Energie aus Farge

Das Werk steht still

Im Kraftwerk Farge so denkt man ist es heiß und dreckige Hände schuften um mit Kohle Energie zu erzeugen. Nichts davon trifft zu, denn fast alles in der riesigen Anlage läuft automatisiert.
25.08.2019, 08:00
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Von Anne Werner

Feuer, Menschen mit schwarz-verschmierten Händen und überall Kohle – daran könnte man denken, wenn man sich ein Kohlekraftwerk vorstellt. Doch kaum etwas davon sieht man im Kraftwerk Farge. Flammen lodern bei Betrieb nur hinter einer einzigen kleinen gläsernen Luke. Die Kohle liegt eher versteckt auf Transportbändern. „Niemand berührt hier die Kohle – weder mit der Hand noch mit der Schippe“, sagt Hartwig Vahlsing.

Heute brennt die Steinkohle jedoch nicht einmal unsichtbar. Das größte Bremer Kohlekraftwerk ist abgeschaltet. Nur eine von mehreren Wasserpumpen dröhnt im Kesselraum. Vahlsings Tag. Der 58-Jährige leitet die mechanische Instandhaltung im Werk und hat heute viel zu tun. Warum heute in Farge kein Strom produziert wird? „Weil viel Windstrom im Netz ist“, sagt Vahlsing. Ohnehin sei das Werk im August nur fünf oder sechs Tage gelaufen. Im Sommer 2018 habe es dagegen nahezu jeden Tag Elektrizität produziert.

Wann Kohle am Standort Farge verbrannt wird, plant der französische Konzern Engie, dem Bremens größtes Kohlekraftwerk derzeit noch gehört. Bald besitzt es die US-Investmentgesellschaft Riverstone Holdings LLC. Aber auch Engie muss sich nach der Auslastung der europäischen Stromnetze richten. Und Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind oder Sonne hat Vorrang.

In der Kantine des Kraftwerks gibt es heute Nudeln mit Putenschnitzel. Jens Lohmeyer, Abteilungsleiter für Elektrotechnik, bestellt nur die Nudeln und isst neben seinem Kollegen Vahlsing. Der 56-Jährige arbeitet seit 32 Jahren im Kohlekraftwerk – in vierter Generation. Schon seine Vorfahren waren in Farge im Einsatz, der Älteste im Jahr 1926. Lohmeyer spricht nur wenig. Ob er zu Hause Kohlestrom beziehe? Nein, antwortet der schmale Mann. Er bekomme Kohlendioxid-neutralen Ökostrom aus Norwegen. Seine Frau sei Umweltaktivistin, sagt er. Sie wünsche sich den Ausstieg aus der Kohleverstromung – so wie er.

Im Kesselraum trägt Lohmeyer einen Bauarbeiterhelm, der ihn größer erscheinen lässt. Neben dem Fuß des Kessels sieht er trotzdem winzig aus. Normalerweise wird in dem Kessel bei 1350 Grad Celsius das Kohlestaub-Luftgemisch verbrannt und so ein 245 Kilometer langes Wasserrohrgeflecht erhitzt – das entspricht etwa der Strecke von Bremen nach Hamburg und zurück. Doch heute ist der Kessel kalt. Ein Handwerker schraubt allein an einem Rohr. Er bekommt seine Aufträge wie alle Mitarbeiter aus der Zentrale. Dorthin führt ein Aufzug mit dicken Wänden und Holzbänken. Lohmeyer drückt einen Knopf, der statt Etagen Höhenmeter anzeigt. Je weiter der Aufzug bei Betrieb in die Höhe fahre, desto heißer werde es, sagt er. Auf der obersten Ebene, bei etwa 55 Metern, herrschten dann etwa 50 Grad.

In der Zentrale dudeln Schlager. Der Bildschirm, der sonst die produzierte Strommenge in Kurven anzeigt, ist heute weiß. Vor dem Schichtleiter Jens Hamann sitzen zwei Mitarbeiter in Blaumännern mit Kaffeetassen. Um sie herum leuchten Hunderte Kontrollanzeigen. Der Raum wirkt wie die Kommandobrücke eines Raumschiffs. Das ganze Kraftwerk wird von hier aus überwacht, rund um die Uhr. „Diese Zentrale ist seit 1969 durchgängig besetzt“, sagt Hamann. Wie Piloten müssen er und seine Leute das Werk starten. Sei es länger auf Standby wie in dieser Woche, könne das Hochfahren bis zu vier Stunden dauern, sagt Hamann.

Neben der Zentrale steht in einer riesigen Halle das Herzstück des Kraftwerks: der Generator. Das gesamte Kraftwerk dient einig dazu, dieses zehn Meter lange Stahlgebilde zu betreiben. Dafür mahlt es Kohle, verbrennt sie, erhitzt Wasser, bis dieses verdampft. Der Dampf bewegt dann die Turbine, die letztlich den Generator antreibt. Dieser erzeugt dann den Strom, ungefähr 1,8 Gigawattstunden im Jahr, der später in Hochspannungsleitungen eingespeist wird.

Bis zu 400 000 Menschen kann das Werk in Farge im Jahr mit Elektrizität beliefern. Doch bald schon soll es abgelöst werden. Für immer. Seine Konkurrenten sieht man vom Dach des Kraftwerks aus: Viele Windkrafträder drehen sich auf den Feldern. Sie produzieren kein Kohlendioxid (CO2) bei der Energiegewinnung, im Gegensatz zum Kohlekraftwerk. Nach Angaben Lohmeyers verbrennt das Werk bei Betrieb etwa 100 Tonnen Kohle – pro Stunde. Dabei entsteht klimaschädliches CO2. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat errechnet, dass das Werk in Farge 2016 etwa eine Million Tonnen Kohlendioxid produziert hat. Jens Tittmann, Sprecher der Senatorin für Klimaschutz und Umwelt, mag zu den Emissionen des Werks keine Angaben machen. Die Daten unterlägen der Geheimhaltungspflicht, sagt er.

Wenn die Rechnung des „Spiegel“ stimmt, stößt das Kraftwerk in Farge mehr als sieben Prozent aller CO2-Emissionen in Bremen aus. Die beliefen sich nach Angaben des Statistischen Landesamts im Jahr 2016 auf mehr als 13 Millionen Tonnen CO2. Der neue Senat will die Emissionen reduzieren und hat deswegen den Kohleausstieg für das Jahr 2023 geplant. Nicht nur Lohmeyer beschäftigt das. Jeden Tag würden alle im Werk über den Kohleausstieg reden, sagt er. Es gebe viele Fragezeichen, auch zur Zukunft der Stromversorgung. Denn Kohle sei der wichtigste Energieträger. Besonders in Bremen.

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