Skulptur für den Loriotplatz

Denkmal einer Freundschaft

Der Bremer Loriotplatz ist jetzt deutlicher als solcher zu erkennen: Auf einer Bank sitzt ein schwarz-weiß gekleideter Knollennasenmann. Am Montagmittag wurde die Skultpur enthüllt.
20.06.2016, 00:00
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Denkmal einer Freundschaft
Von Kathrin Aldenhoff
Denkmal einer Freundschaft

Der Künstler Patrick Przewloka hat die Skulptur bemalt.

Jürgen Schmidt

Der Bremer Loriotplatz ist jetzt deutlicher als solcher zu erkennen: Auf einer Bank sitzt ein schwarz-weiß gekleideter Knollennasenmann. Am Montagmittag wurde die Skultpur enthüllt.

Es war Freundschaft auf den ersten Blick. „Er kam in mein Bistro, und da war’s geschehen“, beschreibt Jürgen Schmidt seine erste Begegnung mit Vicco von Bülow, mit Loriot. „Wir waren sofort Freunde.“ Sie sind zusammen in den Urlaub nach Capri gefahren, haben miteinander Wein getrunken, gefeiert und gegessen. Und diese enge Freundschaft mit Loriot ist der Grund, warum sich der 79-Jährige seit fast fünf Jahren für ein Projekt einsetzt, an das am Anfang keiner so recht glaubte. Außer er selbst.

Die erste Begegnung zwischen Jürgen Schmidt und Loriot liegt mehr als 40 Jahre zurück. Im Jahr 1975 kam Loriot zum ersten Mal zum Essen ins Bistro Grashoff – das war damals noch in der Sögestraße. Er war wohl zufrieden, denn er signierte ein Tischset: mit der Zeichnung eines Knollennasenmännchens, dem Schriftzug Loriot und dem Datum: 30.8.75. Das Tischset hängt seit Jahren an der Wand des Bistros, das zehn Jahre später zusammen mit dem Feinkostgeschäft umgezogen ist, in die Contrescarpe.

Die ersten Skizzen zeigen den Knollennasenmann noch etwas schlanker. Im Laufe der Arbeit ist er rundlicher geworden.

Die ersten Skizzen zeigen den Knollennasenmann noch etwas schlanker. Im Laufe der Arbeit ist er rundlicher geworden.

Foto: Jürgen Schmidt

Das Tischset ist nicht das Einzige, das dort an den berühmten Humoristen erinnert. Das Bistro ist voll von Loriot: Die schwarz-weiße Büste eines Knollennasenmännchens steht auf der Fensterbank, an den Wänden hängen Bilder von Loriot. Wie er hinter der Theke des Bistros Gläser poliert, wie er mit Evelyn Hamann die Gläser erhebt, eine Serviette um den Hals gebunden.

Am 22. August 2011 ist Vicco von Bülow im Alter von 87 Jahren gestorben. Bei Grashoff in Bremen lebt er weiter. An der Wand, ja, das sowieso. Und Jürgen Schmidt hatte schon damals größere Pläne. „Im Kopf hatte ich die Idee schon gleich nach seinem Tod“, sagt er. Diese Idee, das war eine Skulptur – eine Skulptur für seinen Freund Loriot.

Zunächst einmal blieben die Gedanken im Ungefähren, aber als dann im Jahr 2013 nach einigem Hin und Her der Platz vor der Tür des Bistros Grashoff in Loriotplatz umbenannt wurde, dachte er sich: „Was ist ein Loriotplatz ohne Loriot? Das ist ja wie ein Marktplatz ohne Markt.“ Und so kam es, dass sich der Mann, der feines Essen, guten Wein und Fotografie liebt, drei Jahre lang freiwillig mit Bronzeguss, Stahlbetonfundament und Pflastersplitt beschäftigte.

