Sammlung Schwarzwälder Das Pharaonengrab in Findorff

Schon vor Jahren sichteten das Staatsarchiv und die Unibibliothek die Sammlungen des Historikerehepaars Schwarzwälder. Doch erst seit dem Tod von Inge Schwarzwälder ist der Nachlass Eigentum der Stadt Bremen.
14.07.2019, 20:04
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Das Pharaonengrab in Findorff
Von Frank Hethey

Für Konrad Elmshäuser waren die Besuche im verlassenen Haus des Historikerkollegen wie eine Entdeckungsreise. „Vom Estrich bis unter die oberste Dachpfanne war alles vollgestopft mit Büchern und Sammlungsgut“, sagt der Leiter des Staatsarchivs. Sogar im Heizungskeller seien Bücher rund um den Öltank gestapelt gewesen, unter der Treppe hätten sich Regale befunden wie auch an jedem anderen erdenklichen Ort im Haus. Wirklich leicht haben es Herbert und Inge Schwarzwälder ihren Nachlassverwaltern nicht gemacht, immer wieder mussten sich Elmshäuser und seine Mitstreiter einen Weg durch das Haus bahnen, oft genug wussten sie nicht, wo sie ihre Suche eigentlich anfangen sollten. Doch je weiter sie vorankamen, desto mehr verborgene Schatzkammern öffneten sich. „Es war fast wie in einem Pharaonengrab“, sagt Elmshäuser.

Mehrere Jahre dauerte es, bis das Pharaonengrab an der Torgauer Straße in Findorff durchforstet war. Was wertvoll und nützlich erschien, befindet sich jetzt im Staatsarchiv und in der Staats- und Universitätsbibliothek. Letztere hat den für Bremen interessanten Bücherbestand in ihre Obhut genommen, das Staatsarchiv bedeutende Teile des Sammlungsguts: darunter Hunderte von Postkarten, volkskundliches Material, sogar eine umfangreiche Kollektion von Oblaten, wie die filigranen Glanzbilder für Poesiealben genannt werden.

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Wer sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt, wird eher früher als später unweigerlich auf den Namen Herbert Schwarzwälder stoßen. Weithin bekannt gemacht hat ihn vor allem seine erstmals ab 1975 publizierte fünfbändige Ausgabe zur Bremer Geschichte, sein letztes großes Werk war das Bremen-Lexikon von 2003. Dabei bedurfte es natürlich einer Erinnerungsstütze: Akribisch erfasste Schwarzwälder die historischen Daten der Stadt, penibel führte er Buch über seine Forschungen. Davon zeugen „trögeweise“ Zettelkästen aus seinem Nachlass, die sich jetzt im Keller des Staatsarchivs befinden.

Keine Anweisungen zum Umgang mit der Sammlung

Freilich vernachlässigte der gelehrte Mann darüber seine eigenen Angelegenheiten. Als er im September 2011 im Alter von 91 Jahren starb, gab es kein Testament, keine Verfügung zum Umgang mit seinem Erbe. Und weil seine Frau wenig später an Demenz erkrankte, konnte auch sie keine Anweisungen mehr hinterlassen. „Er hat nicht mit seinem plötzlichen Tod gerechnet, sie nicht mit ihrer Krankheit“, sagt Elmshäuser.

Ein gravierendes Problem, wie sich alsbald zeigen sollte. Nächster Erbberechtigter des kinderlosen Ehepaars wäre der jüngere Bruder gewesen, der kürzlich verstorbene Harry Schwarzwälder, selbst ein passionierter Geschichtsforscher. Doch wie das Leben manchmal spielt: Die beiden Brüder hatten sich heillos zerstritten und nie wieder versöhnt. Harry Schwarzwälder und sein Sohn gingen leer aus, an ihrer Stelle kamen vier Cousinen als Erbengemeinschaft zum Zuge. Es ging um mehrere Immobilien, ein Millionenerbe. Für das Staatsarchiv und die Unibibliothek als Gedächtnis der Stadt eine schwierige Konstellation. Zumal der Erbfall noch gar nicht eingetreten war, Inge Schwarzwälder lebte in einem Pflegeheim, sie starb im Februar 2019. Doch was tun mit dem verwaisten Sammlungsgut im leerstehenden Haus? Es hätte der Verlust einzigartiger und unersetzlicher Bremensien gedroht, wäre die Sammlung nicht schon zu ihren Lebzeiten gesichtet und in Gewahrsam genommen worden.

