Mein erstes Mal

Denken wie ein Mörder

Axel Petermann ist ein Wegbereiter der "Operativen Fallanalyse" in Deutschland. In seinem ersten Fall als Profiler musste er einem brutalen Frauenmörder auf die Spur kommen.
24.06.2018, 06:21
Lesedauer: 3 Min
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Denken wie ein Mörder
Von Patrick Reichelt
Denken wie ein Mörder

Symbolbild

Josie Majetic

Ich hatte bereits 20 Jahre in der Mordkommission gearbeitet. Daher wusste ich schon wie Tötungsdelikte aufgenommen, Spuren gesichert, Zeugen befragt oder Verdächtige vernommen werden. Doch ein kleines Rätsel war für mich immer: Warum verhält sich ein bestimmter Täter so, wie er sich verhält?

Ab 1999 konnte ich dann in die Methoden der Fallanalyse reinschnuppern. Das fing damals erst an und war noch ein junges Fach. Die FBI-Profiler Robert Ressler und John Douglas hatten sich erstmals überlegt, was man aus dem Verhalten der Täter lernen kann, wie man daraus Rückschlüsse für spätere Analysen ziehen kann.

Ich hatte mich etwa anderthalb Jahre lang mit deren Theorien beschäftigt. Das war eine wichtige Zeit, denn ich konnte die Theorie mit der Praxis verquicken. Und dann kam der Tag, an dem eine Täteranalyse anstand.

Es ging um den Mord an einer jungen Frau. Sie hatte ihren Wagen in einer Tiefgarage in der Nähe des Bürgerparks abgestellt und wollte mit dem Fahrstuhl in ihre Wohnung fahren. Im Vorraum des Fahrstuhls wartete ihr Mörder auf sie. Der Mann stach sofort auf die Frau ein, woraufhin sie zu fliehen versuchte. Er stach dann weiter auf sie ein, bis sie schließlich tot war. Wie ein Stück Vieh hat er sein Opfer dann durch die Garage geschliffen und in einem Raum unterhalb einer Treppe versteckt. Das war eine Art Gewölbe; ein Raum in dem man sich gut vorstellen konnte, dass darin böse Dinge geschehen.

Zunächst keine Spur

Der Täter wurde jedoch dabei gestört und flüchtete durch die Tiefgarage in ein Nachbargebäude, das sich noch im Bau befand. Dann verlor sich jegliche Spur.

Die Ermittler waren zunächst davon ausgegangen, dass es sich um eine Beziehungstat handeln könnte. Daran muss man immer denken, wenn eine Frau ermordet wird. Dieser erste Ermittlungsansatz schlug jedoch fehl. Ich hab mir dann die Akte angesehen und mithilfe der Polizeifotos herausgefunden, dass in einem Verschlag des Nachbargebäudes zwischen Kartons und Baumaterialien eine Plastiktüte gefunden wurde. Darin befanden sich eine Gasmaske, Tape, eine Fahrradspeiche und gelbe Haushaltshandschuhe. Wenn man am erweiterten Tatort etwas findet, was ungewöhnlich ist, prüft man in der Fallanalyse, ob das vielleicht auch in Einklang mit der Tat zu bringen ist.

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Die Überlegung war, dass es sich um einen Täter handeln könnte, der auf Atemkontrolle steht. Ich erinnerte mich an ältere Fälle mit Männern, die bei autoerotischen Betätigungen gestorben waren. Häufig trugen diese Gasmasken, da ihnen dies Lust verschaffte. Ein besonderer Fall kam mir dann ins Gedächtnis: Ein Sadist hatte Jahre zuvor einen Mord begangen; er trug dabei eine Gasmaske. Später tötete er sich selbst. Ob der Mörder der Frau ähnlich veranlagt war?

Wir haben tatsächlich DNA-Spuren an der Maske gefunden. Unter den blutigen Fingernägeln des Opfers konnten ebenfalls Spuren einer männlichen DNA sichergestellt werden. Ein Vergleich zeigte: Die beiden Proben passten zusammen. Wir entschlossen uns einen Massentest durchzuführen.

Einige Wochen später meldete sich in Begleitung eines Anwalts ein junger Mann, etwa Ende 20. Er erklärte, dass er etwas mit dem Mord zu tun haben könnte; genau wisse er es aber nicht. Er sei aber am Tatort gewesen. Weiter erklärte er, zum Tatzeitpunkt alle möglichen Drogen wie Alkohol, Cannabis, LSD und Kokain konsumiert zu haben. Er habe Lichter gesehen und schemenhaft eine Person vor sich erkannt, der er gefolgt sei. Die Person hätte ihn dann angegriffen, er hätte sich lediglich gewehrt. Da er Jäger sei, hätte er auch ein Messer dabei gehabt und zugestochen. Ob das wirklich geschehen sei, wisse er jedoch nicht. Später widerrief er sein Geständnis.

Gute Zusammenarbeit

Richtig Ernst konnten wir diese Aussagen natürlich nicht nehmen. Aber wir mussten ihm erst einmal das Gegenteil beweisen.

Es war dann ein sehr langer Weg. Durch eine gute Zusammenarbeit von Ermittlern und Fallanalytikern wurde der Täter nach langer Verhandlungsdauer wegen Verdeckungsmordes verurteilt. Verdeckungsmord bedeutet, dass der Täter mit dem Mord eine andere Straftat verdecken möchte.

Spannend war, dass sich während der Verhandlung eine Domina bei uns meldete. Sie hatte den Täter auf den Gerichtszeichnungen erkannt und erzählte, dass sie ihn in BDSM-Techniken eingewiesen habe und er bei den Treffen eine Gasmaske dabei hatte.

Das klingt vielleicht komisch, aber es war ein gutes Gefühl, dass dieser methodische Ansatz der Fallanalyse funktioniert hatte. Etwas, das knapp
100 Meter vom Tatort entfernt gefunden wurde, konnte zur Aufklärung des Mordes beitragen. Der Täter wurde schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Aufgezeichnet von Patrick Reichelt.

Info

Zur Person

Axel Petermann

Axel Petermann

Axel Petermann

Foto: Focke Strangmann

leitete die Ermittlungen bei zahlreichen Tötungsdelikten in Bremen. Der 65-Jährige setzte sich ab 1999 mit den FBI-Methoden des Profilings auseinander und begann mit dem Aufbau der Abteilung Operative Fallanalyse in Bremen. Petermann hat bereits einige Bücher über seine Fälle veröffentlicht. Im Oktober erscheint mit "Die Elemente des Todes" sein erster True-Crime-Thriller. Er ist zudem ständiger Berater der Krimireihe "Tatort".

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