Serie "Offene Wahl" (12) „Das Nebeneinander spaltet die Bremer nicht“

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist eines der Themen, mit denen sich Sozialwissenschaftler Klaus Boehnke an der Jacobs University Bremen beschäftigt. Ein Teil der Forschungen wurde 2013 in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht.
28.04.2015, 00:00
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„Das Nebeneinander spaltet die Bremer nicht“
Von Silke Hellwig

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist eines der Themen, mit denen sich Sozialwissenschaftler Klaus Boehnke an der Jacobs University Bremen beschäftigt. Ein Teil der Forschungen wurde 2013 in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht. Silke Hellwig sprach mit dem Professor über die Lage in Bremen.

Herr Boehnke, in Bremen leben im Verhältnis zur Einwohnerzahl überproportional viele Einkommensmillionäre und überproportional viele Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind – lässt dieser Umstand Rückschlüsse auf den Grad der sozialen Spaltung zu?

Klaus Boehnke: Nein, damit machte man es sich zu einfach. Im Rahmen unserer Studie über den sozialen Zusammenhalt haben wir auch Bundesländer untereinander verglichen. Das Ergebnis: Bremen ist da in keiner Weise auffällig. Anfang der 90er-Jahre stand Bremen sogar, im positiven Sinne, an der Spitze der Länder. Im Laufe der 90er-Jahre sind wir ein bisschen abgerutscht, aktuell stehen wir auf Platz 4 unter den Bundesländern, was die Qualität des Zusammenhalts betrifft.

Ist es nicht auch ein Symptom sozialer Spaltung, wenn sich bestimmte Gruppen voneinander in bestimmten Stadtteilen isolieren? Selbst wenn die Nachbarschaft noch so gut ist, hat das vermutlich Folgen.

Das stimmt. Es gibt auch in Bremen eine Art von Gettobildung – ob bei Reichen oder Armen. Welche Folgen das für das Zusammenleben hat, werden wir im nächsten Schritt unserer Nachbarschaftsforschungen untersuchen. Aber Bremen bemüht sich darum, solche Gettos zu vermeiden. Das gelingt nicht oder noch nicht überall. Aber es gibt auch Fortschritte wie in Tenever, heute OTe genannt. Da hat sich sehr viel getan.

Man kann innerhalb Bremens in verschiedenen Welten wandern. Gerade auch in Bremen-Nord, wo sich mit der Grohner Düne in Vegesack einer der ärmsten Stadtteile Bremens befindet.

Tatsächlich ist die Jacobs University auf der einen Seite von Grohn umschlossen, damit einem kleinbürgerlichen bis sehr armen Ortsteil, und auf der anderen Seite von St. Magnus, wo der Reichtum deutlich sichtbar ist. Diese Diskrepanz sollte man nicht kleinreden, aber im subjektiven Empfinden spaltet dieses Nebeneinander von Reich und Arm die Bremer nicht. Das zeigen unsere Daten. Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Es gibt in Bremen sichtbar eine sozial gespaltene Gesellschaft, aber das Land und seine Bürger leiden nicht so darunter wie andernorts. Die Stadtpolitik wie auch vor allem die Bürger selbst scheinen da einiges aufzufangen.

Gilt das für alle sozialen Gruppen?

Ich möchte die Frage mal umdrehen: Von einem hohen sozialen Zusammenhalt, also intakten sozialen Beziehungen, einer gesunden Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und einer nachhaltigen Gemeinwohlorientierung, profitieren alle gleichermaßen.

Welche Folgen hat soziale Spaltung für das Gemeinwesen?

Unsere Forschung bezieht sich in erster Linie auf den Zusammenhang zwischen dem sozialen Zusammenhalt und der subjektiven Zufriedenheit der Bürger. Unsere Untersuchungen zeigen, dass der soziale Zusammenhalt eine sehr große Bedeutung hat für die erlebte Lebensqualität und sie nicht etwa nur vom Durchschnittsreichtum der Bewohner abhängt. Ich denke, dabei spielt auch eine Rolle, dass sich Bremens Bürger überdurchschnittlich für ihr Land engagieren. Sie fühlen offensichtlich mit Bremen verbunden und verantwortlich für ihre Städte. Sie sind offener und toleranter als Menschen in anderen Teilen der Nation – offener gegenüber Menschen aus anderen Ländern und anderen sozialen Verhältnissen. Das ist für den sozialen Zusammenhalt von ungemein großer Bedeutung.

Aber es gibt konkrete Folgen: Beispielsweise muss man davon ausgehen, dass die Wahlbeteiligung in ärmeren Ortsteilen unter der in reicheren liegt. Das wiederum hat auch Konsequenzen für die bremische Politik und für ihre Akzeptanz.

Das kann man nicht bestreiten. Auch wenn es die Situation an sich nicht besser macht, muss man Bremen dabei aber auch mit ähnlichen Städten vergleichen. Dabei stellt man fest, dass das Missverhältnis zwischen Nichtwählern und Wählern nach sozialem Hintergrund kein bremisches, sondern ein großstädtisches Problem ist.

Wenn es um das Wohlbefinden geht: Haben Sie auch den Eindruck, dass das soziale Gefälle den Menschen mehr und mehr zu denken gibt oder auch zu schaffen macht?

Diesen Eindruck teile ich, und das bestätigen unsere Forschungen ebenfalls. Die Bereitschaft, sich die große Diskrepanz zwischen den Lebensverhältnissen vor Augen zu führen und daraus persönlich Konsequenzen zu ziehen, hat zugenommen. Das schlägt sich oft in unmittelbarem Tun nieder. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen ist, um ein konkretes Beispiel zu nennen, in vielen Sportvereinen beachtlich.

Wenn das nicht reicht, was ist zu tun? Mehr Sozialwohnungen da bauen, wo es noch keine oder wenig gibt – in Oberneuland und Schwachhausen?

Das kann sicher nicht schaden, eine gesunde Mischung ist grundsätzlich besser als die Separierung. Allerdings ist die Frage, ob es hilfreich ist, wenn eine freigewordene Villa zwangsweise von Flüchtlingen bezogen wird. Man sollte den Bürgern in Bremen vielmehr Gelegenheiten geben, Menschen außerhalb ihrer Milieus kennenzulernen. Abgrenzung hat oft etwas mit Unkenntnis und Vorurteilen zu tun. Ein Paradebeispiel für diesen Weg ist das Projekt zwischen der Deutschen Kammerphilharmonie und der Gesamtschule Ost. Und ohne zu sehr in Selbstlob ausbrechen zu wollen: Die Jacobs University trägt auch ihren Teil dazu bei. Sie liegt in einem Brennpunktbereich und vereint junge Menschen aus aller Welt, die teilweise aus sehr wohlhabenden, aber auch – über Stipendien – aus bitterarmen Familien kommen.

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