Dossier

Dem Tod auf der Spur

Weltweit sterben Honigbienen. Auch wenn Wissenschaftler seit Jahren fieberhaft an den Ursachen forschen, gibt es kaum praktische Lösungsansätze. Eine Spurensuche.
04.01.2020, 12:57
Lesedauer: 5 Min
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Von von Patricia Brandt
Dem Tod auf der Spur

Weltweit sterben Honigbienen, die Ursachen sind weitestgehend unklar.

ENA

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst, heißt es. Ich bin mir da im Moment nicht so sicher. Denn als ich die Bienenvölker kurz vor Weihnachten mit meiner Imker-Patin Anke Scheffler-Hincke gegen Parasiten behandeln will, folgt ein Schock: Die Bienen sind tot.

Weltweit sterben Honigbienen. Auch wenn Wissenschaftler seit Jahren fieberhaft an den Ursachen forschen, gibt es kaum praktische Lösungsansätze, die das Überleben der Bienen sichern. Bienen leben in einem Sozialstaat. Bis zu einem gewissen Punkt können sie Verluste selbst ausgleichen. Um das Volk zu retten, sagt Werner von der Ohe, Leiter des Niedersächsischen Landesinstituts für Bienenkunde in Celle, würden Honigbienen sogar zu Kannibalen. Sie vertilgen die eigene Brut, wenn die Zahl der Ammenbienen nicht ausreicht, um den Nachwuchs zu versorgen.

Zusammen mit Imker-Patin Anke Scheffler-­Hincke ziehe ich ein Holz-Rähmchen nach dem anderen, um herauszufinden, was mit meinen Bienen passiert ist. Es ist genug Futter vorhanden. Verhungert sind sie nicht. Aber am Boden finden wir Varronen. Jene gefürchtete Parasiten, die als Hauptgrund für das Sterben der Honigbiene gelten. Die Varroa-Milbe saugt Larven aus und heftet sich auch an die erwachsenen Bienen. Die Milbe schwächt ganze Völker, bis sie kollabieren. Imker-Kollegen haben mir davon berichtet. Einer hat in diesem Herbst bereits 18 Völker verloren.

Anke Scheffler-Hincke und Imkerin Christina Jappen helfen mir, die Bienen aus dem Kasten zu fegen. Fast ein Jahr lang habe ich mich mit den Tieren befasst, einen Lehrgang besucht, wurde von erfahrenen Imkern auf dem Weg zur eigenen Imkerei begleitet, und jetzt ist auf einmal alles vorbei? „Atme erst mal durch. Das, was Du jetzt erlebst, macht jeder Imker einmal mit“, sagt Anke Scheffler-Hincke. Manche verlieren ihre Völker früher, manche später. Ausschließen ließen sich Verluste nie ganz. Trotz Behandlung. Denn auch wir hatten die Bienen bereits im Sommer mit organischer Säure gegen Milben behandelt.

Varroa-Milbe und Westliche Honigbiene seien nicht aneinander angepasst, heißt es beim Bieneninstitut in Celle. „Gestartet ist man in der Zucht mit der Hoffnung auf eine Varroa-Resistenz, verfolgt jetzt das kleinere Ziel der Varroa-Toleranz bei der Königinnenzucht“, sagt Institutsleiter Werner von der Ohe.

Oder kann es ein, dass das Problem woanders liegt? Vielleicht sogar beim Imker selbst? Schuld am Bienentod, heißt es auf einschlägigen Internetseiten, sei eine nicht artgerechte Haltung der Bienen. Die Behausungen seien auf einen hohen Honigertrag ausgelegt, entsprächen aber nicht den natürlichen Bedingungen. Auslöser sei der große Hunger der Deutschen nach Honig.

Fakt ist, dass allein in Deutschland mehr Honig nachgefragt wird, als produziert werden kann. Nach Angaben des Honigverbands ist nur jedes vierte in Deutschland verkaufte Honigglas mit heimischem Honig gefüllt. Längst haben Betrüger begonnen, Honig zu strecken: „Honig ist eine globale Handelsware. Die Zumischung von Zucker oder billigem Sirup in den Honig kann daher vor allem für große Importeure lukrativ sein“, sagt Uwe ­Karassek vom Bremer Honiglabor QSI. Beim Lebensmittelbetrug liege Honig auf dem dritten Platz.

