„Arisierungsdenkmal“ an der Schlachte

Das Mahnmal nimmt allmählich Formen an

So langsam nimmt das Mahnmal Gestalt an: Eine Visualisierung war schon mal beim Vortrag von Initiator Henning Bleyl zu sehen. Eine Kostenschätzung will das Kulturressort im Dezember vorlegen.
08.11.2017, 17:30
Lesedauer: 2 Min
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Von Frank Hethey
Das Mahnmal nimmt allmählich Formen an

Steht als Standort des sogenannten Arisierungsmahnmals endgültig fest: das Stufenbauwerk an der Schlachte in Höhe der Zweiten Schlachtpforte.

Frank Thomas Koch

Eine Premiere erlebte das Publikum am Dienstag in der Zentralbibliothek. Beim Vortrag des Journalisten und Kulturwissenschaftlers Henning Bleyl über das sogenannte Arisierungsdenkmal war zum ersten Mal eine Visualisierung des Entwurfs zu sehen. Er stammt von der Künstlerin Angie Oettingshausen und zeigt, wie das Mahnmal an der Schlachte zum Gedenken an die ausgeraubte jüdische Bevölkerung aussehen könnte. Und zwar als integraler Bestandteil des Stufenbauwerks in Höhe der Zweiten Schlachtpforte – die alte Kaimauer als Alternative ist wegen statischer Unwägbarkeiten schon länger aus dem Rennen. Die Herausforderung: Der neue Entwurf soll die Grundidee des Ursprungsentwurfs für den Standort am Kühne + Nagel-Gebäude aufnehmen. Abermals sind zwei Sichtfenster an der Seite und im Boden eingeplant, die den Blick in eine ausgeräumte Kammer freigeben. Von einer dezenten und zugleich eindringlichen Art der Erinnerung spricht Bleyl, Initiator des Mahnmalprojekts.

Noch unklar ist indes, wann das Mahnmal wirklich Gestalt annehmen wird. Bleyl hält eine Umsetzung nach der Hochwassersaison ab Mai für realistisch, es gebe dann ein Zeitfenster bis zum Wiederbeginn der Hochwassersaison im Oktober. Eine Terminierung, die das Kulturressort nicht ohne Weiteres bestätigen will. Zwar gebe es aus Deichschutzsicht keinerlei Bedenken, die vier Quadratmeter große Kammer in das Stufenbauwerk einzubauen. Doch an den Details werde noch gefeilt, derzeit stimme man sich mit der Künstlerin ab.

Initiator hätte sich Standort vor Kühne + Nagel gewünscht

Bei der Sitzung der Kulturdeputation am 19. Dezember soll voraussichtlich eine erste Kostenschätzung präsentiert werden. Der weitere Verlauf bleibt laut Ressortsprecherin Alexandra Albrecht abzuwarten. Noch nicht abschließend geklärt sei die Finanzierung, da die Kostenschätzung unabdingbare Voraussetzung für die Haushaltsberatungen sei. Bleyl geht unterdessen davon aus, dass die am NS-Raubzug beteiligten Firmen, der Fiskus und private Spender gemäß Beschluss der Stadtbürgerschaft jeweils ein Drittel der erforderlichen Summe beisteuern. Wobei der neue Standort in der Stufenanlage „deutlich teurer“ ausfalle als der anfangs vorgesehene Standort am Kühne + Nagel-Gebäude.

Als „idealen Ort“ empfindet Bleyl den Schlachte-Standort noch immer nicht. Ein Mahnmal an einem Platz, wo sich Menschen zum Essen und Trinken niederlassen – das passe nicht sonderlich gut zusammen. Weitaus lieber wäre ihm der Kühne + Nagel-Standort gewesen. In seinen Augen eine absolut berechtigte Platzierung wegen der herausragenden Bedeutung, die der weltweit drittgrößte Logistikkonzern als Handlager bei der Ausplünderung der Juden hatte. Doch mit dem Kompromiss-Standort kann sich der 48-Jährige anfreunden, immerhin sei Kühne + Nagel nur 300 Meter entfernt, zudem handele es sich um einen öffentlichen Ort.

Noch als Kulturredakteur der „taz“ hatte Bleyl – jetzt bei der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen – das Mahnmalprojekt angestoßen. Aus einem Ideenwettbewerb war Oettingshausen als Gewinnerin hervorgegangen. Allerdings scheiterte der Plan, mit Geldmitteln aus einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne die nötige Mahnmalfläche von der Stadt zu kaufen. Insbesondere Kühne + Nagel wollte das Denkmal nicht vor der eigenen Haustür haben. Inzwischen gibt es nach Einschätzung von Bleyl ein verbreitetes Bewusstsein für die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und den besetzten Ländern. Und auch dafür, dass die sprichwörtlichen „kleinen Leute“, die Möbel und Haushaltsgegenstände aus jüdischem Besitz ersteigerten oder günstig kauften, vom NS-Unrecht ebenso profitierten wie die Spediteure.

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