Bremer Spieleerfinder

Das verspielte Land

Bei den Internationalen Spielertagen in Essen stellen auch mehrere Bremer Autoren ihre Neuheiten vor. Dabei bedienen sie einen Trend, denn in Deutschland wird so viel gespielt wie selten.
27.10.2018, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Das verspielte Land
Von Andreas D. Becker
Das verspielte Land

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2018 ist für Michael Kiesling das Jahr des Auskostens, des Genießens. Auf den Internationalen Spieletagen in Essen, der weltweit größten Messe für Gesellschaftsspiele wird der Autor, der in Achim lebt und in Bremen eine Firma hat, ständig angesprochen. Glückwünsche werden ihm überbracht, Autogrammwünsche an ihn herangetragen, er lächelt für Handyfotos. Er genießt das durchaus.

Kiesling ist auf der verspielten Publikumsmesse, die noch bis diesen Sonntag läuft und zu der im vergangenen Jahr 180 000 Besucher kamen, so etwas wie der Mann der Stunde. In diesem Jahr hat sein Spiel „Azul“ viele sehr wichtige Preise gewonnen, in erster Linie natürlich den wichtigsten Preis der Branche: das „Spiel des Jahres“. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Spanien und Portugal. Und jetzt bekam Kiesling noch den Deutschen Spielepreis anlässlich der Spielemesse verliehen, den wichtigsten Publikumspreis der Branche. Und vielleicht ist deswegen das Interesse an einem der neu entwickelten Spiele Kieslings mit dem Namen „Azul: Stained Glass of Sintra“ wieder riesig.

„Azul“ steht mit seinem hochwertigen Material für eine typische Entwicklung des Gesellschaftsspiels. Die Branche setzt auf erstklassige Ausstattung, was Kunden goutieren. Viele Spiele überzeugen aber vor allem durch ihre spielerische Qualität, sie machen einfach Spaß. Bis Ende August hat die Branche 16 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahreszeitraum erzielt, sagt Hermann Hutter, Vorsitzender des Vereins Spieleverlage, dem Fachverband der Hersteller. Hutter erwartet in diesem Jahr ein Umsatzvolumen von mehr als 500 Millionen Euro. Woran das liegt? „Gesellschaftsspiele boomen wegen der Digitalisierung“, erklären die Macher der Spielemesse.

Das klingt erst einmal paradox. „Aber viele Menschen sind den ganzen Tag irgendwie online unterwegs. Ihnen fehlt es dann, gemeinsam am Tisch zu sitzen“, sagt der Bremer Spieleautor Friedemann Friese. „Das gefühlt wahre Spiel findet am Tisch statt, ohne Elektro. Das ist nicht totzukriegen." Friese mit seinem kleinen Verlag 2F-Spiele stellt mehrere neue Spiele in Essen vor. Und bedient ganz unterschiedliche Geschmäcker. Sein „Futuropia“ ist etwas für die wahren Geeks, die Vielspieler, die vollkommen ohne Glücksanteil eine Optimieraufgabe lösen wollen. Ganz anders ist dagegen „Fatal“, ein kleines Kartenspiel ohne Regelheft. Die Spieler decken einfach Karten auf, nach und nach kommen dabei auch Regeln ins Spiel.

Ein großer aktueller Trend sind Spiele, die wie eine Serie eine Geschichte erzählen, die sich von Partie zu Partie entwickeln, weil sich Regeln immer wieder ändern. Und weil man nicht jedes Mal von vorne anfängt, sondern quasi mit einem neuen Kapitel. Der Bremer Spieleentwickler Lukas Zach hat mit seinem Co-Autor Michael Palm „Adventure Island“ erdacht. Die Spieler stranden dabei auf einer verlassenen Insel und versuchen nun gemeinsam, zu überleben, die Insel zu erkunden und gerettet zu werden. „Vier Jahre haben wir an diesem Spiel gearbeitet. Als wir anfingen, gab es so ein Spielprinzip noch gar nicht“, erzählt Zach. Doch dann wurden auf einen Schlag mehrere solcher geschichtsstarken Serienspiele veröffentlicht. „Da wurden wir panisch und wollten sofort damit raus.“ Doch der Verlag sagte: durchatmen, weiter feilen.

Dass die Spieler als Team agieren, also kooperativ und nicht gegeneinander, ist dabei ein weiterer Trend. Das Miteinander führt zu Diskussionen am Tisch, wer soll was als nächstes machen, alle sind stets ins Geschehen einbezogen. Die Regeln von „Adventure Island“ sind dabei recht simpel. Zumindest im ersten Kapitel. Doch von Partie zu Partie wird das Spiel etwas komplexer, gleichzeitig erhält die Geschichte mehr erzählerischen Tiefgang. „Trotzdem können auch Kinder ab acht Jahren schon mitspielen. Da es kooperativ ist, können die Eltern helfen“, sagt Zach, der aus eigener familiärer Erfahrung spricht. Und Kinder sind mit guten Abenteuergeschichten jederzeit zu begeistern, auch wenn sie ganz klassisch analog erzählt werden, ganz ohne Sound und ganz ohne Elektro.

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