In einer Vortragsreihe von Kulturwissenschaftlern und Ethnologen in der Universität geht es um die See Das Meer: gefürchtet und verehrt

Horn-Lehe. Dreiviertel der Erde sind von Wasser bedeckt, nahezu alle Kulturen der Welt verehren und fürchten das Meer gleichermaßen. Eine neue Vortragsreihe des Instituts für Kulturwissenschaften und Ethnologie der Universität Bremen nimmt sich daher nun dem Meer und den Menschen, die damit leben, an.
23.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Hasemann

Dreiviertel der Erde sind von Wasser bedeckt, nahezu alle Kulturen der Welt verehren und fürchten das Meer gleichermaßen. Eine neue Vortragsreihe des Instituts für Kulturwissenschaften und Ethnologie der Universität Bremen nimmt sich daher nun dem Meer und den Menschen, die damit leben, an. „Wie blau ist das Meer – Kulturen der See“ heißt die Reihe. Experten aus Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften halten dabei jeden Dienstag bis Anfang Februar öffentliche Vorträge über Hochseefischerei, Walfang oder Bootsflüchtlinge. Der Eintritt ist frei.

Bei der Auftaktveranstaltung am vergangenen Dienstag stellte die Bremer Ethnologin Silja Klepp vom Forschungszentrum für Nachhaltigkeit (Artec) ihre Forschungsergebnisse zu Flüchtlingen auf dem Mittelmeer vor, die sie in den Jahren 2006 bis 2010 in jener Gegend gesammelt hat. Im Laufe ihrer Forschungen hat die Wissenschaftlerin mit Flüchtlingen, Angehörigen der EU-Grenzschutzagentur Frontex und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen gesprochen und so ein vielgestaltiges Bild von der Flüchtlingssituation auf dem Meer geschaffen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dabei eigentlich eindeutig: Alle in Seenot geratenen Menschen müssen gerettet werden, besagt das internationale Seerecht, und die Staaten sind verpflichtet eine funktionierende Seerettung aufrechtzuerhalten.

Ein eigentlich unmissverständliches Recht, das aber dennoch unterschiedlich ausgelegt werde, so Silja Klepp: „Für die Seeleute steht die Rettung im Vordergrund, die Politiker dagegen betonen die Abwehr und haben die Rettungspflicht nicht so sehr im Kopf.“ So zeige sich dies beispielsweise auch in Prozessen gegen Fischer in Italien, die Flüchtlinge aus Seenot gerettet hatten und danach angeklagt wurden. „Für ein Fischer kann so etwas existenzbedrohend sein“, sagt Klepp. Ähnliches geschah auch im Fall des Schiffes „Cap A“namur, deren Kapitän, erster Offizier und Chef der Hilfsorganisation nach Rettung von Migranten in Haft genommen wurden.

Solche Prozesse, die allesamt in Freisprüchen mündeten, führten dazu, dass einzelne Akteure lieber wegschauten als zu helfen. Aber auch von staatlicher Seite stehe die Rettung nicht immer im Vordergrund. So habe ihr ein UNHCR-Mitarbeiter berichtet, dass die maltesische Marine Flüchtlingsboote einfach weiterleite und SOS-Meldungen nicht immer überprüfe, sagt Klepp. Ein Offizier der Marine habe berichtet, sie würden den Flüchtlingen Wasser und Brot geben, damit sie weiterfahren.

Und auch das EU-Mandat für die Grenzschutzorganisation Frontex habe zunächst keine Rettung, sondern die Abwehr von Flüchtlingen vorgesehen. Die Schaffung solcher transnationaler Agenturen und die Grenzsicherung habe Rechtsunklarheiten geschaffen, die mit Ad-Hoc-Entscheidungen gefüllt würden, so Silja Klepp. „Es gab bis 2014 keine Leitlinien für das gemeinsame Vorgehen.“ Erst der Druck der Zivilgesellschaft habe zu Veränderungen geführt. „Ab 2013 hat mit Mare Nostrum die rein italienische Mission zur Seenotrettung stattgefunden.“ Mehr als 100 000 Menschen seien dabei aus Seenot gerettet worden. „Auf Druck der EU wurde die Mission durch ,Triton’ ersetzt und erst nach viel Streit und Druck aus Italien bis zur libyschen Küste ausgedehnt worden.“ Endlich seien auch zivile Retter wie Watch the Med und Seawatch zugelassen worden.

Insgesamt zieht Klepp ein vorsichtig positives Fazit: „Es sind große Veränderungen, aber auch Verbesserungen eingetreten.“ Allerdings: Derzeit komme es vermehrt zu Unfällen auf der Ägäis. „Vielleicht der Auftakt zu einem tödlichen Winter“, befürchtet Silja Klepp. „Die Frage ist, warum es auf einer so kurzen Strecke zu so vielen Toten kommt.“ Sie vermutet, dass die Rettungsmission Poseidon ihrer Rettungspflicht nicht nachkommt. Und noch etwas hat die Forscherin beobachtet: „Es sind vor allem die zivilen Helfer, die die Menschen versorgen.“ Im Hinblick auf internationale Hilfsorganisationen und staatliche Bemühungen spricht sie sogar von einer organisierten Unterversorgung.

Den nächsten Vortrag in der Reihe gibt es am Dienstag, 24. November, 18 Uhr. Katharina Schneider von der Universität Heidelberg spricht zum Thema „Northern Javanese Waterscapes: A Comparative Perspective“. Ort ist die Rotunde des Uni-Gebäudes Cartesium, Enrique-Schmidt-Straße 5. Der Eintritt ist kostenfrei. Alle Termine auf https://blogs.uni-bremen.de/meer.

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