Die Familie von Jürgen Schmidt führt seit 1900 das Delikatessengeschäft Grashoff in Bremen – der Großvater von Jürgen Schmidt, Johann Georg Schmidt, kaufte es damals von Brüne Grashoff, der das Geschäft 1872 gegründet hatte. Jürgen Schmidt wollte eigentlich Astronom werden, doch seine Einstellung zum Geschäft des Vaters wandelte sich in den 60er-Jahren.

1964 übernahm er die Geschäftsführung, im selben Jahr heiratete er. Eine Ehe, die irgendwie auch mit Loriot begann; dessen Zeichnungen liebte Jürgen Schmidt schon, bevor er ihn als Freund schätzen lernte. Um 1962 die Verlobung mit seiner späteren Frau Barbara bekannt zu geben, bastelte er eine Fotocollage. Ein Element dieser Collage: ein Knollennasen-Paar, gezeichnet von Loriot, die Frau greift in die Sakkotasche des Mannes, der trägt eine rote Rose am Revers.

Roman Johann Strobl hat die Skulptur in seinem Atelier in Hannover geschaffen. Hier ist der Knollennasenmann noch ungeschliffen.

Roman Johann Strobl hat die Skulptur in seinem Atelier in Hannover geschaffen. Hier ist der Knollennasenmann noch ungeschliffen.

Foto: Jürgen Schmidt

Diese rote Rose am Revers, sie braucht Zeit. Ganz vorsichtig führt der Künstler Patrick Przewloka den Pinsel auf der roten Rose, malt schwarze Striche hinein, um ihr mehr Tiefe zu geben. Noch knapp zwei Wochen wird es dauern, dann wird die Loriot-Statue fertig sein, dann wird ganz Bremen sie sehen. Noch aber steht sie im Lager von Grashoff, sitzt vielmehr, das Kinn auf die rechte Hand gestützt.

Patrick Przewloka malt eigentlich großflächige Wandbilder. Nun sitzt der Künstler schon seit Tagen einem lebensgroßen Männchen gegenüber, zeichnet ihm Augenlider und Hemdknöpfe, malt feine schwarze Striche in eine rote Rose, klebt Kreppband millimetergenau in die feinsten Winkel. Um die 50 Stunden hat er mit dem Knollennasenmann verbracht. Und er mag ihn, sagt Patrick Przewloka: „Es ist beruhigend, so jemanden neben sich zu haben, in so einer natürlichen, gelassenen Haltung, leicht verträumt.“

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Einige Tage vorher: Über die Knollennase hat Patrick Przewloka eine Plastikfolie gespannt, hat die Fliege und die weißen Socken mit Kreppband abgeklebt. Er geht zu den Grashoff-Mitarbeitern, die im Lager Produkte verpacken, und holt sich ein Stück Plastikfolie. Das legt er der Loriot-Figur als Umhang über das Sakko. „Ach, das ist ne schöne Sache. Ein Schleier!“, sagt Jürgen Schmidt und macht ein Foto. Auch Jürgen Schmidt trägt übrigens Fliege, wie die Skulptur. Er ist immer dabei, sieht regelmäßig nach, wie es der Figur und dem Künstler geht. Er kann das ohne Probleme, denn das Geschäft leiten seit 2003 sein Sohn Oliver Schmidt und dessen Frau Elke.

Jetzt ist die Hose des Knollennasenmännchens dran: Patrick Przewloka schüttelt die Spraydose mit Industrielack, am linken Oberschenkel setzt er an, sprüht graue Farbe auf, es stinkt. Später wird er noch schwarze Linien draufmalen, das Männchen mit der Knollennase trägt Nadelstreifen. Zwölf Stunden braucht er für jedes Bein.

