Von Gräfinnen und Hauptmännern

Deichamtswahlen links und rechts der Weser in Bremen

Deich- und Hochwasserschutz sind Daueraufgaben. Tide und Sturmfluten erreichen auch Bremen. Zwei Deichverbände helfen, die Stadt zu sichern. Demnächst stehen ihre Delegierten zur Wahl.
25.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Deichamtswahlen links und rechts der Weser in Bremen
Von Justus Randt
Deichamtswahlen links und rechts der Weser in Bremen

Schafe im Einsatz für den Deichschutz in Seehausen.

Christina Kuhaupt

Alle fünf Jahre wird das Deichamt der Bremischen Deichverbände gewählt – rechts wie links der Weser. Ende April stellen Wahlausschüsse die Kandidatinnen und Kandidaten fest. Rund 120.000 Stimmberechtigte sind ab Anfang Mai zur Briefwahl aufgerufen.

Was machen die Deichverbände?

Die Deichverbände am rechten und am linken Weserufer haben die Aufgabe, den Hochwasser- und Sturmflutschutz, die Be- und Entwässerung sowie den Natur- und Umweltschutz zu gewährleisten. „Deich- und Wasserwirtschaft ist für Bremen das Thema der Daseinsvorsorge“, sagt Michael Dierks, Verbandsgeschäftsführer am linken Weserufer. „68 Prozent der Flächen liegen unterhalb des mittleren Tidehochwassers.“ Oberstes Beschlussorgan des jeweiligen Verbandes ist das Deichamt, das am 4. Juni gewählt wird. Anfang Mai werden die Wahlunterlagen versandt. Die Deichamtswahl ist seit Jahrzehnten eine reine Briefwahl.

Welche Aufgaben haben die Delegierten?

„Sie fassen Grundsatzbeschlüsse zur Ausrichtung der verbandlichen Struktur und der Wirtschaftsplanung“, sagt Michael Dierks, der links der Weser zugleich Wahlleiter ist. Aber es geht nicht nur darum, dass grundsätzlich über das Handeln des Deichverbandes zu entscheiden ist, sondern auch darum, wer Verantwortung trägt. Wilfried Döscher, Geschäftsführer am rechten Weserufer, unterstreicht, dass das Deichamt „ein Spiegelbild der Mitglieder des Deichverbandes“ sei. Vom Rechtsanwalt über den Landwirt und den Bootsbauer bis zum Pastor. „Das ist ein glücklicher Umstand“, findet Döscher, „das ist eine Garantie für ausgewogene Entscheidungen.“ Schließlich sind alle Ortsteile vertreten.

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Wer wird gewählt, wer kann sich bewerben und wer kann wählen?

Wählbar sind alle Mitglieder des jeweiligen Verbandes, also alle Grundstücks- und Immobilienbesitzerinnen und -besitzer, einschließlich der Erbbauberechtigten. Jeder Kandidat und jede Kandidatin braucht fünf Fürsprecher, die ebenfalls wahlberechtigt sein müssen. Außerdem müsse ein Ersatzbewerber genannt werden, erklärt Michael Dierks. Unabhängig vom Umfang seines Eigentums und der Anzahl seiner Grundstücke hat jeder nur eine Stimme. Rechts der Weser werden 31 Mitglieder gewählt, jeweils eines pro Wahlbezirk zwischen Mahndorf und Werderland. 88.000 Wahlberechtigte leben dort. Links der Weser sind es 32.000 in 20 Wahlbezirken von der Alten Neustadt bis Strom.

Deichamt, Vorstand, Deichhauptmann oder -hauptfrau – wird alles zugleich gewählt?

