40 Jahre Tatort Das triste Privatleben der TV-Kommissare

Bremen. Seit vier Jahrzehnten lösen die unterschiedlichsten Charaktere Kriminalfälle auf der Mattscheibe. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sei gehen zumeist einsam durchs private Leben. Beim Jubiläum debütiert denn auch ein weiterer Junggeselle.
26.11.2010, 16:24
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Das triste Privatleben der TV-Kommissare
Von Hendrik Werner

Bremen. Im echten Leben war die Schauspielerin Simone Thomalla einmal mit Ex-Schalke-Manager Rudi Assauer liiert; aus einer früheren Ehe hat sie eine Tochter. Im wirklichen Leben ist der Schauspieler Martin Wuttke mit Kollegin Margarita Broich zusammen, die ihrerseits mal ein Verhältnis mit dem Dramatiker Heiner Müller hatte, der wiederum – aber das führt zu weit. Denn das wahre Leben ist komplex; seine Beziehungsgeflechte sind verästelt. Dagegen sorgt das naturgemäß unterkomplexe Fernsehen in der Welt der Liebe und Triebe für Übersichtlichkeit.

In den Leipziger „ Tatort“-Folgen führen Hauptkommissarin Saalfeld (Thomalla) und Hauptkommissar Keppler (Wuttke) ein amputiertes Privatleben, das symptomatisch für die ganze Krimireihe ist: Die partners in crime investigation opfern sich so sehr für den Job auf, dass ihr Liebesleben auf der Strecke bleibt. Drei Jahre war das Ermittlerpaar liiert; jetzt sind die zugewandte Kommissarin und der unwirsche Eigenbrötler geschiedene Leute. Keine Beziehung ist in Sicht, die die Last des Fahnderalltags durch private Lust mindern würde.

Derlei Frust ist sinnbildlich für die Kommissare im ARD-Flaggschiff „ Tatort“, dessen Geburtstag sich am 29. November zum 40. Mal jährt. Nicht von ungefähr kommt es, dass der Jubiläumsfall eine neue Figur einführt, die emotionale Schwächen offenbart: Ulrich Tukur gibt am Sonntag in „Wie einst Lilly“ sein Debüt als hessischer LKA-Mann Felix Murot. Das Raubein lebt allein, Typus: ewiger Junggeselle. Einer, der die Frau, die zu ihm passt, nicht finden kann, weil er nie nach ihr fahndet. Jemand, der nur einen Anzug besitzt, den er ständig trägt. Ein für „ Tatort“ charakteristischer Protagonist. Bezeichnend, dass es sich bei seiner einzigen Vertrauten um die Sekretärin Magda Wächter (Barbara Philipp) handelt, die ähnlich ruppig ist wie ihr Chef.

Diese Isolationshaft liegt am Beruf. An dessen Anforderungen leiden viele TV-Kommissare. Wer im „ Tatort“ die klassische Familienform Vater-Mutter-Kind aufspüren will, sucht fast vergebens. Das verwundert insofern nicht, als es Ziel der Krimireihe ist, Sitten und Unsitten innerhalb der deutschen Gesellschaft tunlichst repräsentativ abzubilden. Das gilt nicht zuletzt für Beziehungsgeflechte in einem Land, dessen Scheidungsrate fast so hoch ist wie jene der Blaumeisen, die Ornithologen mit 50 Prozent beziffern.

Dackelliebe statt Frauenflirt

Armes Deutschland, wenn selbst ein Vogel keine Hochzeit mehr halten will und das Gros der TV-Fahnder mit seiner Arbeit verheiratet ist. Da ist Kommissar Sebastian Bootz, den Felix Klare an der Seite von Richy Müller im SWR-„ Tatort“ spielt, eine Ausnahme: Er lebt mit Gattin Julia und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus in Stuttgart. Dem wohltuend neurosenfreien Bootz geben die geordneten Verhältnisse jene Kraft und Ausgeglichenheit, über die seine Kollegen nicht verfügen.

Trotz des rühmlichen Vorbilds erweisen sich Deutschlands telegene Polizisten immer wieder sonntags als eingefleischte Singles: In Kiel erwehrte sich Axel Milbergs schrulliger Klaus Borowski sieben Jahre lang der Annäherungsversuche der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert). Als sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch im Bett landeten, war das Ende ihrer Kooperation besiegelt. Zu viel Innigkeit darf nicht sein im auf Realitätsnähe setzenden „ Tatort“: Eggert wechselte unlängst an das Deutsche Theater Berlin. Mit Borowskis neuer Partnerin Sarah Brandt, seit Oktober von Sibel Kekilli verkörpert, wird es keinen Körperkontakt geben, um das Serienerfolgsrezept nicht zu gefährden. Im NDR-„ Tatort“ aus Hannover hat Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) zwar seit einiger Zeit ein Kind, zieht es aber allein auf. Helfen durfte ihr ein platonischer Freund, gespielt von Ingo Naujoks. Bis dieser wegen Unterforderung die Serie verließ.

