Diskussion über Feindschaft gegen Juden in Bremen

"Das ist antisemitisch"

Gewalt und Hetze gegen Juden ist eine Realität. Anfang des Jahres warnte der Zentralrat der Juden davor, hierzulande in Problemvierteln eine Kippa zu tragen – aus Angst vor Anfeindungen.
09.07.2015, 00:00
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Von Lisa Boekhoff
"Das ist antisemitisch"

„Frieden und Gerechtigkeit für Palästina“: 5000 Menschen demonstrierten dafür im vergangenen Sommer. Dabei gab es aber auch Rufe wie „Kindermörder Israel.“

Frank Thomas Koch

Es ist mehr als beunruhigend: Gewalt und Hetze gegen Juden ist eine Realität. Anfang des Jahres warnte der Zentralrat der Juden davor, hierzulande in Problemvierteln eine Kippa zu tragen – aus Angst vor Anfeindungen.

Die von der Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Diskussion „Man wird ja wohl noch sagen dürfen …, dass Antisemitismus in Deutschland keinen Platz hat“, widmete sich genau diesem Problem. Wie sieht Antisemitismus heute aus? Wie zeigt er sich in Bremen? Und wann ist Kritik an Israel antisemitisch? Als Gäste auf dem Podium waren dazu der Soziologe und Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst Pedro Benjamin Becerra, der Vorsitzende der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft Bremen Detlef Griesche und der Oberkirchenrat der EKD Martin Pühn geladen. Die Diskussion verschärfte sich gleich zu Beginn und drohte zwischenzeitlich zu kippen: Immer wieder gab es Zwischenrufe von den etwa 50 Zuhörern. Das Publikum rief sich gegenseitig zur Ordnung.

Aber der Reihe nach: Pfahl-Traughber, der zum Expertenkreis Antisemitismus gehört, hielt einen Kurzvortrag. Er sprach von einer zunehmenden Gewalt gegen Juden. Um die 20 Prozent der Deutschen hätten eine antisemitisch affine Einstellung, die meist nicht öffentlich artikuliert würde. Antisemitismus verstanden als „Feindschaft gegen Juden als Juden“, diese Definition treffe dabei den Kern: „Entscheidend für Antisemitismus ist der angebliche jüdische Charakter als Ursache der Feindschaft.“ Der Wissenschaftler beschrieb verschiedene Arten von Antisemitismus: den religiösen, den sozialen, den rassistischen und den politischen, dem Verschwörungsvorstellungen zugrunde liegen, wie die von einer „Israel-Lobby“. Heute spielten vor allem zwei moderne Varianten eine Rolle. Zum einen gebe es Antisemitismus aus einer Aversion gegen die Erinnerung an den Holocaust und die damit verbundene Schuld. Daneben gebe es den antizionistischen Antisemitismus, der sich gegen Israel richtet. Antisemiten suchten sich dabei den politischen Kontext, also den Nahost-Konflikt, um sich äußern zu können.

Als Pedro Benjamin Becerra im Anschluss an den Vortrag nach seinen Erfahrungen gefragt wurde, formuliert er, es gebe „viel Negatives, aber auch viel Positives zu berichten.“ Der jüdische Friedhof in Delmenhorst sei fast zerstört worden. „Der historische Teil ist unwiederbringlich beschädigt.“ Die Täter habe man zwar gefasst, aber sie beschuldigten sich gegenseitig.

Kurz danach kochte die Stimmung dann hoch. Moderator Jan-Philipp Hein, Journalist, stellte Detlef Griesche eine Frage, auf die dieser partout nicht antwortete. Der Moderator unterbrach immer wieder, Griesche schien sich dadurch angegriffen zu fühlen. Die gemeinsame Vorgeschichte der Akteure auf dem Podium lag nicht nur mehr in der Luft, sondern kam zu Tage. Griesche sprach mit Verweis auf Hein plötzlich von der Hetze der Medien gegen die Demonstration „Frieden und Gerechtigkeit für Palästina“ im vergangenen Sommer, die seine Gesellschaft mitorganisiert hatte. Man habe sie als antisemitische Veranstaltung angekündigt. Tatsächlich waren dann dort auch eindeutige Plakate zu sehen und Rufe zu hören – etwa „Kindermörder Israel“. „Ich habe mich geschämt“, sagte eine Frau aus dem Publikum, die den Zug beobachtet und genau diese Wort gehört hatte. Griesche betonte dagegen, die Veranstaltung sei friedlich gewesen, man sei gegen die Plakate sofort vorgegangen. Hein kritisierte wiederum. „Demagogie!“, rief jemand. Becerra warf Griesche vor, Menschen zu mobilisieren, die Antisemiten seien.

Pfahl-Traughber versuchte in der angespannten Diskussion zu vermitteln. Es sei völlig legitim, Israel zu kritisieren und nicht automatisch antisemitisch. Man müsse aber aufpassen, welche Personen bei einer Demo präsent sind, um nicht ins falsche politische Licht zu geraten.

Der zweite Streitpunkt war die umstrittene Ausstellung „Nakba“, die sich mit der Flucht und Vertreibung der Palästinenser auseinandersetzte. Die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft hatte sie Anfang des Jahres in die Zentralbibliothek geholt. Hermann Kuhn, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der im Publikum saß, empörte sich über Griesches Vorwurf, Israel habe versucht, die Ausstellung zu verhindern. „Das ist eine Lüge!“ Und weiter: „ Das ist antisemitisch!“

Außerdem thematisiert wurde die Mahnwoche vor dem Bremer Dom. Pühn kritisierte sie, weil sie nur einer Seite die Schuld am Nahost-Konflikt gebe. Er habe auch dort ein Plakat gesehen, das ganz klar das antijüdische Topos von der Brunnenvergiftung aufgreife: „Israel zerstört Brunnen.“ „Faktum!“, schallte es aus dem Publikum.

Da waren einige schon gegangen.

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