Weser-Strand-Porträt Der Hauch des Geheimen

Viele Denken bei Freimaurern an einen Geheimbund. Friedrich Dodo de Boer ist Mitglied der Bremer Loge "Zur Hansa" und erzählt, wie die Freimaurerei ihn verändert hat.
05.12.2021, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lucas Brüggemann

Im Film werden Freimaurer oft verbunden mit kerzenbeschienen Sälen, in denen geheimnisvolle Rituale oder Zeremonien stattfinden. Oder mit Verschwörungen, in denen sie die Weltherrschaft an sich reißen wollen. „Das ist Blödsinn. Das ist alles Hokuspokus“, sagt Friedrich Dodo de Boer. Er muss es wissen, er ist selbst Freimaurer. Seit 2008 ist er Mitglied in der Bremer Loge „Zur Hansa“ und war als „Meister vom Stuhl“ einige Jahre ihr Vorsitzender. Heute ist er Altstuhlmeister in der Loge.

Auf den ersten Blick verrät nichts, dass de Boer einem angeblichen Geheimbund angehört. Man muss schon sehr genau hinsehen, um die gekreuzten Zirkel und Winkel – das Symbol der Freimaurer – auf seinem Siegelring zu erkennen.

De Boer erzählt, dass es zwar bestimmte Rituale und Zeremonien gäbe, sie sollten aber eine Erinnerung an die Historie der Freimaurerei und deren Grundsätze Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität sein. „Die rituellen Veranstaltungen sind seit Jahrhunderten gleich“, erklärt de Boer. Dazu gehörten das Lesen bestimmter Texte, die die Grundsätze in Erinnerung riefen. „Da gibt es nichts, was man im Keller verstecken muss.“ Was genau bei diesen Zeremonien passiert, verrät der 74-Jährige allerdings nicht. Da hält er sich an den Kodex der Verschwiegenheit, der zur Freimaurerei gehört. 

Was ist Tempelarbeit?

Die Freimaurer umweht der Hauch des Geheimen, trotzdem geschehe nicht das, was viele darunter verstehen, betont de Boer. „Das Geheimnis ist das, was jeder Bruder bei der Arbeit empfindet. Das können wir gar nicht offenbaren. Das kann auch keiner, der nicht daran teilnimmt.“ Er vergleicht das mit den unterschiedlichen Empfindungen von Menschen, die beispielsweise einen Dom betreten.

Mit Arbeit – oder auch Tempelarbeit – meint er die Treffen im Logenhaus und die Zeremonien, die dort stattfinden. Die Mitglieder der Loge bezeichneten sich untereinander als Brüder, erklärt de Boer. Die Loge „Zur Hansa“ sei ein reiner Männerbund. Die Partnerinnen gehörten als „Schwestern“ genauso dazu, hätten aber eigene Gruppen, die Frauenlogen. „Da haben wir Männer dann keinen Zutritt“, so de Boer.

Zur Freimaurerei ist Friedrich Dodo de Boer durch eine Ausstellung im Focke-Museum gekommen. Dort wurden freimaurerische Literatur und Gegenstände ausgestellt, erinnert er sich. „Das fand ich interessant und mystisch.“

Die sogenannte Kugelung entscheidet

Nach einer Führung durch das Logenhaus an der Kurfürsten-Allee und ersten Gesprächen mit Mitgliedern stand für de Boer fest: „Ich wollte ganz gern dabei sein.“ Ein Jahr lang habe er als sogenannter Suchender, also als Gast, an Veranstaltungen teilgenommen. Nach dieser Zeit hätten die Mitglieder der Loge mithilfe der sogenannten Kugelung – einer speziellen Abstimmungsmethode – entschieden, dass sich de Boer als würdig erwiesen habe, der Loge beitreten zu dürfen. „Dabei werden weiße und schwarze Kugeln geworfen und je mehr weiße, desto besser“, erklärt de Boer. „Danach gibt es ein Aufnahmeritual.“

Wie alle Neulinge in der Loge begann er als Lehrling. „Nach einer gewissen Zeit als Lehrling wird man zum Freimaurer-Gesellen befördert. Und wieder eine gewisse Zeit später wird man zum Freimaurer-Meister erhoben“, beschreibt de Boer. Lehrling, Geselle und Meister seien die drei Grade, die in der „blauen Freimaurerei“, die in der Loge „Zur Hansa“ prak­tiziert werde, erreicht werden können.

