Gemeinsame Ziele verbinden

Eine wahre Liebesgeschichte

Im Deutschkurs hat es zwischen ihnen gefunkt - nun steckt das Ehepaar Miralipoor sein ganzes Herz in ein Bistro im Steintor
24.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Karin Glinder
Eine wahre Liebesgeschichte

Laima und Mojtaba Miralipoor kochen und backen gerne und haben im März das Davvero im Steintor übernommen.

Roland Scheitz

Erfahrung mit Widerständen konnte Mojtaba Miralipoor, genannt „Kuscha“, in seinem Leben schon oft sammeln. So erzählt er, wie er es schaffte, in seinem Geburtsland, dem Iran, eigenständig eine Kranverleih- und Maschinenbaufirma aufzubauen, obwohl ihm das erhoffte Studium des Maschinenbaus wegen seiner von der in dem islamischen Staat abweichenden Glaubensrichtung verwehrt wurde. Deshalb fand er es auch nicht so schlimm, als Mitte März plötzlich der Lockdown wegen der Corona-Pandemie einsetzte und seine Frau und er das Café und Bistro Davvero in der Straße Vor dem Steintor, das sie gerade erst am 1. März übernommen hatten, auf unbestimmte Zeit schließen mussten. „Ich habe das positiv gesehen, denn so hatte ich erst einmal genug Zeit für eine gründliche Sanierung des Lokals“, lacht der 41-Jährige.

Mit der Unterstützung eines Helfers legte er über mehrere Wochen Hand an, riss Laminat heraus, baute Wandverkleidungen ein, strich Wände, verklebte Fliesen und erneuerte Küche und Toiletten. „Fast drei Monate dauerte die Kernsanierung, bis wir Ende Mai wieder neu eröffnen konnten.“ Den Namen des Bistros, das eine Vielfalt von Gerichten und Getränken anbietet, haben Miralipoor und seine Frau vom Vorbesitzer übernommen. Davvero gefiel ihnen beiden, denn der italienische Name bedeutet ungefähr so viel wie „das Echte“, und die Besitzer legen Wert auf gute, „echte“ Bestandteile ihrer Angebote.

Miralipoor ist 2013 aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Trotz seiner erfolgreichen Firma zog es ihn wegen zunehmender Probleme aufgrund seines Glaubens nach Deutschland, um hier frei leben zu können. Mit verschiedenen Jobs verdiente er sich hier selbst seinen Lebensunterhalt und lernte in seiner Freizeit selbstorganisiert fleißig Deutsch, bis er in etwa das sogenannte B1-Niveau erreicht hatte. Das nach dem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen die erste Niveaustufe ist, auf der beispielsweise Integrationskursteilnehmer eine Prüfung ablegen müssen. In der Absicht, hier in der neuen Heimat, für die er allerdings damals erst nur eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis besaß, über eine berufliche Integration Fuß fassen zu können, bewarb sich Miralipoor um die Aufnahme in einen Sprachkurs, der ihm die Prüfung auf dem nächsthöheren Sprachniveau ermöglichen würde. Eine erfolgreich bestandene Prüfung ist Voraussetzung dafür, dass man auf dem regulären Arbeitsmarkt eine qualitativ gute Beschäftigung finden oder sogar eine Ausbildung machen kann. Nachdem der Kurs mit der Bezeichnung „Berufsbezogene Deutschförderung“ eigentlich schon ausgebucht war, bot sich Miralipoor dann doch 2015 ganz plötzlich die Möglichkeit teilzunehmen, da ein Bewerber abgesprungen war.

Während der Unterricht an der Volkshochschule schon angefangen hatte, betrat Miralipoor als „Neuer“ den Kursraum und blickte sich suchend nach einem freien Platz um. Eine junge Frau sprang als Einzige sofort hilfsbereit auf und bot ihm den freien Platz neben ihr an. Wenn Partnerarbeiten im Kurs zu erledigen waren, arbeiteten Miralipoor und seine Nachbarin nun zusammen. Die junge Frau stammte aus Litauen und hieß Laima Vadapalaite. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut und hatten ein gemeinsames Ziel: Die Deutschprüfung zu bestehen, um sich hier integrieren zu können. Die heute 33-jährige Vadapalaite hatte allerdings einen ganz anderen beruflichen Hintergrund. Während er der praktische Techniker war, hatte sie Sozialpädagogik studiert und wollte gern mit Menschen arbeiten. Wie man so sagt – Gegensätze ziehen sich an, und irgendwann wurde aus Freundschaft mehr.

Nach gemeinsam bestandener Deutschprüfung zogen die beiden zusammen. Im Juli 2016 wurde Tochter Ariana geboren und in der Zwei-Zimmer-Wohnung wurde es nun zu eng. Miralipoor wurde von seiner Kirchengemeinde der vakante Posten eines Hausmeisters angeboten mitsamt einer dazugehörigen geräumigen Wohnung. Er nahm das Angebot an. Das Paar heiratete Anfang dieses Jahres und Miralipoor übernahm zusätzliche Jobs, um die Familie versorgen zu können.

Obwohl er während des Deutschkurses auch die Prüfungen für einen Lkw- und einen Kranführerschein bestanden hatte, kam er nun zusammen mit seiner Frau auf die Idee, sich in der Gastronomie selbstständig zu machen. Beide kochen und backen gern. Auf der Suche nach einem geeigneten Lokal fanden sie das Davvero, dessen Lage an der urbanen Geschäftsstraße sie überzeugte.

Unter ihren Gästen sind auch viele Stammgäste. „Hier herrscht eine familiäre Atmosphäre!“, freut sich das Paar über ihr Publikum, das es als durchweg angenehm beschreibt. Der Kuchen sei selbst gebacken und werde zu Hause gemacht. Im Bistro werden meist mediterrane Gerichte gekocht. „Ich biete auch speziell iranische Gerichte an, zum Beispiel Safranreis“, sagt Miralipoor. Einmal pro Woche kommen auch Mitglieder seiner Kirchengemeinde ins Lokal. Oft bringen sie Geflüchtete mit, die sie unterstützen.

Mojtaba Miralipoor aus dem Iran in Asien und Laima Miralipoor (33) aus Litauen in Nordeuropa haben hier in Bremen eine Familie gegründet und nicht nur Freunde, sondern auch eine gemeinsame, erfüllende berufliche Aufgabe gefunden – davvero.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+