Datenauswertungen zur Pandemie

In Bremen sind besonders Jüngere von Corona betroffen

Die Gruppe der 15- bis 34-Jährigen verzeichnet in der Hansestadt absolut und relativ die meisten Infektionsfälle, auch gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil. Im Bundesdurchschnitt sieht das ganz anders aus.
20.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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In Bremen sind besonders Jüngere von Corona betroffen
Von Timo Thalmann

Corona ist in Bremen eine Krankheit der jüngeren Bevölkerung. Vor allem die Gruppe der 15- bis 34-Jährigen ist in der Hansestadt auffällig häufiger vertreten, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Auch im Vergleich zu den Infektionszahlen in ganz Deutschland zeigt Bremen hier einen Unterschied.

Das ergibt eine Auswertung der vom Robert-Koch Institut zur Verfügung gestellten Daten, in der die Infektionszahlen nach sechs Altersgruppen aufgeschlüsselt sind. Demnach entfallen mit Stand vom 13. Juni 37,6 Prozent aller Infektionsfälle im Land Bremen auf die genannte Gruppe der 15- bis 34-Jährigen. Sie stellen damit die größte Gruppe der von Corona Betroffenen. Ihr Anteil an der Bremer Bevölkerung ist dagegen mit gut 25 Prozent sehr viel niedriger. Im Vergleich zum Bund unterscheidet sich die Entwicklung in Bremen ebenfalls deutlich: Die Gruppe der 15- bis 34-Jährigen stellt bundesweit gut 23 Prozent der Bevölkerung. Ihr Anteil an den Corona-Infizierten von 25,5 Prozent entspricht dabei zugleich in etwa ihrem Bevölkerungsanteil.

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Genau umgekehrt zeigt sich die Infektionsrate bei den 60- bis 79-Jährigen im Land Bremen, wieder im Vergleich zu ihrem hiesigen Bevölkerungsanteil und zur Entwicklung im Bund: Die Statistik weist hier einen Anteil von 13,2 Prozent bei den Bremer Infektionen aus bei einem Bevölkerungsanteil von knapp 22 Prozent. Das Verhältnis bundesweit: Bei nahezu gleichem Bevölkerungsanteil entfallen mehr als 18 Prozent aller Infektionen auf diese Altersgruppe.

Noch auffälliger werden die Unterschiede zwischen Bremen und dem Bund bei der ältesten Bevölkerungsgruppe ab 80 Jahren aufwärts. Knapp sieben Prozent aller Bremer Infektionen entfallen auf diese Gruppe, bundesweit sind es elf Prozent. Beide Werte liegen über dem jeweiligen Bevölkerungsanteil, in Bremen nur leicht darüber, bundesweit allerdings sehr deutlich höher.

Vergleichsweise niedrige Sterberate

Zugleich dürften der geringere Anteil der Älteren die vergleichsweise niedrige Sterberate in Bremen erklären. Denn sowohl bundesweit wie auch in Bremen sind es vor allem ältere Menschen, zum Teil mit mehreren chronischen Vorerkrankungen, bei denen schwere Verläufe der Corona-Infektionen überdurchschnittlich häufig zum Tod führen.

Eine jüngst veröffentlichte Studie einer Forschungsgruppe der Universität Bremen unter Leitung von Karin Wolf-Ostermann vom Institut für Public Health und Heinz Rothgang vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik hat in diesem Zusammenhang die besondere Rolle von Pflegeeinrichtungen untersucht und dazu eine bundesweite Online-Befragung von 824 Pflegeheimen, 701 Pflegediensten und 96 teilstationären Einrichtungen durchgeführt. Das Ergebnis: 60 Prozent aller an Covid-19 Verstorbenen sind von Pflegeheimen oder Pflegediensten betreute Menschen. Deren Anteil an allen infizierten Personen beträgt aber laut Berechnung der Forschungsgruppe nur 8,5 Prozent. Und insgesamt leben demnach in Deutschland gerade mal ein Prozent der Bevölkerung in einer Wohnform, in der über die Hälfte aller Covid-19-Todesfälle auftreten. Die Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen ist somit mehr als 50 Mal so hoch wie im Rest der Bevölkerung.

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Betrachtet man die Infektionen nach Altersgruppen in ihrem zeitlichen Verlauf (Grafik unten), wird sichtbar, dass sich die jeweilige Betroffenheit im Laufe der Zeit verändert hat. Die Auswertung der Neuinfektionen der jeweils zurückliegenden sieben Tage zeigt, dass Corona in Bremen seinen Anfang in der mittleren Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen nahm. Bei anfangs noch sehr niedrigen absoluten Zahlen schwankt der Anteil dieser Gruppe bis Ende März immer zwischen 40 und 60 Prozent. Erst Anfang April ist der Anteil der jüngeren Gruppe der 15- bis 34-Jährigen erstmals höher. Zugleich spiegelt der steigende Anteil der Gruppe der über 80-Jährigen in der ersten Aprilhälfte die Corona-Ausbrüche in den Senioreneinrichtungen wider.

Einen gut sichtbaren Einschnitt zeigen die Zahlen ab Mitte April. Die Infektionen in der zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge wirken sich nachhaltig auf die Statistik aus. Erstmals werden die jüngsten Gruppen bis 14 Jahre auffällig sichtbar – und sie bleiben es bis heute. Der Anteil der 35- bis 59-Jährigen sinkt auf unter 30 Prozent und auch das wirkt bis jetzt nach: Mehr als 40 Prozent ist er seitdem nur an vier Tagen am Ende Mai gestiegen.

Prozentualen Anteile der ersten und letzten Tagen mit Vorsicht zu genießen

Erst in jüngster Zeit ist der Anteil wieder auffällig gesunken, zu Lasten der Älteren. Allerdings sind die prozentualen Anteile in den ersten und letzten Tagen des Zeitstrahls insgesamt mit Vorsicht zu genießen, da ihnen jeweils geringe, zum Teil nur einstellige absolute Fallzahlen zu Grunde liegen. Jeder einzelne Infektionsfall wirkt sich dann auf die relativen Anteile sehr viel stärker aus, als in der Zeit von Mitte März bis Ende April mit den jeweils höchsten absoluten Zahlen bei den Infektionsfällen.

„Überhaupt zeigen die Zahlen ja stets nur die festgestellten Infektionen. Ob sich das Virus tatsächlich so in den Altersgruppen verteilt, wie es diese Auswertung nahelegt, können wir nicht sagen“, kommentiert Lukas Fuhrmann, als Sprecher des Gesundheitsressorts die Grafik. Den über die Gesamtzeit festgestellten hohen Anteil der 15- bis 34-Jährigen bei den Infektionen findet er hingegen schlüssig. „Diese Altersgruppe ist mutmaßlich ausgeh- und kontaktfreudiger als die Bevölkerung jenseits des 60. Geburtstages.“ Den gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil relativen Überhang bei den Infektionszahlen erklärt Fuhrmann mit der im Vergleich zum Bund viel niedrigeren Bremer Infektionsrate bei den über 80-Jährigen. „Offenbar ist es uns in Bremen gut gelungen, diese besonders gefährdete Gruppe zu schützen.“ Im Verhältnis steige dann zwangsläufig die Infektionsrate in anderen Altersgruppen.

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