Landschaftspark des Bremers Robert Rickmers Eine Entdeckungstour auf dem Gut Hodenberg in Oberneuland

So manch besonderer Ort war im Rahmen des Kultursommers Summarum zu entdecken, einer der schönsten ist sicher das Gut Hodenberg in Oberneuland. Dort wird das Freiluft-Festival diesen Sonntag abgeschlossen.
30.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Eine Entdeckungstour auf dem Gut Hodenberg in Oberneuland
Von Sigrid Schuer

Der Elf Puck irrlichtert durch das verwunschene, kleine, aber feine Gartentheater des Gutes Hodenberg und wirbelt die Personnage in Shakespeares „Sommernachtstraum“ gehörig durcheinander. Das ist zumindest der Plan am heutigen Sonntag, wenn der Wettergott dem letzten Wochenende des Kultursommers Summarum mit seinen vielen verschiedenen Veranstaltungen hold sein sollte. Ziel des Freiluft-Festivals war es auch, Kulturfans bisher kaum bekannte Orte vorzustellen. Und Bremens ältestes Landgut, dessen Ursprünge aus dem Jahr 1194 datieren, ist wohl einer der schönsten. Ähnlich wie die Landgüter in Lesmona ein Relikt glanzvoller, bremischer Vergangenheit. Wer zurück zu den Ursprüngen von Shakespeare im Park will, dem Festival, das seit einem Vierteljahrhundert im Bürgerpark veranstaltet wird, der kann sie in dem weitläufigen Landschaftspark finden.

„Die Bremer Shakespeare Company hat schon davor das Freilufttheater mitsamt dem Gelände bespielt“, sagt York Stahlknecht, seit drei Jahren Vorsitzender der Stiftung Gut Hodenberg, die sich seit ihrer Gründung 1936 der Förderung der schönen Künste und der niederdeutschen Kultur widmet. Die ehrenamtliche Arbeit leistet er mit seinen fünf Vorstandskollegen. In dem Park, der wie gemacht für den „Sommernachtstraum“ erscheint, gibt es noch mehr zu entdecken: einen Pavillon mit Pagodendach und eine barocke Tuffstein-Grotte, die von einer mächtigen, rund 120 Jahre alten Rotbuche beschattet wird. Am Sonntag, 6. September, ist Julia Bachmann mit ihrem musikalischen Gartensalon im Pavillon zu Gast. Die junge Sopranistin hat sich den Sommer über mit großer Stimme in die Herzen des Publikums gesungen. Ihr Credo: „Ich bin doch nicht aus Zucker. Ich bin eine echte Bremerin, da kann mir doch ein bisschen Regen nichts anhaben!“ „Wir sind als Stiftung immer offen für Künstlerinnen und Künstler, die hier auftreten wollen“, sagt York Stahlknecht.

Ein Refugium Robert Rickmers

Den Landschaftspark im englischen Stil schuf 1906 der Gartenarchitekt Christian Delius im Auftrag des erfolgreichen Bremer Kaufmannes Robert Rickmers (1864-1948), Enkel des Reeders Rickmer Clasen Rickmers. Er hatte sich mit dem nach seinen Vorstellungen umgebauten Gut Hodenberg 1898 sein Refugium in Oberneuland, damals noch vor den Toren Bremens, geschaffen. Rickmers war ein Paradiesvogel. Der weit gereiste Reiskaufmann hatte sich als Souvenir aus Fernost nicht nur einen Tempelgong, Gemälde oder Lampen in Pagodenform, sondern auch eine Ganz-Körper-Tätowierung ab dem Hals abwärts mitgebracht. Äußerst ungewöhnlich für einen tagenbarenen Bremer Eiswettgenossen und Schaffer. Rickmers hatte ein Faible für die schönen Künste. Auf Gut Hodenberg habe der Mäzen mit seinen Worpsweder Künstlerfreunden wie Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck und Rainer Maria Rilke rauschende Feste gefeiert, erzählt Stahlknecht. Sie gestalteten auch Teile des Gutes. Der Reeder, Werftbesitzer und Reiskaufmann war mit Lily Lehmann verheiratet. Auf Initiative der Schauspielerin war das von Farnen gesäumte Gartentheater mit seinen hohen Hecken von Delius angelegt worden. „Hier hat sie ihre eigenen Stücke inszeniert“, so der Vorstands-Vorsitzende der Stiftung.

