Anni Augustin verabschiedet sich heute up Platt beim Tag der offenen Tür im Heimathaus Lesum von öffentlichen Lesungen „De Lüt up Mul kieken und watt umto häkeln“

Burglesum. "Vergät nie, wo jii herkamt doot" – das hat der Vater von Anni Augustin immer gesagt und darauf bestanden, dass zu Hause Platt gesprochen wurde. Frei übersetzt bedeutet das, man soll nie vergessen, woher man kommt, sich seiner Wurzeln besinnen. Das hat die heute 89-Jährige nie vergessen und Jahrzehnte lang dafür gesorgt, dass die plattdeutsche Sprache im öffentlichen Leben nicht verloren geht, indem sie ein großes Publikum mit plattdeutschen Geschichten, Gedichten und Döntjes unterhielt. Heute Nachmittag verabschiedet sie sich im Heimathaus Lesum von der öffentlichen Bühne.
08.06.2013, 05:00
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Von Sylvia Wörmke

Burglesum. "Vergät nie, wo jii herkamt doot" – das hat der Vater von Anni Augustin immer gesagt und darauf bestanden, dass zu Hause Platt gesprochen wurde. Frei übersetzt bedeutet das, man soll nie vergessen, woher man kommt, sich seiner Wurzeln besinnen. Das hat die heute 89-Jährige nie vergessen und Jahrzehnte lang dafür gesorgt, dass die plattdeutsche Sprache im öffentlichen Leben nicht verloren geht, indem sie ein großes Publikum mit plattdeutschen Geschichten, Gedichten und Döntjes unterhielt. Heute Nachmittag verabschiedet sie sich im Heimathaus Lesum von der öffentlichen Bühne.

Über 30 Jahre lang erzählte die gebürtige Verdenerin, die seit 1965 in Marßel lebt, für den Heimat- und Verschönerungsverein bei den plattdeutschen Nachmittagen von heimatkundliche Begebenheiten. "Es musste immer etwas Kulturelles dabei sein", schildert sie ihre Aufgabe. In die rutschte sie gewissermaßen zufällig hinein. Sie besuchte eine plattdeutsche Lesung im Heimathaus, ihr Vorgänger – "Herr Schröder aus Grohn" – war aber so stark erkältet, dass er im Publikum nachfragte, ob jemand weiterlesen könnte. Das tat Anni Augustin und er meinte lapidar: "Ich habe eine Nachfolgerin gefunden."

Sie las Bücher über die Geschichte Lesums, übersetzte die Inhalte ins Plattdeutsche und erzählte dann von früher. Dabei beherzigte sie für "Döntjes" immer den Rat von Gerd Lüpke, alias Käpten Möhlenbeck. Der sagte mal zu ihr: "Du musst de Lüt up Mul kieken und denn dor watt umto häkeln." Also gab sie immer etwas ordentlich dazu. "Bei den Döntjes ist immer etwas Wahres dabei", erzählt sie. Früher habe vor jedem Haus eine Bank gestanden. Nachbarn kamen vorbei und man erzählte sich das Neueste. "So sind die Döntjes entstanden".

Anni Augustin war nicht nur für den Heimatverein Lesum aktiv, sie engagierte sich bei den Pottkiekern in Beckedorf, bei den inzwischen aufgelösten Plattsnackers in Vegesack und war oft bei Auftritten der Utkieker dabei. "Ich erzählte zwischendurch bei den Auftritten auf Plattdeutsch." Ob bei den Feiern des Schulschiffchores, im Haus der Seefahrt, im Rathaus – Anni Augustin und ihre plattdeutschen Erzählungen und Döntjes brachten immer ein volles Haus. Ihr wiederum hat es viel Spaß gemacht. "Wenn die Leute zufrieden waren, war das für mich der schönste Lohn."

Sie bedauert, dass die plattdeutsche Sprache immer mehr verloren geht. "Sie muss erhalten werden," sagt sie, "aber das hängt wohl mit meiner Generation zusammen" begründet sie den Wunsch. Sie selber sei sehr Heimat verbunden. "Das Plattdeutsche kommt vom Herzen", sagt sie.

Ihren Schritt, heute zum letzten Mal öffentlich zu lesen, begründet sie: "Ich bin nicht mehr die Jüngste" und "Irgendwann muss Schluss sein". Sie bedauert aber, dass sie niemanden gefunden hat, der ihre Aufgabe übernimmt. "Ich werde mich weiter umhören", verspricht sie und will auch darüber nachdenken, ob sie ihre Geschichten aufschreibt. Bisher habe sie immer gesagt: "So lange ich die erzähle, wird nichts aufgeschrieben."

Anni Augustin (up Platt) und Rudolf Matzner (Hochdeutsch) erzählen und lesen heute ab 16.30 Uhr beim Tag der offenen Tür des Heimatvereins Geschichten im Heimathaus, Alter Schulhof 11.

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