Die Figur hat Jürgen Schmidt nicht selbst entworfen, auch nicht der Künstler Roman Johann Strobl, der das Modell anfertigte. Die Figur stammt von Loriot selbst. Den Titel seines Buches „Loriots großer Ratgeber“, das 1983 erschien, ziert die Zeichnung eines Männchens auf einem Sessel: die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn in die rechte Hand gestützt, die linke Hand liegt locker auf der Lehne. Ein bisschen dicker als das gezeichnete Männchen ist der lebensgroße Guss geworden, die Haltung aber hat das Männchen beibehalten, mit zwei kleinen Unterschieden: Die Skulptur sitzt auf einer Parkbank, nicht auf einem Sessel. Und sie hat ihre Hand nicht neben sich liegen, sie hat sie auf das Knie gelegt – „Sonst kann sich ja niemand neben ihn auf die Bank setzen“, sagt Jürgen Schmidt.

Patrick Pzrewloka verbrachte etwa 50 Stunden damit, die Skulptur zu bemalen.

Patrick Pzrewloka verbrachte etwa 50 Stunden damit, die Skulptur zu bemalen.

Foto: Jürgen Schmidt

Die Parkbank, sie war das erste, das stand. Noch bevor klar war, ob und wie eine Loriot-Figur darauf Platz nehmen wird, hat Jürgen Schmidt sie schon in Wien abgeholt. Er hatte sie im Internet entdeckt, mochte die Form, die gusseisernen Seitenteile, die schlichte Eleganz. Zwei Jahre stand die Bank im Lager von Grashoff und wartete auf die Loriot-Figur – es hat lange gedauert, von der Idee bis zur Statue.

Susanne von Bülow, die Tochter von Loriot, war anfangs dagegen. Sie hatte Angst, dass die Skulptur ihrem Vater nicht gerecht wird, erzählt Jürgen Schmidt. Angst, dass es nicht gut wird. Er hat ihr versprochen: „Es wird großartig! Als wenn er es selbst gemacht hätte.“ Und ihr zugesagt, sie über jede Entwicklung auf dem Laufenden zu halten. Den ersten Entwurf lehnte sie ab, den zweiten akzeptierte sie. Von dem Moment an schickte er ihr Fotos, immer wenn sie einen Schritt weiter waren.

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Auch an diesem Tag im Lager macht er Fotos mit seiner Digitalkamera, ein Lächeln auf den Lippen, ein wenig verliebt sieht er schon aus, wenn er die Figur so betrachtet. Zwei Korrekturen hatte Susanne von Bülow: die linke Hand war ihr zu groß und der Wirbel im Haar des Knollennasenmännchens zu starr. Da hatte sie vollkommen Recht, sagt Jürgen Schmidt. Seine Fingerspitzen streicheln den veränderten und nun auch von der Tochter abgenommenen Wirbel: „Jetzt ist es viel lebendiger. Ein Wirbel muss ja auch wirbeln.“

Jürgen Schmidt hat in den 1960er-Jahren mit seiner damaligen Verlobten ein Jahr in Paris verbracht. Sie haben die französische Lebensart lieben gelernt – so sehr, dass sie 1968 ein eigenes Bistro im hinteren Bereich des Feinkostgeschäfts eröffneten. Das Bistro, in dem sich Loriot und Jürgen Schmidt später trafen, es machte die Freundschaft zwischen den beiden Männern wohl erst möglich. „Ich denke, ohne das Bistro als Katalysator hätten wir uns nie kennengelernt“, sagt Jürgen Schmidt. Die Leidenschaft für gutes Essen, sie hat die beiden verbunden. Loriot besuchte das Bistro ab 1975 regelmäßig, in Begleitung von Evelyn Hamann oder anderen Mitarbeitern. Und sie blieben meist bis spät in die Nacht – obwohl das Bistro damals mit dem Ladengeschäft um 18.30 Uhr geschlossen wurde.

Damit vor der Enthüllung am Montag niemand einen Blick auf den Knollennasenmann erhaschen kann, legt Jürgen Schmidt ein Tuch über die Skultpur.

Damit vor der Enthüllung am Montag niemand einen Blick auf den Knollennasenmann erhaschen kann, legt Jürgen Schmidt ein Tuch über die Skultpur.

