009 haben bereits viele Betroffene die Beratungsstelle in der Bürgermeister-Smidt-Straße aufgesucht. Wie das umfangreiche Hilfsangebot aussieht, steht in einem neuen Informationszettel, den sich Interessierte im Internet herunterladen können.

Das Schweigen zu brechen, sei bereits der erste Schritt aus der Abhängigkeit, sagt Gisela Koning-Hamers. Die Sozialarbeiterin ist wie ihre Kollegin Sandra Speidel neu im Team. Beide bringen jahrelange Erfahrung in der Beratung und Arbeit mit Suchtkranken mit.

„Die Gründe fürs Spielen können vielfältig sein“, sagt Sandra Speidel. „Bei dem einen ist es die Flucht vor Alltagsproblemen, bei dem anderen die Steigerung des Selbstwertgefühls. Sicher ist, dass die Sucht für etwas steht. Meist einen Mangel, den man durch den Kick und den erhofften Gewinn befriedigen will.“

„Es geht nicht allein ums Geld, sondern um den Nervenkitzel, den Reiz und das Glücksgefühl“, weiß Gisela Koning-Hamers. „Im Rausch des Spiels kann er für kurze Zeit den Alltag und all seine Probleme ausblenden.“ Doch schnell folgt die Ernüchterung. Die Miete ist verzockt, der Weg in die Schuldenfalle frei. „Spielsüchtige sind oft Meister im Vertuschen“, sagt Speidel. „Meist dauere es lange, bis das Umfeld die Krankheit erahne.“ Angehörige geraten deshalb häufig in eine sogenannte Co-Abhängigkeit und leiden ebenso unter den Folgen. Das Angebot der Beratungsstelle richtet sich deshalb sowohl an Spielsüchtige als auch an deren Familien.

Die beiden Sozialarbeiterinnen informieren Ratsuchende zunächst über die verschiedenen Formen von Hilfe. Darunter fallen zum Beispiel Einzel-, Paar- oder Gruppengespräche, die Vermittlung in ambulante oder stationäre Therapieeinrichtungen und die Kooperation mit Selbsthilfegruppen. Außerdem arbeitet die Fachstelle eng mit der Schuldnerberatung zusammen. Am Anfang aber steht erst einmal die Auseinandersetzung mit dem eigenen Spielverhalten.

„Wir machen eine Art Bestandsaufnahme zur momentanen Situation und unterstützen den Klienten dabei, neue Perspektiven zu entwickeln. Viele, die zu uns kommen, wissen gar nicht, dass die Spielsucht eine anerkannte Krankheit ist und sie deshalb über den Kranken- und Rententräger Anspruch auf therapeutische Hilfen haben“, sagt Sandra Speidel, und Gisela Koning-Hamers fügt hinzu: „Natürlich schauen wir am Anfang auch, ob es irgendwo akut brennt und wir zum Beispiel zunächst einmal gemeinsam mit dem Klienten die finanzielle Situation klären müssen.“

Hat der oder die Betroffene die Situation akzeptiert, kann ein weiterer Schritt sein, sich für den Zutritt in Spielhallen oder -banken sperren zu lassen. Das ist nach dem Bremer Glücksspielstaatsvertrag möglich. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass die Anbieter außerdem ihr Personal in der Früherkennung von Spielsüchtigen schulen müssen. Diese Schutzvorkehrungen zeigen allerdings in der Praxis zu wenig Wirkung, weiß Sandra Speidel.

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern sei in Bremen außerdem eine Sperre für jede einzelne Spielhalle erforderlich. Gerhard Meyer, der Leiter der Fachstelle für Glückspielsucht und Professor am Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen, fordert deshalb eine flächendeckende Sperre nach dem Vorbild Hessens.

Trotz dieser Einschränkung rät Gisela Koning-Hamers dazu: „Nicht nur die Hürde zu spielen wird dadurch größer, es ist eben auch ein Schritt in die Eigenverantwortung.“

Die Last der Schulden, der Verlust des Partners oder der Arbeit und der ständige Druck, das Lügengebilde aufrecht zu halten, seien oft enorm, wissen Sandra Speidel und Gisela Koning-Hamers. Vielen Betroffenen helfe es allein, wenn sie sich jemandem anvertrauen könnten. „Was immer auch bei uns im Raum besprochen wird, bleibt dort“, betonen die beiden Fachfrauen. „Natürlich unterliegen wir der Schweigepflicht.“ Wer möchte, könne sich außerdem anonym beraten lassen.

Die Bremer Fachstelle Glücksspielsucht ist in der Bürgermeister-Smidt-Straße 35 (erreichbar über Eingang Falkenstraße). Telefonische Terminvereinbarung ist möglich unter 9897927. Ratsuchende können auch ohne Anmeldung zu den offenen Sprechzeiten montags und donnerstags 10 bis 12 Uhr sowie mittwochs 14 bis 16 Uhr kommen. Weitere Informationen und das Informationsblatt zum Herunterladen gibt es im Internet auf www.gluecksspielsucht-bremen.de.

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