Steigende Kosten und Besucherrückgang

Dem Focke-Museum geht das Geld aus

Bremen. Dem Bremer Focke-Museum droht eine existenzielle Krise. Der Vorstand spricht angesichts der Finanzlage bereits von einer 'hoch dramatischen Situation'. Hintergrund ist ein Wirtschaftsplan, der jetzt an die Mitglieder des Stiftungsrats verteilt worden ist.
30.06.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Dem Focke-Museum geht das Geld aus

Museumsdirektorin Frauke von der Haar plant nach der Sanierung wieder Sonderausstellungen, um die Besucherzahlen zu stei

Frank Thomas Koch

Bremen. Dem Bremer Focke-Museum droht eine existenzielle Krise. Der Vorstand spricht angesichts der Finanzlage bereits von einer 'hoch dramatischen Situation'. Hintergrund ist ein Wirtschaftsplan, der jetzt an die Mitglieder des Stiftungsrats verteilt worden ist. Demnach gehen dem Landesmuseum spätestens ab 2012 die flüssigen Mittel aus. Direkt nach der Sommerpause soll eine Not-Klausurtagung gemeinsam mit der Kulturbehörde nach Lösungswegen suchen.

Das Problem: Das Focke-Museum in Schwachhausen bekommt jährlich einen festen Zuschuss plus Extramittel aus speziellen Haushaltstöpfen - im Schnitt zwischen 2,4 und 2,5 Millionen Euro öffentliche Gelder. Allerdings reicht das nur bis 2011. Dann sorgen steigende Kosten beim Personal und bei der Energie dafür, dass das Museum mit seinem Geld nicht mehr hinkommt. Ganz klar heißt es seitens der Kulturbehörde: Irgendeine Form von fehlerhaftem Wirtschaften habe es in diesem Fall nicht gegeben.

Parallel zu den steigenden Kosten sind allerdings die Besucherzahlen deutlich rückläufig. 2006 war mit der Ausstellung über das verschüttete 'Herculaneum' am Fuße des Vesuv ein Spitzenjahr für das Focke-Museum. Verglichen damit droht das Landesmuseum aktuell in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. 145000 Besucher kamen damals, in diesem Jahr sind 70.000 zahlende Gäste kalkuliert, in den kommenden Jahren sinkt die Erwartung wegen der anstehenden Sanierung bis auf 30000. Das Haus wird in den kommenden beiden Jahren wegen der Modernisierungsarbeiten teilweise geschlossen. Selbst für die Zeit danach kalkuliert der Vorstand aber nur sehr vorsichtig mit 40.000 bis 50.000 Besuchern pro Jahr.

Fachleute warnen vor den Folgen der rasanten Talfahrt. Die Situation wird als 'total kritisch' eingeschätzt. In wenigen Jahren könnte das Focke-Museum von der Schließung bedroht sein, heißt es weiter. Als besonderes Problem wird dabei gesehen, dass offenbar keine öffentlichen Mittel zur Verfügung stehen, um Sonderausstellungen wie 'Herculaneum' oder 'Luxus und Dekadenz' nach Bremen an die Schwachhauser Heerstraße zu holen. Politische Beobachter glauben nicht daran, dass es in Zukunft noch gelingen kann, für diese Ausstellungen ausreichend Sponsoren zu finden und die Vorhaben unabhängig von der Staatskasse zu verwirklichen. Forderung an das Ressort von Kultursenator Jens Böhrnsen (SPD) deshalb: Das Landesmuseum müsse einen zusätzlichen Betrag für Sonderausstellungen erhalten, um die eigene Attraktivität langfristig zu sichern. In diesem Punkt winkt Heiner Stahn, Sprecher der Kulturbehörde, aber ab. Eine Anhebung des Zuschusses für das Focke-Museum hält er für nicht vermittelbar. 'Bis Ende 2011 haben wir kein Problem.' Die Klausur nach der Sommerpause sei verabredet, damit es eben nicht zu einer Notlage komme.

Laut Heiner Stahn sollen während der Krisentagung drei Themenfelder behandelt werden. Zum einen soll die Museumsleitung aufzeigen, welchen Mittelbedarf ihrer Ansicht nach das Haus in den kommenden Jahren hat. Zweitens geht es um die Frage, wie sich das Museum weiterentwickeln soll, welche Visionen die Museumsleitung entwickelt. Und drittens sollen Strategien gefunden werden, doch mehr private Mittel einzuwerben. Stahn über den Prozess: 'Wir sehen das entspannt. Wir sind früh genug dran, um eine Fehlentwicklung zu verhindern.' Er warnt deshalb vor zu großer Panikmache.

Auch Museumsdirektorin Frauke von der Haar und der kaufmännische Geschäftsführer Norbert Kölle betonen, dass das Problem erkannt sei und mit der Klausurtagung ein Arbeitsprozess beginne, um in letzter Konsequenz eine Schließung zu vermeiden. 'Wir sind da nicht aufgeregt. Aber wir müssen in einen sehr ernsthaften Dialog mit der Kulturbehörde eintreten.' Ein Szenario, das dabei offenbar auf den Tisch kommen soll: Knappe Personalmittel könnten dazu führen, dass das Focke-Museum seine Öffnungszeiten reduzieren muss, um so ein wenig zu sparen. Generell betonen von der Haar und Kölle, dass das Museum schon in den vergangenen Jahren sehr bewusst gewirtschaftet habe.

Von der Haar hat die erklärte Absicht, ab 2013 nach der Sanierung wieder Sonderausstellungen wie 'Manieren' zu organisieren. Die Benimm-Ausstellung ist in den vergangenen Monaten von 30.000 Interessierten besucht worden. Die Direktorin will an den alten Takt anknüpfen und alle zwei Jahre überregionale Themen präsentieren. Damit sollen dann auch wieder höhere Besucherzahlen erreicht werden. Das eine aber sei der Wunsch, das andere die zurückhaltende Kalkulation für den Wirtschaftsplan. Schon so stünden die Pläne für die folgenden Jahre 'auf wackeligen Füßen'.

Es ist nicht allein der Besucherrückgang, der den Verantwortlichen Sorgen bereitet. Damit verbunden ist zum Beispiel, dass sich die Subventionen der öffentlichen Hand pro Besucher zwangsläufig entgegengesetzt entwickeln: In diesem Jahr liegt der Zuschuss bei 36 Euro. Wenn nach dem Umbau nur noch 50.000 Gäste pro Jahr kommen sollten, läge die Subvention pro Eintrittskarte bei mehr als als 42 Euro.

Die Bremer CDU fordert nun von Kultursenator Jens Böhrnsen ein klares Bekenntnis zum Fortbestand des Focke-Museums.  „Das Focke-Museum ist ein Leuchtturm in der kulturellen Landschaft Bremens und muss in seiner Eigenständigkeit erhalten bleiben“, sagt Carl Kau, kulturpolitischer Sprecher der Unionsfraktion.  Der aktuelle Fall zeige wieder einmal, "dass Herr Böhrnsen und Frau Emigholz die Kulturpolitik im Blindflug steuern. Erst kurz bevor es kracht, versuchen sie sich in Ausweichmanövern“, kritisiert Kau. Kritik kommt auch von der CDU-Kulturdeputierten Iris Spieß, die dem Stiftungsrat des Focke-Museums angehört: „Es gibt in ganz Bremen keine vergleichbare Einrichtung. Deshalb erwarte ich von der Ressortspitze, dass sie die Lösungssuche nicht nur auf die Museumsleitung schiebt, sondern auch ihrer eigenen Verantwortung gerecht wird und Ideen einbringt."

(mbr/jop)

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