Sehnsucht nach Isfahan ist die sechste Stadtteiloper, die im Bremer Osten aufgeführt wird Das Wunder von Tenever

Osterholz. Es wirkt schon vertraut, das riesige Zelt auf Tenevers grünem Hügel, das heute Abend 300 Akteure im sandigen Bühnenrund und auf der Orchesterempore und 700 Gäste auf drei Rängen beherbergt, wenn „Sehnsucht nach Isfahan“ die sechste Stadtteiloper, zur Aufführung kommt.
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Von Edwin Platt

Es wirkt schon vertraut, das riesige Zelt auf Tenevers grünem Hügel, das heute Abend 300 Akteure im sandigen Bühnenrund und auf der Orchesterempore und 700 Gäste auf drei Rängen beherbergt, wenn „Sehnsucht nach Isfahan“ die sechste Stadtteiloper, zur Aufführung kommt.

Das Wunder von Tenever nannte Albert Schmitt, der Geschäftsführer der Kammerphilharmonie, die Stadteilopern. Und er ergänzte, dass es so etwas nirgends wo sonst gäbe. Und bei dieser Vielzahl an Teilnehmenden glaubt man ihm das schnell. Es ist unglaublich zu sehen, in welcher Qualität in Tenever die Gesamtschule Ost (GSO) und die Kammerphilharmonie und all die anderen Kreativen zusammenarbeiten. Wie sie die Aufführungen organisieren, wie Musik, Kostüm und Technik sich zusammenfügen. Die Schneiderinnen der endlos scheinenden Kostümreihen und die Damen vom Mütterzentrum Tenever, die an den Abenden der Aufführung für das Catering zuständig sind, nicht zu vergessen.

Der ganze Stadtteil ist wochenlang intensiv in jede, und in diesem Jahr nun schon in die sechste, Stadtteiloper eingebunden. Hunderte arbeiten in Tenever lange und aus gutem Willen, nicht für Geld, ihrer Stadtteiloper entgegen. Dabei ist egal woher sie kommen: Sie wohnen in Tenever, und diese Stadtteiloper ist auch ihre Stadtteiloper.

Herkunft und Zugehörigkeit, das sind in „Sehnsucht nach Isfahan“ gewichtige Themen im Lebensweg des Ibn Sina. In der Oper, dessen Story und Libretto von Adnan G. Köse geschrieben wurde, geht es um Bedrohung und Vertreibung, um Pflichten und Aufgaben des Medicus und Philosophen Ibn Sina, der sich auch der Mathematik, Physik und Astronomie widmete, und dessen „Kanon der Medizin“ heute als ein grundlegendes Werk früher Medizin gilt. Ibn Sina lebte in Persien um das Jahr 1000.

Fantastisch wie Ibn Sina, alias Benedikt Kristjánsson aus Island, sich nach seiner Flucht aus Buchara durch den Sand der Bühne arbeitet. Im Hintergrund tobt ein Wüstensturm, symbolisiert durch ein gewaltiges Tuch, das das gesamte Orchester versteckt, das wogt, bebt und schlägt. Gleich darauf, Ibn Sina liegt kraftlos im Wüstensand, kommt eine Karawane vorbei, und das gewaltige Windtuch wird durch Diener und Masten zum Beduinenreich eines alten Freundes, der von Sinas Vertreibung durch die Gelehrten Bucharas erfahren hat. Grund für Sinas Vertreibung war seine ungeheure Bildung. Schon als 16-Jähriger unterrichtete er Männer der Stadt. Und die Gelehrten fürchteten den Verlust ihrer Macht.

Ibn Sina gelangt mit den Beduinen nach Gurgan, wo er eben wegen seiner Bildung, die er in die Dienste Herrschender stellen muss, aufgenommen wird. Doch auch hier gibt es Neider, und Ibn Sina gelangt wieder flüchtig nach Hamadan und dann endlich nach Isfahan. In jeder Stätte seines Lebensweges widmet er sich der Bildung und der Ausbildung, der Lehre von Medizin und Ethik. Immer ist seine Bildung und sein Wissen der Grund seiner Vertreibung. Sei es, weil er den gestorbenen Herrscher nicht durch Medizin zu neuem Leben erwecken kann, sei es, dass den Herrschern ein ungebildetes Volk lieber ist.

Ob die Bremer Kammerphilharmonie oder die Schüler der GSO an ihren Instrumenten und mit ihrem Schauspiel, ob Mohammad Reza Mortazavi, der die syrischen Soli-Perkussionen zelebriert, oder Rabih Lahoud, der mit seiner klaren Stimme den arabischen Gesang einbringt, ob Tenor Kristjánson als Ibn Sina oder Bariton Mohsen Rashidkhan, ob Linda Joan Berg im Sopran oder Ali Murtaza mit seinem Schauspiel – sie alle sorgen für eine mitreißende Reise nach Isfahan. Die Stimmung am Lagerfeuer, die Fluchten durch Wüsten, martialisch gestikulierende Fürsten, liebende Frauen und Bauchtänzerinnen, wissbegierige Schüler des Ibn Sina – sie alle sind ein harmonisches Ganzes, und jeder überzeugt mit seinem Auftritt.

Das Publikum aus Tenever und ganz Bremen belohnt diese Leistungen mit viel Applaus, und so mancher mag die Geschichte des Ibn Sina vielleicht in seine Lebenswelt übertragen. Glücklicherweise ist es heute so, dass in einem Stadtteil wie Tenever Herkunft und Status keine Rolle spielen, wenn es darum geht, eine Stadtteiloper aufzuführen.

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