Um die Belange von Inge Schwarzwälder kümmerten sich zwei enge Vertraute der Familie, frühere Schüler ihres Mannes: der im Februar 2018 verstorbene Jürgen Thewes und Rolf Ravenschlag, heute 80 Jahre alt. Beide kannten Schwarzwälder noch aus seiner Lehrerzeit am früheren Gymnasium am Leibnizplatz, sie verloren auch später nicht den Kontakt zu ihm, als er längst Professor an der Pädagogischen Hochschule Bremen war und genauso wenig, als die Hochschule 1971 in der neu gegründeten Universität aufging.

Als klar war, dass Inge Schwarzwälder ihre Geisteskraft nicht wiedererlangen würde, stellten Thewes und Ravenschlag den Kontakt zum Staatsarchiv her. „Ich hatte den Eindruck, dass Herbert Schwarzwälder seine Sammlung an das Staatsarchiv übergeben wollte“, sagt Ravenschlag, der viele Jahre als Steuerberater seines früheren Lehrers tätig war. Vertraglich wurde festgelegt, dass die Sammlung nach dem Tod von Inge Schwarzwälder als Schenkung in das Eigentum der Stadt Bremen übergehen würde. Für Elmshäuser war die Initiative ein absoluter Glücksfall. „In der Sammlung gibt es Dinge, die wir so nicht hatten und niemals bekommen hätten.“

Es begann die langwierige Phase der Sichtung. Dabei stießen Elmshäuser und seine Helfer immer wieder auf neue Kostbarkeiten, die das Sammlerehepaar über ein halbes Jahrhundert zusammengetragen hatte. „Das Ehepaar Schwarzwälder hat systematisch an Versteigerungen teilgenommen, war in Auktionshäusern und auf Flohmärkten unterwegs“, sagt Elmshäuser. Dabei sei Inge Schwarzwälder eine „Mischung aus dienstbarer Geist und treibender Kraft“ gewesen, die auch eigene Schwerpunkte gesetzt habe.

In jahrelanger Arbeit die Spreu vom Weizen getrennt

Unentwegt waren die beiden auf der Suche nach Bremensien, aber auch nach kulturhistorischen Zeugnissen ohne Bezug zur Region. Das alles in Augenschein zu nehmen, kostete viel Zeit und Geduld. „In jahrelanger Arbeit haben wir die Spreu vom Weizen getrennt“, erinnert sich Elmshäuser. Selbst nachdem Staatsarchiv und Unibibliothek die wichtigsten Fundstücke aussortiert hatten, war der Sammlungsbestand im Eigenheim der Schwarzwälders nicht spürbar kleiner geworden. „Wir waren fertig, und im Haus sah es noch immer genauso aus.“

Im Kellergeschoss des Staatsarchivs musste für die Sammlung Herbert und Inge Schwarzwälder erst einmal ordentlich Platz geschaffen werden, insgesamt 40 Regalmeter füllt jetzt der Nachlass. Und doch ist das alles nur ein kleiner Bruchteil dessen, was das Ehepaar Schwarzwälder im Laufe von Jahrzehnten zusammengetragen hat. Auf rund 400 Regalmeter schätzt Elmshäuser den Originalbestand. „Um neue Bücher unterzubringen, haben die Schwarzwälders sogar noch ein Gartenhaus gebaut.“

Bis heute ist die umfangreiche Sammlung nur grob erschlossen. Das gilt auch für die wissenschaftliche Korrespondenz des Mannes, der als „Historikerpapst“ von Bremen mit etlichen Kollegen im Schriftwechsel stand. Doch immerhin ist das Findbuch schon erstellt, in Kürze soll es der Forschung als erster Leitfaden zur Verfügung stehen. Zehn Jahre nach dem Tod Herbert Schwarzwälders fallen 2021 die letzten Beschränkungen, dann werden dem Forscherehrgeiz keine Schranken mehr gesetzt sein. Und womöglich erhellt sich dank der Schwarzwälder-Sammlung noch so manch dunkles Kapitel der Bremer Geschichte. Ganz wie bei einem Pharaonengrab, das noch lange nach seiner Entdeckung letzte Geheimnisse preisgibt.

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