Marmorsaal im Holzhafen wird 100 Jahre alt

Das Herz von Kaffee HAG

Bremen. Einst diente der 100 Jahre alte Marmorsaal in der Überseestadt den Direktoren der Kaffee-HAG-Werke als exklusiver Speisesaal. Nun bemüht sich eine Gruppe ehemaliger Firmenmitarbeiter emsig um den Raum.
02.05.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Das Herz von Kaffee HAG
Von Sara Sundermann
Das Herz von Kaffee HAG

Da werden Erinnerungen wach: Christian Ritschel (links) und Manfred Siebert im Marmorsaal der Kaffee-HAG-Werke.

Christina Kuhaupt

Der Marmorsaal ist ein verborgener Schatz der Überseestadt: Einst diente die heilige Halle der Kaffee-HAG-Werke den Firmendirektoren als exklusiver Speisesaal. Zum 100. Geburtstag des Marmorsaals bemüht sich eine Gruppe ehemaliger Firmenmitarbeiter emsig um den Raum. Ihr Einsatz für ein längst geschlossenes Werk erinnert an ein bedeutsames Stück Bremer Industrie- und Sozialgeschichte.

Es ist ein frostiger Prachtraum: Der Marmorsaal hat auf den ersten Blick den Charme einer Edelgruft. Marmor wirkt ohnehin kühl. Und obendrein ist der denkmalgeschützte Saal leer, ohne Leben. Ab und zu wird hier gefeiert, denn man kann den Raum für Hochzeiten und andere Anlässe mieten. Und manchmal finden ein paar neugierige Besucher den Weg hierher. Doch meist steht das Prunkstück leer.

Es ist das Herzstück einer Bremer Firma, die es so nicht mehr gibt. Heute gehört Kaffee HAG zum Produktportfolio des US-Konzerns Mondelez. Der Marmorsaal diente Kaffee HAG als Repräsentationsraum. Hierher wurden wichtige Geschäftspartner und ausländische Botschafter eingeladen. Zugleich zeugt der Saal von der firmeninternen Hierarchie. Es war streng reglementiert, wer hier reindurfte: Direktoren, Aufsichtsratsmitglieder und ihre Gäste tafelten hier, in dem Raum mit den vergoldeten Wasserhähnen und dem steinernen Tresen. Alle anderen Firmenangehörigen sahen den Marmorsaal nur bei Betriebsjubiläen von innen. Die Kantine der Arbeiter befand sich symbolträchtig ein Stockwerk tiefer, im Keller.

Doch die ehemaligen Kaffee-HAG-Mitarbeiter, die jetzt durch den eisgrauen Steinsaal laufen, sprechen in warmen Worten von ihrer alten Firma. „Das Mittagessen in der Kantine kostete damals 50 Pfennig“, erzählt Ex-Mitarbeiter Karl-Heinz Niemeyer. In seiner Stimme schwingt Wehmut mit. „Kaffee HAG war eines der sozialsten Unternehmen in Bremen.“ Es gab Weihnachtsgeld, 1.-Mai-Geld und Kartoffelgeld für Lebensmittel. „Und der Marmorsaal war ein Heiligtum“, sagt Niemeyer.

Es sind nicht die Eigentümer des Gebäudes, die heute zur Würdigung des Saals einladen, nicht die Denkmalpfleger und nicht Markenerbe Mondelez. Nein, es sind ehemalige Firmenmitarbeiter, die ihre alten Kollegen in ganz Deutschland für eine Jubiläumsfeier zusammentrommeln wollen. 1000 Einladungen haben sie insgesamt verschickt, 690 davon gingen an frühere HAG-Beschäftigte, die in Bremen leben. Die meisten von ihnen sind im Ruhestand.

Die sechs Mitarbeiter, die sich um die Jubiläumsfeier kümmern, sind zwischen 65 und 80 Jahre alt. Sie kümmern sich um die Würdigung eines Saals, den sie früher selbst selten betreten durften. 250 Fotos zur Geschichte des Saals haben sie gesammelt. Jetzt wollen sie Spenden sammeln, um das Bremer Wappen zu ersetzen, das Diebe im Marmorsaal entwendeten. Das kündet von einer großen Verbundenheit mit der Firma, über das Ende des alten Unternehmens hinaus. „Wir haben sieben Fusionen miterlebt“, sagt Manfred Siebert, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender bei Kaffee HAG. „Doch für mich existiert die Firma seit 1979 nicht mehr.“ Damals verkaufte Ludwig Roselius Junior, der Sohn des Firmengründers, das Bremer Unternehmen an die US-Firma General Foods. Später wurde die Marke Kaffee HAG Teil von Kraft Foods und ab 2012 Teil von Mondelez.

Das Gelände der alten HAG-Werke im Holzhafen gehört heute der holländischen Firma Marba HAG B.V. und wird von der Firma Sirius Facilities verwaltet. Ein Teil der Werksgebäude wurde abgerissen, doch sieben Häuser stehen noch. Der rote Ziegelbau des Kaba-Werks wurde 2010 von Studenten der Hochschule für Künste mit dem Projekt „Horst“ in eine gigantische Galerie verwandelt. Sirius Facilities plante, das Gelände zu einem Kreativzentrum zu machen. Und die Nachwuchs-Architekten der Hochschule wollten hier einziehen – daraus wurde bislang nichts.

Einen Teil der Werksgebäude ließ Sirius Facilities als moderne Büroräume herrichten. Doch viele Gebäude stehen heute leer, sagt Christian Ritschel. Er ist Geschäftsführer des „Lloyd-Caffee“ neben dem Marmorsaal, in dem Gäste, die den Weg hierher finden, mit verschiedenen selbst gerösteten Kaffeesorten bewirtet werden.

„Viele Gebäude sind sehr heruntergekommen und so gar nicht mehr nutzbar“, sagt Ritschel. Er vermietet den Marmorsaal für Feste und organisiert Führungen zur Bremer Kaffeegeschichte. Jetzt unterstützt er die Pläne für die Jubiläumsfeier. Ritschel: „Das Werksgelände zeugt von einem Stück Industriegeschichte, das in Bremen zu wenig gewürdigt wird.“

Aus Bremen kam der weltweit erste koffeinfreie Kaffee

Der Bremer Kaffeehändler und Kunstmäzen Ludwig Roselius (1874-1943) gründete im Jahr 1906 die Firma Kaffee HAG. Er begann, in den neuen Werken am Holzhafen koffeinfreien Kaffee zu produzieren – als weltweit Erster. 1914 ließ Roselius eine Werkshalle zum Marmorsaal ausstaffieren. In den HAG-Werken wurde neben dem entkoffeinierten Kaffee auch Kaba und Onko-Kaffee produziert. Der Marmorsaal am Fabrikenufer 115 kann ohne Anmeldung besichtigt werden, wenn das Lloyd-Caffee geöffnet ist, also montags bis freitags von 12 bis 17 Uhr und am Wochenende von 13 bis 17 Uhr. Zur Jubiläumsfeier am 20. Juli gibt es zwischen 11 und 17 Uhr Vorträge über Ludwig Roselius und Kaffee HAG. Filme zur Firmengeschichte werden gezeigt.

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