Restaurantbesprechung Das Mulberry hat noch kein Sterneniveau

Das, was das Mulberry sein möchte - nämlich ein Restaurant auf Gourmet- oder gar Sterneniveau - ist es noch nicht. Dazu fehlt es am 1a-Service und an kreativen Überraschungen auf der Speisekarte.
21.03.2019, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Das Mulberry hat noch kein Sterneniveau
Von Marcel Auermann

Für alle, die mit dem Mulberry nichts anfangen können, trägt es noch den Zusatz „Restaurant im The Liberty“. The Liberty ist ein noch recht neues Hotel, das ziemlich bedeutungsschwanger an einer historischen Stelle am neuen Hafen in Bremerhaven liegt, wo Millionen Auswanderer Europa verließen und ihr Glück in einer neuen Welt suchten.

Hier, in einem doch recht kleinen Eckchen im Erdgeschoss des Hotels, befindet sich das Restaurant Mulberry, das vor allem am Abend mit seiner indirekten, angenehmen Beleuchtung in warmem Gelb-Orange seinen Charme versprüht. Alles erinnert an den Art-Deco-Stil, den man gerne in Florida findet. Der Boden besteht aus vielen farbigen Kacheln.

Eine Mischung aus Eleganz und Bodenständigkeit

Die Wände sind mit kleineren Bildern versehen. Pastellfarbene Stoffsessel stehen an schweren Tischen aus dunklem Holz. Große Panoramafenster geben den Blick frei auf den Hafen. Die Räume besitzen keine Ecken, sondern nur Rundungen, was den kleinen Raum etwas größer wirken lässt. Doch beim Setzen bemerkten wir, wie eng die Tische gestellt waren. Wir mussten doch aufpassen, nicht den Sitznachbarn zu stören oder etwas vom Tisch zu reißen. Auch wegen der etwa nur 15 Tische lohnte es sich, zu reservieren.

Mit einem Amuse Gueule starteten wir in den Abend. In einem kleinen Steingutschälchen, das auf einem Holztablet stand, gab es ein Stück gegrillten Tintenfisch an einer asiatischen Creme. Dazu erhielten wir zweierlei Brotsorten, Butter und Salzflocken. Als Brotteller fungierte eine Art (elegantes) Frühstücksbrett. Es ist eine interessante Mischung aus Eleganz und Bodenständigkeit, die das Mulberry in verschiedenen Bereichen an den Tag legt. Allein die Anmutung der Räume wirkt sehr nobel. Aber dennoch fehlt es an einigen Stellen, um das Ziel zu erreichen, ein Restaurant zu sein, das auf Sterneniveau agiert.

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Allein der Blick in die kleine Karte (drei Vorspeisen, zwei Suppen, sechs Hauptgerichte, drei Desserts) ließ uns einige Male hin- und herblättern, weil wir nicht so recht wussten, was wir nehmen sollten. Manches klang spannend (marinierter Lachs, Fischsuppe), aber dann doch zu normal. Wenn ein Gast in ein Restaurant geht, dann möchte er neue Inspirationen erleben, neue Geschmackserlebnisse mit nach Hause nehmen.

Nicht gerade üppige Portionen

Also entschied sich meine Begleitung für eine Tarte Tatin (11,50 Euro), die eher aus dem süßen Nachtischbereich bekannt ist, die der Koch aber herzhaft mit Gemüse interpretierte. Die Tarte an sich besaß den typisch buttrigen Geschmack und schmolz fast auf der Zunge. Dazu gab es Frühlingsgemüse, Kräutersalat und Schmand. Vor mir stand eine schaumig geschlagene Suppe von jungen Erbsen mit Minze.

Den Preis von 9,50 Euro empfand ich für den kleinen Suppenteller, dessen – überspitzt gesagt – Boden gerade einmal bedeckt war, als Unverschämtheit. Dass die Portionen nicht gerade üppig auf die Teller kamen, wurde uns schnell klar. Unser Eindruck bestätigte sich bei den Hauptspeisen und dem Dessert. Vermutlich auch deshalb wählt das Mulberry nicht das in anderen Häusern gern genommene ausladende Porzellan. Sonst würden die Zutaten schnell verloren wirken.

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Meine Begleitung fand als Hauptspeise ein 150-Gramm-Rinderfilet (29,50 Euro) vor sich, an dem es nichts zu meckern gab. Es besaß einen tollen rosa Kern. Dazu ein geschmeidiges Kartoffelgratin, das aus einem kleinen Förmchen auf den Teller fiel und dazu drei grazil drapierte Möhrchen. Ich wählte die norwegische Fjordforelle (25,50 Euro) – vor allem wegen des Bratkartoffel-Erbsensalats. Der war allerdings nichts weiter als kleine, knusprig gebratene Kartoffelwürfel, unter die Erbsen gemischt waren. Nun ja, da hatte ich mir mehr Kreativität gewünscht.

Weit hinter den Erwartungen

Da zudem auch noch die Fjordforelle weit entfernt von einem glasigen Innern war, riss mich das Hauptgericht nicht sonderlich vom Hocker. Auch der französische Roséwein blieb bei einem Preis von 9,50 Euro für 0,2 Liter weit hinter den Erwartungen und viel zu dezent. Gerne hätte ich die Erdbeeren und roten Johannisbeeren intensiver geschmeckt.

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Wohlgemerkt: Wir erwarteten grundsätzlich mehr, weil das Mulberry auf seiner Homepage selbst mit Worten wie „Gourmet“, „kulinarische Kompositionen“ und „aufregend“ jongliert. Davon spürten wir nur Anklänge, aber nicht die volle Wucht. Einen kleinen (auch von der Portion her) Höhepunkt lieferte das Dessert zum Ende. Raffiniert schmeckte die Zitronentarte (9,50 Euro), die der Koch wie eine Crème bru­lée abflammte und karamellisierte. Dadurch entstand ein toller Schmelz, der die weiße Schokolade noch verstärkte. Mangels Auswahl entschieden wir uns noch für einen Schokokuchen mit flüssigem Kern (9,50 Euro), den inzwischen fast jedes Restaurant gut hinbekommt. Erwähnenswerter ist allerdings das Mango-Sorbet, das eine wundervolle Cremigkeit und einen intensiven Fruchtgeschmack hatte.


Fazit: Das, was das Mulberry sein möchte – nämlich ein Restaurant auf Gourmet- oder gar Sterneniveau – ist es noch nicht. Dazu fehlt es am 1a-Service und an der Eleganz, gepaart mit kreativen Überraschungen auf der Speisekarte. Zum derzeitigen Stand sind daher die Preise zu hoch angesetzt.


Mulberry, Columbusstraße 67, 27568 Bremerhaven, Telefon: 0471 9 0224161, Öffnungszeiten: täglich 18 bis 22 Uhr (Dinner à la carte), Mittwoch bis Sonnabend 18 bis 22 Uhr (Gourmetmenü, um Reservierung wird gebeten), barrierefrei, Internet: www.mulberry-bremerhaven.de

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