Als die Lindholm in früheren Folgen mal ernsthaft verknallt war, entpuppte sich der von Hannes Jaenicke gemimte Interimsherzbube als Krimineller. „Wir haben von Anfang an drei Folgen verabredet“, hat Jaenicke bemerkt. „In der ersten Episode lernt sie ihn kennen, in der zweiten lassen sie sich auf eine Affäre ein, in der dritten wird er entsorgt.“ Merke: Zu viel Liebesglück ist der Ermittlerglaubwürdigkeit abträglich. Zu wenig Daseinsfreude dagegen arbeitet der Sympathie des Zuschauers zu. Oder zumindest seinem Mitleid.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich jüngere „ Tatort“-Kapitel kaum von früheren: Horst Schimanski (Götz George, WDR) war ein bindungsscheuer Schwerenöter; Oberinspektor Marek (Fritz Eckhardt, BR) zog seinen Dackel jeder Frau vor, Paul Stoever (Manfred Krug, NDR) jazziges Liedgut jedem auf Vereinnahmung zielenden Flirt. Die liebste Musikrichtung von Franz Markowitz (Günter Lamprecht), der in Berlin ermittelte, war nicht von ungefähr der Blues. Selbst der Frauen zugetane Paul Trimmel (Walter Richter), der den seriellen „ Tatort“-Reigen am 29. November 1970 mit der Folge „Taxi nach Leipzig“ eröffnete, frönte erst dann auffällig oft Skat, Zigarren und Bier, als seine Freundin bei ihm einzog.

Insofern ist das Liebesleben des Buletten mehr als Sex liebenden Kommissars Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy), der in 20 WDR-Fällen ermittelte, symptomatisch: Erst nach der Scheidung fand er zu Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum), die ihn bei Whodunit-Fragen unterstützte. Helden müssen wohl einsam reiten. Es gilt das Schiller-Wort: Der Starke ist am mächtigsten allein.

Generation Single

Die bürgerliche Familie ist nach Ansicht der Psychoanalyse die Keimzelle aller Neurosen. Diesbezüglich scheint es, als beugten die Ermittler allen Verbandlungen vor, die psychischen Auffälligkeiten zuträglich sein könnten. Sie wissen von Berufs wegen, dass Leidenschaft Leiden schafft. Wer ständig Brandschatzer, Meuchler und Psychopathen jagen muss, der will nach Feierabend keine weitere Prise – diesmal: ehelichen – Wahnsinn, sondern etwas Normalität. Um die zu erhaschen, gehen Fahnder wie der Berliner Till Ritter (Dominic Raacke), der Münsteraner Frank Thiel (Axel Prahl) und die Münchener Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) lieber auf ein Bier in ihre Stammkneipe oder auf eine Wurst ans Büdchen. Und schwärmen sporadisch für Zufallsbekanntschaften, die sich dann zuverlässig als Hauptverdächtige herausstellen.

Immerhin gibt es Indizien, dass einige Vertreter der Krimi-Generation Single einst ein Familienleben geführt haben müssen: Die Frau von RBB-Ermittler Felix Stark (Boris Aljinovic) ist mit einem Dirigenten durchgebrannt. Die Bremer Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Mutter einer erwachsenen Tochter, war und ist alleinerziehend. Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), in Diensten beim ORF, hat eine halbwüchsige Tochter; WDR-Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) ist mittlerweile gar Opa. Für neue Patchwork-Beziehungen indes fehlen Muße und Mut.

Auch tendenziell asexuelle Typen gibt es im „ Tatort“, der sich bemüht, den gesellschaftlichen Proporz so getreulich widerzuspiegeln wie die Regionalkrimis jenen der ARD-Senderfamilie. So interessiert sich der narzisstische Münsteraner Forensiker Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) naturgemäß nur für sich selbst, und die labile Frankfurter Oberkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) war stets zu sehr mit ihren Neurosen beschäftigt, als dass sie sich für Tändeleien hätte begeistern können. Schon gar nicht mit ihrem drögen Kollegen Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf). Dass es bei ihren Nachfolgern, verkörpert von Nina Kunzendorf und Joachim Król, mehr knistert, ist mehr als zweifelhaft.

Tote Hose auch in Ludwigshafen: Der vierschrötige Mario Kopper (Andreas Hoppe) würde wohl schon gern wollen – aber niemand will ihn. Und Ulrike Folkerts, bekennende Lesbe, hat sich offenbar auserbeten, dass ihre Figur Lena Odenthal von erogenen Drehbüchern verschont bleibt. Immerhin die Konstanzer Ermittlerin Klara Blum (Eva Mattes) flirtet bisweilen gern; für eine Dauerbeziehung reicht es indes nicht. Wer so oft mit dem Tod befasst ist wie die Fernsehermittler, lebt selbst nur wenig.

Insofern spiegelt der Hamburg-„ Tatort“ exemplarisch das Liebesleid der TV-Fahnder: Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), ein verdeckter Ermittler, hat keine Zeit für Freundschaften – geschweige denn für Beziehungen. Dabei ist er so ein attraktiver Mann! Weil aber das Böse immer und überall ist, muss die Liebesfähigkeit der Guten pausieren. So lang wenigstens, bis die ARD ihren so programmatischen wie löblichen Anspruch aufgibt, in der „ Tatort“-Reihe deutsche Befindlichkeiten zu spiegeln. Deren augenfälligste ist die chronische Angst vor Bindungen. Was zu beweisen war.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+