5. Tag der Archive Dem Verborgenen auf der Spur

Blumenthal·Farge-Rekum. Beim bundesweit fünften 'Tag der Archive' konnten Besucher vergangenen Sonnabend auch in Bremen-Nord das Motto in die Tat umsetzen und in Sammlungen auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit gehen.
08.03.2010, 06:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

Blumenthal·Farge-Rekum. Angela Stocks und Ingrid Heine haben die Köpfe zusammengesteckt und rätseln. Wo und wann wurde das Foto gemacht? Zeigt das Bild mit den Menschen in historischen Kostümen, die von einem girlandengeschmückten Pferdewagen den Schaulustigen am Straßenrand fröhlich zuwinken, den Umzug zur 600-Jahrfeier in Blumenthal?

Ingrid Heine stand 1954 mit ihrem Vater am Straßenrand - und zweifelt. 'Da liefen Pferde, aber an Leute in Kostümen kann ich mich nicht erinnern.' Andererseits: Könnte das Gebäude, das ausschnitthaft im Hintergrund zu sehen ist, nicht doch das Blumenthaler Rathaus sein? Im Dokumentationszentrum Blumenthal ist Heine 'dem Verborgenen auf der Spur'.

Beim bundesweit fünften 'Tag der Archive' konnten Besucher vergangenen Sonnabend auch in Bremen-Nord das Motto in die Tat umsetzen und in Sammlungen auf Entdeckungsreise in die Vergangenheit gehen. Im Doku stöberten sie in historischen Zeitungen, durchforsteten alte Adressbücher nach Familiennamen. 'Viele suchen alte Fotos von ihrem Wohnort', erzählt Angela Stocks. Mit der Historikerin Katrin Schoßmeier hilft die Doku-Leiterin bei der Spurensuche.

Karl-Heinz Oltmann sucht nicht, er hat etwas mitgebracht. Vorsichtig entfaltet der 79-jährige Blumenthaler ein vergilbtes Blatt Papier. 'Bekanntmachung' verkünden schwarze Lettern. Das historische Dokument vom 6. September 1894 bestätigt, dass der Getreidehändler Martin Oltmann mit seiner Blumenthaler Niederlassung in das Handelsregister eingetragen wurde. 'Das war mein Großvater, der betrieb eine Getreidemühle.' Der Enkel, selbst gelernter Müller, übernahm die Mühle von seinem Vater. 'Bis 1991 war sie in Betrieb.' Besucher wie Oltmann sind als Zeitzeugen Gold wert für die Archivarbeit. 'Uns tun sich dadurch neue Quellen auf', sagt Stocks. Namen und Adressen von Menschen, die für weitere Recherchen nützlich sein können. Oltmann hat noch andere Dokumente mitgebracht. Aus der Hand geben will er sie nicht, Kopien für?s Archiv darf Stocks aber machen.

Mitbringsel anderer Besucher kann sie behalten. Wildemar Rindfleisch hat ein Schätzlein dabei: eine Karte vom Amt Blumenthal. Zwar nur die Kopie des historischen Originals. Für Stocks trotzdem etwas Besonderes: 'Eine so alte Kartenansicht haben wir noch nicht.' Aus welcher Zeit sie datiert, kann Rindfleisch nur vermuten. 'Vielleicht 18. Jahrhundert, wegen der Schreibweise der Namen.' Ein früherer Arbeitskollege schenkte ihm die Karte vor Jahren, jetzt kommt sie ins Doku-Archiv.

Was da an verborgenen Schätzen zu entdecken ist, zeigt eine Auswahl von Fotos, Plakaten und anderen Dokumenten an einer Wand. Ingrid Heine blättert in einem Ordner mit alten Aufnahmen, die laut Stocks eines gemeinsam haben: 'Wir haben zu den Bildern keine Informationen und hoffen, dass Besucher uns weiterhelfen können.' Der eine oder andere kann tatsächlich. 'Eheleute Ries (Kaufhaus Ries)' ist auf der Rückseite eines Fotos vermerkt. Jenny und Daniel Ries waren Juden und führten ein Kaufhaus in Blumenthal. Katrin Schoßmeier hat Zweifel, ob der Mann auf dem Bild neben der 1942 von den Nazis ermordeten Jenny Ries tatsächlich deren Ehemann ist. 'Daniel Ries starb 1920. Das Foto muss aber jüngeren Datums sein', vermutet sie wegen der Kleidung der Abgebildeten. Eine Archivbesucherin bot Hilfe an: 'Sie kennt Zeitzeugen in Israel, dorthin werden wird das Foto jetzt mailen.'

Einige Besucher wandeln in mehreren Häusern auf den Spuren von Orts- oder Familiengeschichte. Das Ehepaar Scholz aus Beckedorf hat der Weg vom Doku ins Kahnschifferhaus des Heimatvereins Farge-Rekum geführt. 'Aus Rekum kommt ein Ur-Ur-Großvater von mir', erzählt Ingeborg Scholz. Im Archiv des Heimatvereins sucht die Nachfahrin Informationen über dessen Sohn. 'Der war Kapitän in Brake.' Soviel weiß sie, mehr aber auch nicht. Vielleicht stößt sie im Wälzer 'Von der Weser in die Welt' auf neue Informationen? Die Beckedorferin vertieft sich in die Seiten. Im Kahnschifferhaus herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Köpfe sind schweigend über Bücher und Ordner mit Material über alte Häuser in Farge und Rekum gebeugt.

'Die Besucher kommen mit gezielten Anliegen', sagt Arend Wessels. Mit Georg Scharnhorst steht er ihnen zur Seite. Auch der Vereinsvorsitzende Wolfgang Kobbe schaut vorbei. Vor ein paar Tagen hat er eine neue Errungenschaft für das Archiv aufgetrieben: 'Aufzeichnungen über die Entwicklung des Fährhauses in Farge von 1775 bis 2008.' Wessels stellt beim Blättern fest: 'Da sind Bilder dabei, die wir im Archiv noch nicht haben.'

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