Die Lachsfische ziehen wieder die Weser hoch: Ein Fest für Feinschmecker und ein Zeichen für sauberes Wasser De Stintfischer un sin Fru

Bremen-Nord·Wesermarsch. Ein idealer Morgen zum Stintfischen: Lufttemperatur um Null Grad, Wassertemperatur nur wenige Grad höher, ablaufend Wasser eine Stunde vor Tiefstand, drei Windstärken aus Ost-Nordost, die Tage vorher hat die Sonne geschienen. "Heute geht was", sagt der (Hobby)Fischer Claus Dehn zu seiner Frau Sylvia, die das kleine Ruderboot mit Außenborder klarmacht. Mitte der Woche war lau, am vergangenen Mittwoch hat er auf einen Schlag zweieinhalb Zentner Stinte aus der Weser geholt - 125 Kilo.
19.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von robert Goldberg

Bremen-Nord·Wesermarsch. Ein idealer Morgen zum Stintfischen: Lufttemperatur um Null Grad, Wassertemperatur nur wenige Grad höher, ablaufend Wasser eine Stunde vor Tiefstand, drei Windstärken aus Ost-Nordost, die Tage vorher hat die Sonne geschienen. "Heute geht was", sagt der (Hobby)Fischer Claus Dehn zu seiner Frau Sylvia, die das kleine Ruderboot mit Außenborder klarmacht. Mitte der Woche war lau, am vergangenen Mittwoch hat er auf einen Schlag zweieinhalb Zentner Stinte aus der Weser geholt - 125 Kilo.

Der Stint spaltet. Gourmets loben sein gurkenähnliches Aroma, Ernährungsexperten heben die gesundheitsfördernden Omega-2-Säuren hervor, in der Wesermarsch hat sich gar ein Stintklub gebildet. Vor allem für ältere Leute, die den Lachsfisch noch aus der Zeit kennen, als er in Weser und Elbe waschkörbeweise gefangen wurde, ist er noch ein Arme-Leute-Fisch mit Würmern.

Zu Tausenden zieht er täglich die Weser hoch, der Meeresfisch aus der Nordsee laicht von Ende Januar bis Ende März in den großen Flüssen. Dass er wieder da ist, der Stint, ist ein gutes Zeichen: Er ist wie das Neunauge, das jetzt auch wieder in der Weser anzutreffen ist, ein Indikator für gute Wasserqualität. Doch Claus Dehn befürchtet, dass es mit der Weservertiefung vorbei ist mit dem Stintsegen: "Die Fließgeschwindigkeit wird zu hoch sein, der Lärm der Bagger vertreibt sie." Das sieht Cousin Ulrich Willig, der mit der "Margrit" vor Bremerhaven liegt und einer der beiden letzten Berufsfischer in der Weser ist, genau so.

Früher Arme-Leute-Fisch

Zum Laichen sammeln sich die Stinte und wandern in die Unterläufe der großen Ströme ein, um über sandigen Stellen abzulaichen. Dies geschieht Ende Februar bis März, wenn das Wasser über neun Grad Celsius warm ist. Die Eizahl pro Weibchen kann bis zu 40000 betragen. Nach dem Ablaichen kommt es oftmals zum Massensterben. Fischer Dehn weiß aber aus Erfahrung, dass die ablaichenden Fische, auch Milchner genannt, wieder zurück in die Nordsee ziehen, das nächste Jahr wiederkommen.

In früheren Zeiten konnte der Stint in den Flüssen in großen Mengen gefangen werden, statt Netze wurden dazu Waschkörbe verwendet. Claus Dehn, dessen Vater in Rönnebeck einer der letzten Berufsfischer war, weiß, wo die sandigen Stellen sind, bei Motzen in Höhe der Deters-Werft. Er verwendet keine Waschkörbe sondern hat eine Langleine mit 15 für den Stintfang umgebauten Aalreusen ausgeworfen.

Und ist jetzt leicht nervös, obwohl die Bedingungen so gut sind. "Lass den Motor nicht so hoch laufen, erst muss das Kühlwasser raus", ermahnt er seine Frau freundlich, die schon jahrelang mitfischt. Sie ist auch schon allein rausgefahren, als Claus Dehn noch mit Schleppern der Unterweser-Reederei oder mit Versorgungsschiffen zu den Ölbohrinseln in der Nordsee unterwegs war. Sein Leben lang war der gebürtige Oldenburger als Seemann auf hoher See oder auf der Weser. "Ich glaube, wir fangen heute gut", sagt Claus Dehn wiederholt und zieht seine Pudelmütze ein paar Mal zurecht.

Nur wenige hundert Meter sind es vom Anleger der "Mucky", der zwölf Meter langen, umgebauten Hamburger Hafenbarkasse, die sein Vater zum Fischen in Rönnebeck hatte, zu den gelben Bojen mit der Nummer von Dehns Fischereierlaubnis. Den Bundesfischereischein hat er und den Grohner Erbfischerschein für das Fischen auf der rechten, bremischen Weserseite. Heute sind wir linksseitig im alten Oldenburgischen. Rechts sind die Aale über steinigem Grund, linksseitig die Stinte über sandigem Grund - wenn sie da sind.

Die Boje darf nicht in der Fahrrinne liegen, mit vereinten Mannes- und Frauenkräften ziehen sie den Kahn mit der Leine an die Fangstelle. Welche Kräfte der Fischer und seine Frau haben! Nun ziehen sie auch noch gegen den Strom.

Und da kommt die erste Reuse. Claus, der mittschiffs steht, sieht die Silberlinge als Erster. Sein windgegerbtes Gesicht leuchtet auf. "Der erste Korb ist doch immer gut, Claus, der erste und der letzte." - "Zieh, Sylvia, das fühlt sich gut an." Fischerglück, Stintfieber - die Kälte und der "fiese Wind" im offenen Boot stören jetzt keinen mehr. "Ich bin immer glücklich, wenn ich fische, egal, was ich fange. Was vorbeischwimmt, schwimmt vorbei, das ist für die anderen", siniert Claus Dehn.

Jahrelange Erfahrung, das Schnuppern im Wind und der Blick auf die Weser sagte ihnen: Heute ist ein guter Fang. Geschätzte 30 bis 35 Kilo kommen in den zwei Eimern zusammen. Silbrig glänzen die Flanken, graugrün und rosa schimmern die handlangen Fische. "Riechen Sie mal, früher nannte man sie Gurkenfische", sagt Claus Dehn und hält dem Fotografen den Eimer unter die Nase. Der verzieht nicht einmal das Gesicht, möchte - zum ersten Mal in seinem Leben - eine kleine Portion probieren.

In den Restaurants wird der Stint als Spezialität serviert, ab 12,50 Euro ist der Teller mit Salzkartoffeln und Salat zu bekommen. Claus und Sylvia Dehn haben ihre eigenen Rezepte: "In der Pfanne goldbraun gebraten, nur Salz, kein Pfeffer, traditionell mit Roggenmehl, besser Roggenschrot. Oder süßsauer eingelegt mit Zwiebeln, Wacholderbeeren, Lorbeer und Senfkörnern - mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich das nur erzähle", so der Fischer und sin Fru - und freuen sich wie ein Stint.

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