Nadja Ziebarth vom BUND sprach in der Reihe "Wissen um elf" über die Verunreinigung der Ozeane Das Meer als größte Plastikmüllhalde der Welt

Altstadt. Bei den Zahlen, die Nadja Ziebarth nannte, und den Fotos, die sie zeigte, konnte man ein entsetztes Raunen im Publikum hören. Im Haus der Wissenschaft sprach die Meeresbiologin und Meeresschutzreferentin vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in der Reihe "Wissen um elf" über Plastikmüll im Meer. Dass in den Mägen von Meerestieren so viel Abfall gefunden wird, machte viele Zuhörer betroffen.
11.08.2011, 05:00
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Von Solveig Rixmann

Altstadt. Bei den Zahlen, die Nadja Ziebarth nannte, und den Fotos, die sie zeigte, konnte man ein entsetztes Raunen im Publikum hören. Im Haus der Wissenschaft sprach die Meeresbiologin und Meeresschutzreferentin vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in der Reihe "Wissen um elf" über Plastikmüll im Meer. Dass in den Mägen von Meerestieren so viel Abfall gefunden wird, machte viele Zuhörer betroffen.

Jahr für Jahr werden auf der Welt etwa 200 bis 240 Millionen Tonnen Plastik produziert. Ein Viertel davon landet in Europa. 2008 waren es 48,5 Millionen Tonnen. "Gefolgt von Italien und Frankreich ist Deutschland in Europa mit einem Bedarf von 11,5 Millionen Tonnen einer der größten Abnehmer", sagte Ziebarth. Verwendet wird Plastik in vielen Bereichen. An dritter Stelle steht, mit 21 Prozent, das Bauwesen. 28 Prozent werden im Freizeitsektor und für medizinische Zwecke verwendet. Der größte Anteil, 38 Prozent, wird zu Verpackungen.

Momentan wird sehr viel über Plastiktüten, insbesondere die Knistertüte, diskutiert. "500 Milliarden bis eine Billion Plastiktüten werden jährlich weltweit konsumiert", sagt Nadja Ziebarth. Das macht für jeden einzelnen Menschen 288 Plastiktüten pro Jahr.

Nach einer Studie der Vereinten Nationen gelangen jährlich 6,4 Millionen Tonnen Müll in die Weltmeere, davon sind 75 Prozent Plastik. Auf einem Quadratmeter Meer finden sich teilweise 46000 Stück Plastik. Das ist sechsmal mehr als in einigen Meeresgebieten an Plankton zu finden ist, der die Basis der Nahrungskette bildet.

20000 Tonnen Müll gelangen jährlich in die Nordsee. Auf einem Strandabschnitt von 100 Metern findet man 712 Müllteile. Dass die Strände und Hafenbecken relativ sauber erscheinen, liegt auch daran, dass mit sehr viel Geld und sehr viel Aufwand täglich das Plastik aufgesammelt wird. Aber das meiste Plastik bleibt im Meer, und die Langlebigkeit von Plastik ist ein erhebliches Problem. "Es bleibt dort, und es kommt immer noch etwas oben drauf", sagt Nadja Ziebarth. Während Pappkartons und Sperrholz sich relativ schnell auflösen, braucht eine Plastiktüte bis zu 20 Jahre und ein Fischernetz aus Nylon bis zu 600 Jahre.

Ein Großteil des Plastiks kommt aus diffusen Quellen, aber einige Produkte können eindeutig zugeordnet werden - wie Geisternetze. Das sind Netze, die beim Fischfang abreißen und dann durch das Meer treiben. Doch der Großteil des Mülls hat mit dem Tourismus zu tun. Auch unter Wasser sind die Schifffahrtslinien sehr gut durch eine Plastikspur zu sehen. In sogenannten Müllwirbeln entstehen große Ansammlungen von Plastik. Wirbel sammeln es und tragen es immer weiter nach innen. "Die Müllwirbel sind die Müllhalden der Meere", sagte Nadja Ziebarth.

Zum einen ist diese Verschmutzung der Ozeane ein hygienisches und wirtschaftliches Problem, aber es ist auch eine Gefahr für die Tierwelt. "Eine Million Vögel und 100 000 Meeressäuger sterben jährlich am Müll im Meer", sagte die Wissenschaftlerin. Jungtiere verheddern sich in Netzen, Tüten oder Ringen. Sie verenden, weil sie nicht mehr schwimmen können und sie verhungern. Vögel verwechseln im Meer schwimmendes Plastik mit Futter, schlucken es runter, können es aber nicht verdauen. "Und sie verhungern mit vollem Magen", erklärte Nadja Ziebarth.

Wenn das Plastik zerfällt, binden sich Schadstoffe an dessen Oberfläche und setzen Chemikalien frei, die hormonelle Auswirkungen und Auswirkungen auf das Erbgut haben. Plastik gelangt dann auch in die kleinen Meeresbewohner wie die Muscheln, richtet dort Schaden an und gelangt wieder in die Nahrungskette.

Es gibt verschiedene Ansätze, etwas gegen dieses Problem zu tun. Knistertüten zu verbieten wäre wichtig. Der Klassiker sind Strandreinigungsaktionen. Fischernetze könnten mit Peilsendern ausgestattet werden, damit sie nicht als Geisternetze durch die Meere treiben. "Fishing for litter" ist ein Programm, bei dem Fischer den Müll, der als Beifang in ihren Netzen landet, mit an Land bringen. Bisher erweist sich dies hierzulande nach den Worten der Expertin noch als problematisch, weil die Finanzierung und die Möglichkeiten der Entsorgung nicht gewährleistet seien.

Der BUND selbst arbeite an einem Projekt, um auf den Inseln an unserer Küste den Mülleintrag in die Umwelt zu verringern.

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