Architekt über Bausünden in Bremen-Nord "Das Haven Höövt funktioniert als Gebäude nicht"

In Bremen-Nord hat sich eine neue Bürgerinitiative gegründet: „Bausünden Lesum“. Wie schlimm sieht es vor Ort aus? Unsere Redaktion sprach mit Martin Pampus vom Bund Deutscher Architekten.
12.03.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Julia Ladebeck

In Bremen-Nord hat sich kürzlich eine Bürgerinitiative gegründet, die sich „Bausünden Lesum“ nennt. Anlass ist der geplante Bau eines Acht-Parteien-Hauses in der Straße Oberes Emmatal. Es kommt immer häufiger vor, dass geplante Bauprojekte kritisiert und als Bausünden tituliert werden. Oft geht es um die Größe der Gebäude, aber auch die Architektur stößt auf Kritik. Mit Martin Pampus, Vorsitzender des Bunds Deutscher Architekten in Bremen, sprach Julia Ladebeck.

Gibt es überhaupt Bausünden?

Martin Pampus: Ja, natürlich. Bausünden gibt es.

Wie werden Bausünden definiert?

Es gibt drei Kategorien, die man hinterfragen muss, wenn es darum geht, ob ein bestimmtes Objekt eine Bausünde ist. Da wäre zum einen die ästhetische Beurteilung. Und zwar nicht im Sinne von schön oder hässlich, sondern im Sinne der Wahrnehmung. Wie wird das Objekt wahrgenommen? Passt es sich in die Umgebung ein? Welchen Ausdruck hat es? Ist es in einem unpassenden Stil erstellt? Hat es abwegige Dimensionen? Die Beurteilung, ob etwas schön oder hässlich ist, würde ich nicht einbeziehen, weil sie subjektiv ist und dem Zeitgeist geschuldet. Es kann sein, dass diese Beurteilung nach 15 Jahren ganz anders ausfällt: Was heute hässlich ist, ist vielleicht in 15 Jahre Kult oder andersherum. Beliebigkeit, Belanglosigkeit, Austauschbarkeit, Charakterlosigkeit, Gedankenlosigkeit im Entwurf sind viel gravierender und zeichnen eine Bausünde aus.

Und die zweite Kategorie?

Das ist die funktionelle Beurteilung. Die Frage dazu lautet: Wird das Gebäude seiner Aufgabe gerecht? Wie leistungsfähig ist es? Dazu gehört auch der technische Teil. Es können Gebäude sein, die technisch nicht funktionieren oder bauphysikalische Mängel haben. Bei energetischen Sanierungen kann es beispielsweise bauphysikalische Fehler geben. Auch die Auswirkungen auf die Umgebung spielen eine Rolle, wenn sie negativ sind. Beim Bau von Hochhäusern können extreme Verschattungen entstehen oder negative Veränderungen auf das Kleinklima – wenn sich zum Beispiel die Windverhältnisse verändern. Eine weitere negative Auswirkung kann die Störung von Sichtachsen oder Blickbeziehungen sein.

Was muss bei der Bewertung noch berücksichtigt werden?

Der dritte große Bereich betrifft die Frage: Was hat das Gebäude gemacht? Was hat es verursacht? Sind vorhandene Werte beeinträchtigt worden? Ist etwas zerstört worden? Beispielsweise bei der Veränderung von Denkmälern. Straßen- und Brückenbauwerke können landschaftszerstörend wirken, wenn sie nicht gut gemacht sind. Bei all diesen Fragen muss man aber berücksichtigen, dass jeder Bau eine Veränderung bedeutet. Wenn der Mehrwert, der durch den Bau entstanden ist, den Verlust übersteigt oder rechtfertigt, dann kann man nicht von einer Bausünde sprechen. Dann handelt es sich um eine legitime Entwicklung. Die Frage der Verantwortung ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig. Planer müssen verantwortungsbewusst handeln, um negative Auswirkungen zu vermeiden.

Nennen Sie bitte einmal Beispiele für Bausünden in Bremen-Nord.

Da wäre zum Beispiel die Grohner Düne. An diesem Baukomplex lassen sich all diese Kriterien gut nachvollziehen. Was auch hart an die Bausünde herangeht, ist das Haven Höövt. Weil es als Gebäude nicht funktioniert und weil es auch viel gemacht hat mit dem Rest des Ortes. Der hat darunter sehr gelitten – architektonisch, gestalterisch. Da gibt es große Fragezeichen, die weit über die Frage hinausgehen: Ist es hässlich? Beispielsweise bezogen auf die Maßstäblichkeit, die Beliebigkeit. Dem Gebäude fehlt jede charakterbildende Qualität für den Ort.

In Bremen-Nord wird gegenüber Investoren häufig der Vorwurf geäußert, sie würden Schuhkarton-Architektur bevorzugen, triste und einfallslose Entwürfe, die sich wie im Modellbau ständig wiederholen. Stimmen Sie dem zu?

Es ist zu beobachten, dass es besonders im Wohnbau eine Tendenz gibt zu einer sehr kubischen, geometrisch einfachen Architektur, die sich auf ganz wenige Gestaltungselemente fokussiert. Gearbeitet wird mit einer Komposition, die ohne Dach arbeitet und versucht, ihre architektonische Qualität durch das Modellieren von Rechtecken, von Quadern, von Würfeln zu bewältigen. Das kann, wenn es gut gemacht ist, durchaus Qualitäten entwickeln. Das kann aber auch schlicht werden.

