Interview

„Das ist ein riesiger Schatz“

Noch nie in der Geschichte gab es einen solchen Informationsüberfluss – goldene Zeiten für künftige Historiker? Das könnte man meinen, aber ganz so ist es nicht, sagt Digital-Historiker Jens Crueger.
18.06.2018, 11:47
Lesedauer: 4 Min
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Von Christiane Mester
„Das ist ein riesiger Schatz“
Christina Kuhaupt
Unser soziales Leben findet heutzutage immer mehr online statt. Wir teilen Fotos auf Facebook und schreiben Blogs statt Tagebücher. Vieles aus unserem Privatleben ist öffentlich zugänglich – sind das goldene Zeiten für künftige Historiker?

Jens Crueger : Das könnte man meinen, aber so ist es nicht. Grundsätzlich ist das Web eine unglaublich spannende Quelle. Was Historiker sonst nur aus Büchern, Briefen oder Tagebüchern erfahren konnten, liegt nun offen da. Was uns bewegt, mit welchen Fragen wir uns beschäftigen, worüber Menschen sich aufregen oder auf welche Weise sie sich Liebeserklärungen machen. Für die Historiker, die unseren Alltag eines Tages erforschen wollen, ist das ein riesiger Schatz. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es einen solchen Überfluss an Informationen. Dass unser Leben in wesentlichen Teilen online passiert, ist aber gleichzeitig auch ein großes Problem. Vieles davon verschwindet, lange bevor klar ist, was davon besonders interessant gewesen wäre.

Aber man sagt doch, das Internet vergisst nichts...

Es vergisst eben doch. Vor 25 Jahren wurde das Web für die Allgemeinheit geöffnet. Schauen wir auf die Anfänge zurück, dann sehen wir, dass vom Web der ersten Stunde kaum noch etwas übrig ist. Die Frühphase ist schon jetzt nahezu ausradiert und dieser Prozess setzt sich weiter fort. Eine Internetpräsenz wird im Durchschnitt alle hundert Tage aktualisiert und Nachrichtenseiten etwa alle sechs Minuten. Im Netz ist alles ständig im Fluss und dabei verschwinden ganze Teil-Universen unseres digitalen Lebens.

Gibt es ein Beispiel dafür?

Ein bekanntes Beispiel ist StudiVZ. Das soziale Netzwerk, das in der Spitze mal 16 Millionen Nutzer hatte, ist Konkurs gegangen. Die Pinnwände mit den Fotos, die die Nutzer dort geteilt haben, und die Gruppen – all das gibt es nicht mehr. Das kann uns auch mit Facebook passieren. Im Web gibt es kein too big to fail. Abgesehen davon können Informationen auch auf andere Weise für immer verloren gehen. Youtube hat vor Kurzem acht Millionen Videos gelöscht, mit der Begründung, dass es extremistische Inhalte waren. Diese Maßnahme ist nachvollziehbar, aber vom Standpunkt der Webarchivierung ist das ein riesiger Verlust. Historiker sind ja prinzipiell immer auch an Dingen interessiert, die wir heute juristisch oder politisch schwierig finden.

Dass wir wieder Postkarten statt E-Mails schreiben und Fotos in Alben kleben, ist wohl keine Lösung. Werden wir also auf lange Sicht verschwinden?

Teils, teils. Die Spuren, die wir auf der Erde hinterlassen, sind tatsächlich vor allem Daten. Was das Internet betrifft, hat die Nationalbibliothek den Auftrag, das deutsche Web zu archivieren. Im Abstand von mehreren Jahren werden die Webseiten aller in Deutschland registrierten Domains gesichert. Was in der Zwischenzeit stattfindet, ist weg. Genauso wenig zugänglich ist das, was wir ausschließlich auf Facebook oder Instagram hochladen, weil es keine deutschen Anbieter sind. Twitter wird teilweise von der amerikanischen Kongressbibliothek gespeichert. Bei Facebook gibt es, über die nationale Grenzziehung hinaus, noch das Problem der Personalisierung. Jeder hat ein individuelles Facebook, weil die Meldungen anhand der persönlichen Interessen des Einzelnen angezeigt werden. Das macht es schwierig, einen objektiven Standard zu definieren – welche dieser Posts sollen archiviert werden und welche nicht? Die Algorithmen könnten Aufschluss geben, aber der Quellcode ist das Geschäftsgeheimnis von Facebook. Die Inhalte der sozialen Medien sind also gleich aus mehreren Gründen quasi verloren. In Wahrheit ist das für uns ein riesiges schwarzes Loch.

In unserem Alltag spielen soziale Medien eine zentrale Rolle. Ausgehend vom jetzigen Stand der Archivierung – was werden künftige Generationen über unser Leben im 21. Jahrhundert erfahren?

Sie erfahren sehr viel über das, was unsere staatlichen Institutionen machen. Am häufigsten archiviert die Nationalbibliothek die Internetpräsenzen von Behörden und Institutionen. Auch manche Blogs von gesellschaftlich für wichtig erachteten Personen sind dabei. Darüber hinaus gibt es noch eine andere Strategie. Wenn Großereignisse wie die Fußball-WM stattfinden, dann schalten die Archivare für die Dauer dieses Ereignisses ihren Daten-„Staubsauger“ an. Sie versuchen dann alles, was dazu innerhalb weniger Wochen geschrieben wird, möglichst vollständig zu sichern.

Das Internet ist aber längst viel mehr als nur Text. Wie steht es um Videos und Podcasts?

Das ist ein weiteres großes Problem. Bei der Nationalbibliothek ist es so, dass alle Web-Inhalte, die größer sind als zehn Megabyte, nicht archiviert werden. Das betrifft große Grafiken und vor allem Videos. Hinzu kommt, dass die Dateien in ein spezielles Format übertragen werden müssen, um sie gut archivieren zu können. Für die langfristige Bewahrung von Bewegtbild gibt es aber noch keinen verbindlichen Standard. Ganz zu schweigen von den unzähligen Smartphone-Apps, die wir tagtäglich ganz selbstverständlich benutzen. Es ist der schiere Wahnsinn, sich zu überlegen, wie man die als Quelle fassen und allein nur im Ansatz bewahren soll.

Sie sind auch Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft. Was haben Sie bislang politisch unternommen, um das digitale Kulturerbe Bremens zu sichern?

Ich habe vor Kurzem eine Anfrage an den Senat gerichtet, um sicherzustellen, dass die wichtigen Websites wie Bremen.de regelmäßig archiviert werden. Es ist ein Kostenfaktor, und daher kooperiert Bremen diesbezüglich mit vier weiteren Bundesländern. Der Verbund Digitale Archivierung Nord ist in der Startphase. Wir als Parlament müssen jetzt darauf achten, dass das Projekt vorangetrieben wird und dass dieser Wissensschatz nicht hinter verschlossenen Türen liegt, sondern perspektivisch für alle Bürger zugänglich gemacht wird.

Die Fragen stellte Christiane Mester.

Info

Zur Person

Jens Crueger

ist freiberuflicher Digital-Historiker und berät Archive und Museen zum digitalen Kulturerbe. Der 34-Jährige vertritt die Gesellschaft für Informatik als Sprecher der Fachgruppe Langzeitarchivierung. Darüber hinaus ist er Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft (SPD).

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