Mit seiner "Mondscheinlesung" ergründet Ulf Fiedler die "Faszination Worpswede" Den alten Meistern auf der Spur

Von Christian Pfeiff
22.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Pfeiff

Blumenthal. Unberührte Moorlandschaften, bevölkert und portraitiert von einem stadtflüchtigen und eigensinnigen Künstlervölkchen - die bis heute weitläufig anhaltende Faszination für Worpswede ist untrennbar mit den Anfangsjahren der dortigen Künstlerkolonie verbunden. So lautet die Überzeugung des Blumenthaler Historikers, Schriftstellers, Malers, Dramaturgen und Journalisten Ulf Fiedler.

Nachdem Fiedler den Anfängen der Künstlerkolonie vor zwei Jahren bereits ein Theaterstück in der Burg Blomendahl gewidmet hatte, erkor er dieses Sujet nun auch zum Thema seiner am selben Ort stattfindenden "Mondscheinlesung".

"Wer nach Worpswede fährt, sucht bewusst oder unbewusst nach den alten Meistern", ist Fiedler überzeugt. Diese seien durch ihr künstlerisches Schaffen und ihre Weltanschauung über das vergangene Jahrhundert zum Synonym für das nach wie vor beliebte Ausflugsziel Worpswede avanciert.

Den Grund hierfür sieht Fiedler vor allem in der ebenso gelebten wie künstlerisch manifestierten Verweigerungshaltung der Künstlergruppe um Mackensen, Overbeck und Modersohn-Becker gegenüber der ersten Industrialisierungswelle, welcher sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu entfliehen suchte.

Der Zufall und die Liebe

Der Zufall und die Liebe spielten bei der Wahl des Ortes eine entscheidende Rolle, ließ Fiedler seine Zuhörer wissen: Bereits 1884 folgte Mackensen, der zuvor an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, einer Einladung der Kaufmannstochter Mimi Stolte in ihren Heimatort. Hier verliebte sich der vom akademischen Kunstbetrieb enttäuschte Maler sogleich in die unberührte Moorlandschaft. In diese folgten ihm im Laufe der nächsten zehn Jahre seine früheren, gleichgesinnten Studienkollegen Hans am Ende, Otto Modersohn und Fritz Overbeck.

Als mögliche Wurzel ihres künstlerischen Triebs interpretierte Fiedler die Folgen der französischen Revolution und das Zeitalter der Aufklärung: "Beides machte das bis dato vorherrschende, totalitäre Kunstverständnis durch Entmachtung der Herrschenden obsolet." Der Erfolg des frühen Worpsweder Stils begründe sich somit in der Funktion der Kunst als Spiegel ihrer Zeit, als künstlerische Dokumentation jeweils vorherrschender Weltanschauungen und sozialer Umbrüche: "Die erste Industrialisierungswelle führte in der Kunst zu einer Rückbesinnung auf das Einfache und Wesentliche. Man folgte keiner künstlerischen Idealvorstellung, sondern bildete die unberührte Realität ab", benennt Fiedler die Unterschiede zum vorhergehenden Barock. Der Worpsweder Stil zeichne sich zudem durch Elemente der Historienmalerei und des Impressionismus aus.

Den Werdegang der Künstlerkolonie zeichnete Fiedler anhand überlieferter Dokumente und biographischer Exzerpte chronologisch nach, unterrichtete seine Zuhörer über die Dauerfehde der Worpsweder Künstler mit dem damaligen Bremer Malerfürsten und Kunstkritiker Arthur Fitger, ihren überregionalen künstlerischen Durchbruch durch eine Ausstellung im Münchner Kristallpalast bis hin zum Unverständnis, das Paula Modersohn-Becker von ihrem Ehemann und ihren Worpsweder Künstlerfreunden für ihren heute verehrten neuen Stil entgegenschlug.

Auszüge aus Rilkes Worpswede-Monographie kamen ebenso zur Rezitation wie überlieferte Tagebucheinträge der Künstler. Zum Ende des Abends fühlte man sich als Zuhörer mit den Künstlern fast so verbunden, als spräche man von alten Freunden, zumal Fiedler in seinen Ausführungen auch eine Brücke zum Ort des Befindens schlug: Auch Fritz Mackensen, dessen spätere Position im nationalsozialistischen Deutschland indes nicht explizit thematisiert wurde, frequentierte gern die Burg Blomendahl zu Festlichkeiten oder Hauskonzerten. Und vielleicht goutierte er bei diesen ebenso wie die heutigen Zuhörer Werke von Debussy, Chopin und Brahms, mit denen die mehrfach preisgekrönte Pianistin Johanna Preuß den Abend kunstvoll umrahmte.

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