Rechts der Weser werden kurz nach der Deichamtswahl auch der fünf Mitglieder große Vorstand und dessen Vorsteher gewählt. Der muss natürlich nicht männlich sein, auch wenn sich Deichhauptmann Michael Schirmer (77), der seit 2004 amtiert, erneut bewerben will. Wie die weibliche Amtsbezeichnung lauten würde? Wilfried Döscher wäre für den Titel Deichgräfin, wie er Schirmers Stellvertreterin Christiane Rieve schon jetzt nennt: „Deichhauptmännin“, das ginge ja gar nicht. Links des Stroms ist der Verband in Männerhand, da habe sich diese Frage noch nicht gestellt, wie Dierks sagt. Dort wird erst einmal – und gleichzeitig mit dem Nachbarn von gegenüber – nur das Deichamt gewählt. Den Vorstand bestimmen die Delegierten dann ein Jahr später. Dann will sich auch Deichhauptmann Oltmann Lampe (68) zur Wiederwahl stellen.

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Wann steht fest, wer kandidiert? Gibt es in jedem Wahlbezirk Kandidaten?

Ende April ermitteln die jeweiligen Wahlausschüsse, ob alle Bewerbungen rechtens und gültig sind. Erst dann stehen die Kandidaten und Kandidatinnen fest. Zuvor hatte sich abgezeichnet, dass links der Weser wohl ausschließlich Einzelbewerberinnen und -bewerber antreten. Rechts werden, wie schon bei früheren Wahlen, Listen und einige wenige Einzelpersonen zur Wahl stehen. Anfang Mai ist der Wahlkampf eröffnet. In Ortsteilen, in denen es möglicherweise nur einen Kandidaten gibt, werden keine Wahlunterlagen versandt: Wer kandidiert hat, der amtiert. „Friedenswahl“ nennen das die Verbände.

Wie hoch war die Wahlbeteiligung vor fünf Jahren?

„Mehr als 30 Prozent“ am rechten Flussufer, sagt Wilfried Döscher. Das zeige, „dass die Verbandsarbeit sehr wohl Bestandteil der öffentlichen Wahrnehmung ist, dass Klimaschutz und Wasserstandsmanagement in den Blick genommen werden“. Links der Weser gingen 28 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl.

Wie wäre es, nur einen Deichverband zu haben?

Die Deichverbände rechts und links des Flusses sind autarke Wasser- und Bodenverbände. Die beiden zu einem zu verschmelzen, „das steht nicht zur Debatte, die Weser ist eine eherne Linie“, stellt Wilfried Döscher klar. Und Michael Dierks sagt: „Einziger Rationalisierungsaspekt könnte der Wegfall eines Leitungspostens sein. Maximal. Aber auch, wenn wir unter einem Dach säßen, bräuchten wir die dezentrale Struktur. Die Weser trennt uns.“

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Warum ist es wichtig, sich an der Wahl zu beteiligen?

Für Wilfried Döscher versteht sich das fast von selbst in Bremen, „einem Stadtgebiet, das zu 90 Prozent überflutungsgefährdet ist“. Michael Dierks lobt „das quasi genossenschaftliche Prinzip“ der Verbände: „Wir sind Selbstverwaltungsgremien, jeder Einzelne kann mitbestimmen über Hochwasserschutz und die Binnenentwässerung.“ Dass beim Thema Deichsicherheit mitunter die Wogen hochschlagen, zeigt das Beispiel der mehr als 150 Platanen, die links der Weser dem Deichschutz weichen sollen – oder, wie berichtet, möglicherweise doch stehen bleiben können, wie ein Gegengutachten nahelegt. Aber: „Das Thema Platanen ist Sache der Stabsstelle“, sagt Dierks. Und die ist bei der Behörde.

Info

Zur Sache

Das sind die Voraussetzungen

Seit 2007 ziehen Bremen und Niedersachsen beim Hochwasserschutz an einem Strang, der gemeinsame Generalplan Küstenschutz gilt als richtungweisender Schritt in Zeiten des Klimawandels. Die Linie des Generalplans lautete, die Deiche um einen halben Meter zu erhöhen mit der Option, sie jederzeit um weitere 75 Zentimeter aufstocken zu können. Mittlerweile ist eine Erhöhung um einen Meter angepeilt und eine Reserve von einem weiteren Meter – zusammen zwei statt 1,25 Meter - bis zum Jahr 2100.

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