Open Ship auf dem „Schulschiff Deutschland“ nach der Rumpfsanierung / Besucher kommen aus nah und fern „Das Schiff ist ein echtes Juwel“

Vegesack. „Die Ankerwinde war ein Folterinstrument“, sagt Georg Blödorn. Ein gutes Dutzend Besucher hat sich an Bord des Dreimasters „Schulschiff Deutschland“ um den Mann in der marineblauen Uniform geschart und hängt an seinen Lippen, während Blödorn erzählt.
27.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gabriela Keller

„Die Ankerwinde war ein Folterinstrument“, sagt Georg Blödorn. Ein gutes Dutzend Besucher hat sich an Bord des Dreimasters „Schulschiff Deutschland“ um den Mann in der marineblauen Uniform geschart und hängt an seinen Lippen, während Blödorn erzählt. Mehrere Mann seien nötig gewesen, um die Spill zu drehen. Das Setzen und Einholen des 1,2 Tonnen schweren Ankers sei echte Knochenarbeit gewesen für den seemännischen Nachwuchs auf dem „Schulschiff Deutschland“.

An diesem Sonntag ist Open Ship auf dem Dreimaster in der Lesummündung. Aus gegebenem Anlass: Der Schulschiff-Verein und der WESER-KURIER führen das Schiff nach der Überholung auf der Bremerhavener BVT-Werft der Öffentlichkeit vor und bedanken sich damit gleichzeitig bei allen, die mit Spenden dazu beigetragen haben. An Bord des Dreimasters mit seinem frisch sanierten schneeweißen Rumpf herrscht trotz Regen ein Kommen und Gehen . Zu den Klängen des „Schulschiff Deutschland“-Chors und des „Trios Royal“ schlendern Seh-Leute über die Planken. „Die Resonanz ist erfreulich“, zieht Claus Jäger gegen Mittag eine erste Bilanz. Gleich zu Beginn konnte der Vorsitzende des Schulschiff-Vereins eine Gruppe von 40 Feuerwehrleuten aus Mönchengladbach an Bord begrüßen. Überhaupt ist Jägers Eindruck: „Viele sind zum ersten Mal auf dem Schiff. Das merkt man an den Fragen, die gestellt werden.“

Georg Blödorn wird bei seiner Führung an Deck geradezu gelöchert. Wie hoch sind die Masten, wie viel Segel hat das Schiff, wie viele Knoten macht es? Wenn einer die Antworten kennt, dann Blödorn. In den 1950er-Jahren absolvierte er seine seemännische Ausbildung auf dem Schulschiff, fuhr 40 Jahre zur See. Seit 1996 führt er ehrenamtlich Gäste über den Dreimaster in der Lesummündung. Beim Open Ship erfahren seine Zuhörer nicht nur , was „brassen“ und „glasen“ bedeuten. Blödorn erzählt auch von der bewegten Geschichte des Schiffes.

Mancher Besucher hat eigene Erinnerungen. Werner Jarzemski kennt noch die Zeit, als der Dreimaster in den 1950er-Jahren als schwimmende Jugendherberge im Europahafen in Bremen lag. „Mit den Pfadfindern aus Schönebeck haben wir damals an Bord übernachtet“, erzählt der 83-Jährige aus Neuenkirchen. Geschlafen wurde in Hängematten. „Und wehe, die waren nicht richtig gezurrt. Da kam der Herbergsvater aber an“, erinnert er sich schmunzelnd. Klar, dass Jarzemski für die Rumpfsanierung gespendet hat. „Das Ergebnis ist schön geworden“, findet er.

Erik Petersen steigert das noch. „Das Schiff ist ein echtes Juwel.“ Der ehemalige Blumenthaler Ortsamtsleiter lernte als „Moses“ während seiner Matrosenausbildung an Bord von „Schulschiff Deutschland“ das seemännische Handwerk. Ein altes Foto von damals hat er mitgebracht. Auf ihm hält er als 15-Jähriger das große Steuerrad in der Hand. An seine Zeit auf dem Schulschiff von April bis Juli 1961 erinnert sich der Blumenthaler gerne. Schön sei sie gewesen, auch wenn der Komfort damals noch zu wünschen übrig ließ. „Es gab unter Deck drei Unterrichtsräume. Dort wurde auch gegessen und geschlafen.“ In Hängematten, nicht wie heute im Etagenbett in der Zwei-Mann-Kabine. Das „Backen und Banken“, wenn die Tische und Bänke von der Decke herabgelassen wurden – Petersen ist es im Gedächtnis als sei es erst gestern gewesen.

Anna Harren verbindet mit dem Schulschiff eine ganz andere Erinnerung. „Meine jüngste Tochter heiratete im Kapitänssalon.“ Die gute Stube dient inzwischen als Hochzeitszimmer. Heute ist die Bremerin mit Enkel Per auf Entdeckungsreise an Bord. Kombüse und Kabinen haben die beiden schon gesehen. „Jetzt wollen wir in die Messe.“ Dort zeigt ein Film den Besuchern, welche Arbeiten am Dreimaster bei der Werftüberholung vorgenommen wurden.

Wegen der Rumpfarbeiten mussten Kabinen und Messen ausgebaut und wieder originalgetreu eingebaut werden. Inge und Manfred Zimmer aus Schwanewede werden in den Kabinen besonders interessiert hingucken. „Meine Frau hat mir zum Geburtstag eine Übernachtung auf dem Schulschiff geschenkt. Die hatte ich mir gewünscht“, erzählt Manfred Zimmer. Den Dreimaster haben beide schon öfter besichtigt. „Wir freuen uns, dass er hier in der Lesum liegt.“

Familie Krause aus Schwachhausen ist zum ersten Mal an Bord. Im WESER-KURIER haben sie vom Open Ship gelesen und sich spontan zu einem Ausflug nach Vegesack entschlossen. „Das ist ein schönes Schiff“, findet Karin Krause. Die Spendenbox an der Gangway hat die Familie schon gefüttert. Um die Kosten der Rumpfsanierung zu decken, braucht der Schulschiff-Verein noch etwas Geld. Laut Jäger fehlen noch rund 50 000 Euro.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+