Der Schabernack treibende Puck könnte gut und gerne ein Bruder im Geiste von Rickmers gewesen sein. Denn der war ebenso unkonventionell wie kunstsinnig. Stahlknecht hat zwei Anekdoten parat, die von dem Spross der prominenten Rickmers-Dynastie überliefert sind: Zuweilen habe er auf Gut Hodenberg auch Feste für Bremens feine Gesellschaft gegeben. Einmal engagierte er dafür echte venezianische Gondolieri, die die Gondeln ruderten, die eigens auf dem Wassergraben, der das Gut umgibt, postiert wurden. Die Damen und Herren stiegen in ihrer Ballgarderobe zu.

Das romantische Schaukeln war allerdings nur von kurzer Dauer. Rickmers, der oben auf der Balustrade des Gutes stand, amüsierte sich königlich, als auf sein Zeichen, die Gondeln versenkt wurden und seine Gäste schimpfend im moorigen, schwarzen Wasser landeten. Ob es wohl daran gelegen haben mag, dass der Reeder zu so mancher Festivität nicht mehr eingeladen wurde? Jedenfalls ritt er ein anderes Mal die Treppen zum Ballsaal in Hillmanns Hotel, in dem Bremens High Society rauschende Feste feierte, hoch zu Ross hinauf, um dem Hochzeitspaar, das ihn nicht eingeladen hatte, seine Glückwünsche zu überbringen.

Räume mit reizvollen Stilbrüchen

Wie der auf einem Chateau im französischen Cognac geborene Robert Rickmers überhaupt ein leidenschaftlicher Reiter war. Gemälde zeigen ihn mit Vollbart und Zylinder im roten Reit-Jackett. Die Verbindung zum Reitsport ist bis heute geblieben. Ein Teil des Geländes ist an den Hubertus Reitverein verpachtet. Die Einnahmen fließen genauso wie Spenden an die Stiftung. Das erste, was in der Auffahrt zu sehen ist, sind die Stallungen, aus denen Pferdeköpfe hervorlugen. York Stahlknecht wohnt mit seiner Familie in den vorderen Räumen des Gutes Hodenberg. Schon sein Großvater, der 1956 die Leitung der Stiftung übernahm, gefolgt von seinem Sohn Jochen und seinem Enkel York, kannte den alten Rickmers noch. Der Architekt begegnet den Räumen zuweilen immer noch staunend. Sie gleichen einem Pasticcio, will sagen, dass sie mitunter von reizvollen Stilbrüchen geprägt sind: vom Klassizismus über Kunsthandwerk bis hin zum Jugendstil. Von Rickmers’ Liebe zum Niederdeutschen zeugt ein wuchtiger Kachelofen aus Delfter Fliesen, in die Wände hat er alte Hochzeitskisten aus dunklem Holz einfügen lassen. Das Parkett besteht aus vormaligen Schiffsplanken aus Teakholz. Kurz: Das Ganze mutet wie eine Zeitreise zurück zur vorletzten Jahrhundertwende an. Apropos „Sommer in Lesmona“: Teile des Kultfilms von Peter Beauvais mit der jungen Katja Riemann wurden übrigens auf Gut Hodenberg gedreht.


Die Kurz-Version von Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist diesen Sonntag, 30. August, um 16.30 Uhr auf Gut Hodenberg, Hodenberger Straße 10, zu erleben. Julia Bachmann gibt am Sonntag, 6. September, um 11.30 Uhr die Matinée „Durchs Champagnerglas betrachtet“. Personalisierte Tickets zum Preis von 20 Euro sind unter www.musikalischer-garten-salon.de zu haben.

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