Jugendbeteiligung Das Kurzziel ist, Leute anzuwerben

In Walle haben sich sechsJugendliche ans Ortsamt gewandt. Sie möchten gerne ein Jugendforum für Walle gründen, über das junge Leute ihre Wünsche und Anregungen in den Stadtteil einbringen können.
26.02.2018, 05:10
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Das Kurzziel ist, Leute anzuwerben
Von Anne Gerling

Walle. Gibt es in Walle gute Treffpunkte, Orte und Freizeitangebote für Jugendliche? Auf welche gemeinsamen Aktivitäten hätten sie Lust und was kann der Stadtteil für sie tun? Darüber machen sich Akteure an unterschiedlichen Stellen – etwa die Sozialarbeiter im Sozialzentrum West oder die vier Jugendbeauftragten im Waller Beirat – in regelmäßigen Abständen Gedanken.

Nun hat eine Gruppe von Waller Jugendlichen Kontakt mit dem Ortsamt aufgenommen. Die sechs 13- bis 18-Jährigen würden gern ein Jugendforum für Walle gründen, über das junge Leute ihre Ideen und Wünsche in die Ortspolitik einbringen können. Dafür suchen sie jetzt motivierte Mitstreiter.

„Man könnte sagen: Wir sind schon fast ein Jugendforum“, stellt Marlene Janssen mit einem Lächeln fest. Die 18-Jährige, die das Herman-Böse-Gymnasium besucht, war vor einiger Zeit auf die Idee gekommen, Waller Jugendliche zusammenzutrommeln. Von einer Freundin hatte sie gehört, dass es in anderen Stadtteilen bereits Beteiligungsmöglichkeiten über Jugendbeiräte und Jugendparlamente gibt. „Ich finde es total schade, dass es hier bisher keine Möglichkeit dafür gibt“, sagt sie. So beschloss sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Schnell sprach sich dies in ihrem Bekannten- und Freundeskreis herum und mit Lea Laue, Enyo Gerhard, Finn Irmer und Lina und Ronja Exnowski waren schon bald die ersten engagierten Mitstreiter gefunden.

Ein Lokalpolitiker stellte schließlich den Kontakt zu der im Ortsamt für Walle verantwortlichen Stadtteilsachgebietsleiterin Petra Müller her. „Sie war gleich Feuer und Flamme“, erzählt Marlene Janssen. Müller lud die Jugendlichen ins Ortsamt im Walle-Center ein, wo sich die Sechs unter anderem mit den Jugenddelegierten des Waller Beirats Jupp Hese­ding (Grüne), Franz Roskosch (CDU), Hauke van Almelo (SPD) und Ingo Lenz (parteilos) trafen. Diese hatten bislang über die Waller Schulen Kontakt zu ihrer Zielgruppe gesucht; Jugendliche, die wie Marlene, Lea, Enyo, Finn, Lina und Ronja Schulen in anderen Bremer Stadtteilen besuchen, konnten sie auf diese Weise nicht ansprechen.

Für die Schüler kam schließlich der Schritt aus der Theorie in die Praxis: „Im Lidicehaus haben wir über unsere Struktur nachgedacht. Dort hat uns Annika Siefken bei unserer ‚Selbstfindung’ geholfen und wir haben auch schon unsere erste Projektidee gefunden“, erzählt Marlene. Ausgehend von den Erfahrungen in anderen Stadtteilen hat die Gruppe dabei ihr eigenes Beteiligungsmodell entwickelt. Für sie steht fest: Einen Jugendbeirat, der jeweils für zwei Jahre gewählt würde, wollen sie nicht ins Leben rufen. Viele Jugendliche würde es eher abschrecken, sich für einen so langen Zeitraum zu verpflichten, ist Enyo überzeugt. Viel sinnvoller seien zeitlich fest umrissene kürzere Projekte: „Jugendliche funktionieren nicht so wie Erwachsene. Das heißt, man muss auch Jugendbeteiligung anders denken.“ Anders, das bedeutet für die Gruppe vor allem: flexibler. Für gemeinsame Treffen etwa gibt es keine festen Termine; Verabredungen werden vielmehr spontan per WhatsApp-Gruppe getroffen.

Auch von starren Altersbeschränkungen hält die Gruppe nichts. „Wir wollten das Ganze so gestalten, dass sich jeder – auch wenn er schon älter als 18 ist – einbringen kann“, erklärt Finn dazu. Und Lea ergänzt: „Das Forum ist auch offen für Jugendliche aus anderen Stadtteilen, die zum Beispiel über Freunde öfter in Walle sind.“

„Das Kurzziel ist, Leute anzuwerben. Und das Fernziel: Mit diesen Leuten konkret Projekte initiieren und umsetzen“, erklärt Enyo die Strategie der Gruppe. „Ich würde generell sagen, dass das Interesse an politischer Beteiligung unterschätzt wird. Viele Leute haben super Lust, sich zu beteiligen“, ist er überzeugt. „Ich glaube, dass Jugendliche in unserem Alter sehr, sehr aktiv sind und dass man ihnen die Möglichkeiten geben sollte“, findet auch Marlene. „Es ist aber schwer, einen Rahmen zu finden, der dafür die Möglichkeit bietet“, ergänzt Lea, die sich verschiedene Arten von Aktivitäten vorstellen kann: „Es muss ja keine politische Podiumsdiskussion sein, man kann ja auch eine Sportveranstaltung machen.“ Sehr gutes Feedback habe es ja zum Beispiel bei Aktionen wie dem Nachpflanzen der „Waller Welle“ oder den „Überseespielen“ im Sportgarten in der Überseestadt gegeben.

Momentan bereiten die Jugendlichen ihr erstes gemeinsames Projekt vor: Wenn am 9. und 10. Juni auf der Vegesacker Straße wieder das Waller Stadtteilfest steigt, dann wollen sie mit einem eigenen Stand mit dabei sein. Dafür haben sie untereinander Aufgaben so verteilt, dass jeder etwas macht, was ihm auch Spaß macht. „Um dabei auch mit Jüngeren ins Gespräch zu kommen, haben wir uns verschiedene Aktionen wie zum Beispiel ein Glücksrad und Siebdruck ausgedacht“, erzählt Lina. Schon jetzt macht sich die Gruppe Gedanken über die Nachwuchsförderung. Für die meisten von ihnen steht in diesem Frühling ihr Abitur an – und wer weiß, wohin der Weg anschließend führt. Umso besser also, wenn bis dahin noch mehr Jugendliche mitmachen, die dann das Jugendforum weiterführen können.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+