Foto: Christina Kuhaupt

Loriot hat diese Abende im Bistro in seinem Buch „Menschen und Möpse“ verewigt: „In der allgemeinen Ratlosigkeit, was mit der Gage von Radio Bremen anzufangen sei, stießen wir auf das Restaurant Grashoff. Das Geld wurde gut angelegt. Wenn die Barmittel knapp wurden, halfen wir hinter dem Schanktisch aus.“

Das Geld, ja. Die Skulptur kostet, natürlich: das Modell, der Guss, die Lackierung, nicht zu vergessen die Parkbank und der Kran, der die Figur vier Tage vor ihrer Enthüllung auf die Parkbank setzt. Manches zahlen die beteiligten Firmen, weil ihnen das Projekt gefällt. Den Großteil zahlen Barbara und Jürgen Schmidt gemeinsam mit Karin und Uwe Hollweg. Sie spenden die Skulptur der Stadt Bremen. Am Montag soll die Skulptur um 12 Uhr feierlich enthüllt werden.

Vier Tage vorher fährt Jürgen Schmidt ins Lager, mit einem schlechten Gefühl im Bauch. An diesem Tag steht er an, der alles entscheidende Moment: Die Skulptur wird aufgestellt. Haben sie gut geplant, alles richtig berechnet? „Es muss genau passen, auf einen Zentimeter genau“, sagt er. Ob es passt, das wird er in zwei Stunden wissen.

Im Lager warten sie schon auf ihn, der Gabelstapler steht bereit und auch der Kranwagen mit der großen Ladefläche, auf der das Knollennasenmännchen in die Stadt fahren wird. Hannes Goldschmidt ist einer von denen, die sich darum kümmern, die Figur vor Ort aufzustellen. Er zieht den Meterstab aus der Tasche, misst eine Metallplatte, Jürgen Schmidt fragt: „Passt?“, Goldschmidt nickt, aber ob es wirklich passt, werden sie erst sehen, wenn die Skulptur auf der Parkbank Platz nimmt, das weiß auch Jürgen Schmidt. Er fasst die Skulptur fast zärtlich an der Schulter, sagt: „Der tut so, als wär nichts gewesen.“

Zu später Stunde half Vicco von Bülow im Bistro Grashoff auch mal hinter der Theke: Gemeinsam mit seinem Regieassistenten Stefan Lukschy (links) und Grashoff-Mitarbeiterin Sylviane Méhat polierte er Gläser.

Zu später Stunde half Vicco von Bülow im Bistro Grashoff auch mal hinter der Theke: Gemeinsam mit seinem Regieassistenten Stefan Lukschy (links) und Grashoff-Mitarbeiterin Sylviane Méhat polierte er Gläser.

Foto: Jürgen Schmidt

Eine halbe Stunde später am Loriotplatz: Um die Knollennase haben sie das Seil geschlungen, ausgerechnet. An ihr gezogen schwebt die Skulptur vom Kranwagen, schwebt über die Parkbank – und verharrt. Zentimeter für Zentimeter geht es nach unten, ein Stückchen nach rechts, ein bisschen zurück, dann ganz langsam noch einmal zwei Zentimeter runter. Er sitzt, aber die 200-Kilogramm-Skulptur drückt die Bank zu weit nach vorne, er muss noch mal ein Stückchen höher, weiter nach hinten. Vier Männer knien um die Skulptur, setzen Pflastersteine um, rütteln hier, rütteln da. Um 12.35 Uhr lösen sie das Seil – die Skulptur sitzt an ihrem Platz. Es passt. Und Jürgen Schmidt lächelt.

Loriot ist jetzt nicht mehr nur im Bistro Grashoff allgegenwärtig, sondern auch draußen. Nicht nur als Name des Platzes, sondern fast leibhaftig. Die Knollennasen-Skulptur hat auf einer Parkbank Platz genommen, mit Blick auf Loriots Lieblingsbistro in Bremen. Und nach fast fünf Jahren hat Jürgen Schmidt seinem Freund Loriot endlich das Denkmal gesetzt, das er von Anfang an im Kopf hatte.

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