Die Prüfer finden auch immer wieder illegale Tierarzneimittelrückstände im Honig. Antibiotika sollen die Bienen vor Krankheiten schützen. Fakt ist auch, dass die meisten Bienen in Kästen gehalten werden, die viel Honig und Komfort für den Imker versprechen. Doch es gibt andere Modelle. Andreas Heidinger, Modellschreiner aus Dachau, zum Beispiel hat eine andere Form des Bienenhauses erfunden: Die Bienenkugel, einen runden Brutraum aus Holz und ohne Ecken. Ein Vorteil der Kugel soll ihr höheres Wärmeniveau sein. Es sorge dafür, dass die Bienen weniger Drohnenzellen bauen. Und da sich die Varroa-Milbe hauptsächlich in der Drohnenbrut vermehrt, gebe es in der Kugel folglich weniger Milben. In Undine Westphal, Obfrau für Schul-AGs im Landesverband Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker, hat Heidinger eine Fürsprecherin gefunden. Sie hat Jahre lang mit der Kugel geimkert und sagt: „Wenn man die Biene fragen würde, welche Beute würde sie wohl wählen? Eine der herkömmlichen eckigen Magazinbeuten oder die Bienenkugel?“

Doch die Bienenkugel war von Anfang an auch umstritten. „Es liegt in der Natur der Sache, dass neue Ansätze in der Bienenhaltung erst nach langen Einsatz-Zeiträumen auf deren Brauchbarkeit hin endgültig beurteilt werden können“, sagt Jürgen Tautz, der an der Universität Würzburg lehrt. Sein Team habe die Bienenkugel seit 2015 untersucht. 18 Imker hätten an dem Projekt mitgearbeitet, das Ende 2019 abgeschlossen wurde. Jeder Imker erfasste demnach an je einer herkömmlichen Zanderbeute und einer Kugelbeute relevante Messgrößen, wie etwa Überleben der Bienenvölker und Honigertrag und beurteilte seinen eigenen Eindruck von der Handhabbarkeit der Kugelbeute. Tautz: „Diese Daten müssen nun ausgewertet werden, was im Laufe von 2020 abgeschlossen sein wird. Ein erster Eindruck: Die Kugelbeute ist nur etwas für Liebhaber dieser Form der Bienenbeute und weist für keinen betrachteten Aspekt eine Verbesserung gegenüber den alterprobten Beutetypen auf.“

Es habe in der Vergangenheit immer wieder Versuche einer natürlichen Bienenhaltung gegeben, weiß von der Ohe. Aber: „Alle bisherigen Versuche sind gescheitert.“ Er erinnert an die Bienensauna. Die Idee war, dass sich die Honigbiene gesund schwitzt und die Varroa-Milbe vertreibt. „Die Bienensauna war ein Hype, hat aber nicht funktioniert.“ Der Leiter des Bieneninstituts ist überzeugt, dass auch andere natürliche Behausungen nicht helfen: „Weil es den Bienen gleichgültig ist, in welcher Behausung sie leben. Was wir erlebt haben ist, dass einzelne Personen eine tolle Idee haben, wie die Varroa-Milbe zu bekämpfen sei, aber das hat alles nicht zum Erfolg geführt, sondern nur die Imker verunsichert.“

Der 64-jährige Biologe arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Bienen. Nahrungsmangel sei ein Problem. In einigen Regionen gebe es bereits keine optimale Versorgung mit Nektar und Pollen mehr. „Wir haben Versuche durchgeführt und aufgezeigt, dass Proteinmangel zu einer Empfindlichkeit der Honigbienen führt.“ Doch seine Sorge gilt nicht nur der Honigbiene: „Gerade vor dem Wildbienensterben warnen wir seit den achtziger Jahren.“ 585 Wildbienenarten gibt es in Deutschland. „Über 60 Prozent der Wildbienenarten gelten als bedroht, verschollen oder ausgestorben.“ Aus dem Nahrungsmangel abzuleiten, dass die Honigbienen mit den bedrohten Wildbienen um das wenige Futter konkurrieren, hält er für falsch. Doch: „Es müssen jetzt Maßnahmen getroffen werden, wenn wir den weiteren Insektenrückgang ausbremsen wollen.“

Wenn ich dieser Tage am verwaisten Bienenstand vorbeikomme, wird mir das Herz schwer. „Bitte nicht entmutigen lassen“, schreibt mir Bienenexperte Jürgen Tautz, „in der freien Natur stirbt im Mittel jedes dritte Bienenvolk, ohne dass jemand etwas falsch gemacht haben kann. Die biologischen Zusammenhänge sind auch für ein Bienenvolk so komplex, dass man meist nicht genau sagen kann, wieso etwas funktioniert oder wieso etwas schief geht.“ Aufgeben kommt sowieso nicht in Frage. Eine Imker-Kollegin will mir einen Ableger ihrer Bienen überlassen. Aber das ist eine neue Geschichte, hoffentlich mit gutem Ende.

Info

Zur Sache

Bienenfreundliche Pflanzen

Das Bundesministerium für Landwirtschaft empfiehlt als bienenfreundliche Pflanzen für Balkon und Garten:

▸ Efeu

▸ Fette Henne

▸ Flockenblume

▸ Himbeere

▸ Himmelsleiter

▸ Klee

▸ Koriander

▸ Löwenzahn

▸ Winterheide

Gehölze:

▸ Kastanie

▸ Kirsche

▸ Linde

▸ Weide

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