Und ziemlich eintönig . . .

Eintönig ist natürlich erst einmal negativ besetzt. Die Begriffe Einheitlichkeit und Homogenität meinen das Gleiche, sind aber nicht negativ besetzt. Einheitlichkeit im architektonischen Bild kann sehr angenehm sein und ruhig wirken.

Kritisiert wird in diesem Zusammenhang das Baugebiet Gut Hoher Kamp. Was halten Sie davon?

Das habe ich mir erst kürzlich noch einmal angeschaut. Es ist eine weiße, eine kubische Architektur. Durch die Einheitlichkeit kommt viel Ruhe hinein. Die Siedlung trifft auch den Maßstab, man kann wirklich nicht sagen, dass da vom Maßstab danebengegriffen wurde, auch im Verhältnis zu den umliegenden Gebäuden. Das ist schon gut gemacht. Beim Entwurf wurden Grundregeln eingehalten und die Architektur hat Qualität. Eine Verschandelung ist die Siedlung keinesfalls oder eine, die unangenehm auffällt. Da kenne ich aus Bremen ganz andere Beispiele. Zum Beispiel den Jacobs-Park an der Schwachhauser Heerstraße. Das ist eine Bausünde.

Warum?

Dort wurden Einzelgrundstücke filetiert und verkauft und es sind Einfamilienhäuser entstanden. Dort steht ein Zeltdach neben einem Satteldach, ein Bauhaus-Haus neben einem Landhaus. Das Areal ist von einer erstaunlichen Banalität geprägt. Es mag Leute geben, die sagen, das ist individuell. Nein, ist es nicht. Dort wurden Bilder von Traumhäusern verwirklicht ohne zu gucken, was rechts und links passiert. Oder was es für den Außenraum bedeutet. Dort ist in meinen Augen etwas schiefgelaufen. Da hätte auch von regulierender Seite anders rangegangen werden müssen.

Was halten sie von Gestaltungssatzungen oder Bebauungsplänen, die die Gestaltung in bestimmten Gebieten regulieren – auch ästhetisch?

Ich finde das berechtigt. Es gehört allerdings Fingerspitzengefühl dazu, damit es nicht zu rigide wird. Je höher der Denkmalwert des Bestandes ist, desto rigider muss die Gestaltungssatzung sein. Dort, wo Siedlungsstrukturen vorhanden sind, die – und das ist wichtig – einen Charakter, eine Homogenität haben, ist es sinnvoll, über Gestaltungssatzungen nachzudenken.

Würde das Wohnumfeld rund um die Straße „Oberes Emmatal“ diese Voraussetzung Ihrer Meinung nach erfüllen?

Ich muss sagen, dass ich dort einen Charakter, eine Homogenität, die ein behutsameres Vorgehen bei künftigen Bebauungen rechtfertigen würde, nicht sehe. Dort sind unterschiedliche Architekturen, Größen, Stile und Qualitäten vertreten. Das Gebiet hat seine Qualität, weil es sehr durchgrünt ist, die Grundstücke sind ziemlich groß und gut eingewachsen. Dadurch fällt ein Eingriff natürlich stärker auf. Ich habe mir das dort geplante Projekt angeschaut und muss sagen, dort kann man meiner Meinung nach nicht von einer Verschandelung des Ortsbildes sprechen oder von einer Bausünde. Zumal das Grundstück im hinteren Bereich liegt, es ist kein prominenter Bauplatz. Man wird das Gebäude nicht einmal wahrnehmen, es sei denn, man wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft.

Besonders die Dimension von Bauvorhaben ist ein häufiger Kritikpunkt. Sind die Architekten da zu unsensibel?

Bebauungspläne schreiben das Maß und die Art der baulichen Nutzung eines Grundstücks vor. Es ist eine Frage des Geschicks eines Architekten, wie er ein vom Bauherrn gewünschtes Gebäude umgebungsverträglich auf einem Grundstück unterbringt. Das ist die Aufgabe von Architekten, sensibel vorzugehen und den goldenen Mittelweg zu finden. Wenn diese Ausnutzungen nicht gewünscht sind, kann man weder dem Architekten den Vorwurf machen noch dem Bauherrn. Das ist eine Frage der Stadtplanung, der Bauverwaltung. Und die Bebauungspläne erstellen, abstimmen und zur Gültigkeit bringen, das macht kein Investor, kein Bauträger, kein Architekt, kein Beirat, das macht keine Bürgerbewegung, das macht die Bauverwaltung und die Deputation beschließt sie. Und die ist schließlich gewählt worden.

Ist diese Debatte eigentlich spezifisch für den Bremer Norden oder sind Ihnen ähnliche Konflikte auch aus anderen Stadtteilen bekannt?

Nein, diese Debatte gibt es überall. Sie ist auch nicht bremenspezifisch. Nachhaltigkeit bei der Stadtplanung und die Devise „Schluss mit dem Flächenverbrauch“ wird grundsätzlich begrüßt. Innenverdichtung ist gut, lautet der Konsens. Aber wenn das dann hinter dem eigenen Garten passiert, dann wird’s ungemütlich, ist manchmal mein Eindruck.

Zur Person: Martin Pampus hat in Wien studiert und lebt seit 20 Jahren in Bremen, er arbeitet im Architekturbüro Schulze Pampus. Seit 2012 ist der 51-Jährige Vorsitzender des Bunds Deutscher Architekten in Bremen.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+