Die Findorfferin Edda Lehrknecht freut sich besonders, dass in Osterfeuerberg bald wieder neues Leben einzieht Das Mädchen von der Union-Brauerei

Wenn in der Union-Brauerei in gar nicht allzu ferner Zukunft wieder ausgeschenkt wird, möchte Edda Lehrknecht als eine der ersten dabei sein. Die Findorfferin verbindet damit nämlich eine ganz persönliche Geschichte. In den aktiven Zeiten der Brauerei lebte sie dort zwei Jahre lang als Hausmädchen des Braumeister-Ehepaares. Der neue Braumeister wird fast fünfzig Jahre später in große Fußstapfen treten: Denn ein besseres Bier, sagt Edda Lehrknecht, gab es damals in der ganzen Stadt nicht.
31.08.2014, 00:00
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Von Anke Velten

Wenn in der Union-Brauerei in gar nicht allzu ferner Zukunft wieder ausgeschenkt wird, möchte Edda Lehrknecht als eine der ersten dabei sein. Die Findorfferin verbindet damit nämlich eine ganz persönliche Geschichte. In den aktiven Zeiten der Brauerei lebte sie dort zwei Jahre lang als Hausmädchen des Braumeister-Ehepaares. Der neue Braumeister wird fast fünfzig Jahre später in große Fußstapfen treten: Denn ein besseres Bier, sagt Edda Lehrknecht, gab es damals in der ganzen Stadt nicht.

Unter all denjenigen, die sich darüber freuen, dass in die Union-Brauerei wieder neues Leben einzieht, beobachtet eine Dame aus Findorff die Planungen mit ganz besonderem Interesse. Edda Lehrknecht hat an diesem Ort Jahre verbracht, die sie zu ihren schönsten Erinnerungen zählt. Als junge Frau arbeitete und lebte sie in der Brauerei: Eine Lehrzeit für’s Leben, während der sie sogar die Liebe ihres Lebens fand. „Es war eine Zeit, die ich nie vergessen werde“, erzählt sie.

Kurz vor Kriegsende war Edda, die damals noch Birk hieß, mit Eltern und zehn Geschwistern aus Pommern nach Niedersachsen gekommen. Die große Familie lebte zunächst unter einfachsten Bedingungen in einer Baracke in Scharmbeckstotel, erinnert sie sich. Nach der Schule fand sie eine Anstellung in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Den Rest ihres Lebens wollte sie dort allerdings nicht verbringen. „Ich wollte etwas anderes sehen“, erklärt Edda Lehrknecht: „Ich wollte in die Stadt.“ In einen Haushalt gehen – das war damals eine übliche Option für junge Frauen. Die patente 18-Jährige konnte sich unter gleich zwei Stellenangeboten entscheiden: „Das eine war eine Familie mit drei Kindern, das andere ein Ehepaar mit vier Hunden“, erzählt Edda Lehrknecht und lacht: „Tiere mochte ich schon immer. Da nahm ich natürlich die Hunde.“

Und das war ein Glück. Denn das junge Mädchen vom Lande landete zum Monatsverdienst von 50 Mark im Haushalt der Grünwalds – und in einer ganz neuen Welt. Der Braumeister der Union-Brauerei lebte mit seiner Gattin in einer großen repräsentativen Wohnung auf dem Gelände. Das Gebäude steht noch, und Edda Lehrknecht kann auf einem aktuellen Foto sogar die Stubenfenster zeigen. Wie gut situiert die Arbeitgeber waren, bewies ein seinerzeit noch ungewöhnlicher Luxus: „Sie fuhren jedes Jahr für einige Wochen nach Spanien!“, erinnert sich Edda Lehrknecht. Auch aus diesem Grund war das Ehepaar auf Hilfe angewiesen: Denn die vier Königspudel mussten zwischenzeitlich zu Hause versorgt und betreut werden.

Die Hunde waren nämlich das Ein und Alles der kinderlosen Grünwalds, erzählt Edda Lehrknecht. Aber auch die junge Hausangestellte, ihr „Mädchen“, wurde von den Eheleuten fast wie eine Tochter behandelt. Frau Grünwald verdankte sie ihren ersten Freimarktsbesuch. Dass sie in Haushaltsführung noch nicht viel praktische Erfahrung hatte, wurde ihr nicht übelgenommen. Das Kochen schaute sie sich von der Hausherrin ab, und auch sonst eine Menge: „Ich habe von ihr ganz viel über Hausarbeit gelernt“, sagt Edda Lehrknecht. Zu Weihnachten bog sich der Tisch vor Geschenken – auch für das Hausmädchen. „Das waren sehr, sehr nette Menschen“, erinnert sie sich.

In der Brauerei war rund um die Uhr Betrieb, erzählt Edda Lehrknecht. Die Kutscher belieferten Gaststätten in der ganzen Umgebung mit dem frischen Waller Bier und kehrten oft erst nachts zurück, um die Pferde auszuspannen. Über der ganzen Nachbarschaft hing der charakteristische würzige Duft der Brauerei. Daran gestört habe sich damals niemand, weiß sie.

Dass die hübsche junge Frau auf dem Brauereigelände gerne gesehen wurde, kann man sich denken. Dass sie selbst ein Auge auf den jungen Betriebsmaler Fritz Lehrknecht geworfen hatte, blieb unter den Kollegen nicht unbemerkt. „Ich habe ihn mit was Süßem gelockt“, erzählt sie lachend. Am 21. Mai 1955 wurde geheiratet, und Edda Lehrknecht führte fortan in Findorff ihren eigenen Haushalt, in dem bald zwei Kinder ankamen. „Die Grünwalds waren sehr traurig, als ich ging“, weiß sie.

Der Braumeister ging Mitte der 1960er- Jahre in den Ruhestand, die Grünwalds zogen nach Oberneuland, doch der Kontakt blieb und Edda Lehrknecht besuchte die Eheleute dort noch viele Jahre lang. Die Brauerei, die 1907 von Bremer Wirten als Genossenschaftsbrauerei gegründet worden war, wurde verkauft, der Betrieb im Jahr 1968 eingestellt – zum großen Kummer vieler Kenner, weiß Edda Lehrknecht. „Das Union-Bier war in der ganzen Stadt sehr beliebt. Mein Mann sagte immer: Wenn Du ein Bier trinken möchtest, dann nur Union“, erzählt sie. „Bier schmeckte mir eigentlich nicht besonders. Aber unser Dunkelbier – das mochte ich auch.“

Ideen und Pläne, was mit dem Areal geschehen könnte, hatte es in der Vergangenheit immer wieder einmal gegeben, bis hin zum Vorhaben, den gesamten Komplex einfach abzureißen. „Ein Jammer wäre das gewesen!“, findet die 78-Jährige, die seit drei Jahren im Seniorenstift an der Walsroder Straße lebt. Dass es dort nun aber weitergehen soll, und bald wieder Bier gebraut werde, darüber freue sie sich sehr, sagt Edda Lehrknecht. Und ob das Bier dann genau so gut schmeckt – davon wird sie sich persönlich überzeugen, kündigt sie an: „Wenn die Union-Brauerei wieder eröffnet, bin ich die Erste, die vorbei kommt!“

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