Bei ihm dauerte es etwa drei Jahre, bis er zum Meister aufgestiegen war. „Das hängt immer auch von der Zustimmung der Mitglieder ab“, sagt de Boer. Um auf­zusteigen müsse man Arbeiten abliefern. „Es gibt so was wie ein Gesellenstück und ein Meisterstück“, erklärt er. Das seien in der Regel Reden, die man vor den Brüdern halte. Innerhalb der Loge wurde er schließlich zum „Meister vom Stuhl“ gewählt, dem Vorsitzenden der Freimaurerloge. Freimaurerlogen sind eingetragene Vereine, die einen gewählten Vorstand hätten, erklärt de Boer. Nach vier Jahren als Meister vom Stuhl und zuvor zwei Jahren als stellvertretender Meister habe er für sich gesagt: „Das reicht dann auch.“ Mit der Amtsübergabe an seinen Nachfolger wurde er zum Altstuhlmeister – ein Titel, den er bis heute trägt.

Die Freimaurerei ist ein Lebensstil.
Friedrich Dodo de Boer

„Die Freimaurerei ist kein Hobby wie eine Vereinszugehörigkeit im Sport. Das ist ein Lebensstil, den man kennenlernt und immer mehr zu seinem Lebensinhalt entwickelt“, sagt Friedrich Dodo de Boer. Der Freimaurer bezeichnet sich selbst als rohen Stein „mit Ecken und Kanten“, der am Ende in die Gemeinschaft der Logenmitglieder und der Gesellschaft als solche passen soll. „Wir gucken, wo haben wir Ecken und Kanten, die versuchen wir dann zu reduzieren. Man arbeitet ein Leben lang an seiner Veränderung.“ Dabei gehe es immer darum, sich selbst zu erkennen und sich selbst zu hinterfragen. „Das ist ein ewiger Prozess.“ Das wirke sich auf das Miteinander in der Gesellschaft aus. „Ich denke, ich habe mich da schon ein wenig verändert“, findet de Boer. Sich selbst beschreibt er als tolerant und weniger auf Selbstbehauptung aus.

Besonders den freimaurerischen Grundsatz der Brüderlichkeit und des brüderlichen Miteinanderumgehen hat er für sich verinnerlicht. „Das habe ich in meinem Berufsleben so nicht kennengelernt“, sagt de Boer. Als Grafikdesigner und Illustrator, der auch Titelseiten für den „Spiegel“ entworfen hat, und als Dozent an der Hochschule für Künste Bremen habe er sich einen Panzer aufgebaut, um nicht angreifbar oder verletzbar zu sein. „In der Loge ist das ganz anders. Alle Brüder, die sich dort treffen, können ganz offen miteinander reden“, erklärt de Boer. Die Türen blieben geschlossen, aus diesen Gesprächen dringe nichts nach draußen. „Dann können wir über das sprechen, was uns wirklich bewegt.“

Da stelle sich oft heraus, dass andere ähnliche Gedanken oder auch Probleme hätten. „Das ist ein sehr befreiender Vorgang“, sagt der Altmeister. „Das ist keine Therapie, aber man kann einfach mal loslassen.“ Für ihn habe sich der Panzer durch die Arbeit bei den Freimaurern reduziert. „Dadurch wird man aber nicht verletzbarer. Man wird stärker“, sagt Friedrich Dodo de Boer.

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