Mercedes in Bremen Der Arbeit wegen von Pamplona nach Bremen

Spanien steckt in einer tiefen Krise, und die Menschen wissen manchmal nur noch einen Ausweg: ins Ausland. Mercedes bildet seit kurzer Zeit junge Spanier aus – zwei von ihnen haben wir getroffen.
02.11.2014, 00:00
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Der Arbeit wegen von Pamplona nach Bremen
Von Jürgen Hinrichs

Bei den Jugendlichen ist es fast die Hälfte, bei allen Erwerbsfähigen rund 25 Prozent, die keine Arbeit haben. Spanien steckt in einer tiefen Krise, und die Menschen wissen manchmal nur noch einen Ausweg: ins Ausland. Mercedes bildet seit kurzer Zeit junge Spanier aus – zwei von ihnen haben wir getroffen.

„Moin!“, sagt er zur Begrüßung, ein kräftiges „Moin!“, wie man das macht im Norden, egal ob am Vormittag, Nachmittag oder Abend. Etwas, was er gelernt hat, das Geringste, denn seit Inigo Astiz Zugarramurdi in Bremen ist, hat der Spanier jeden Tag ein sattes Programm: Deutsch pauken, die Arbeit bei Mercedes, der Unterricht in der Berufsschule und das ganze Drumherum in einem Land, das ihm vollkommen fremd war, als der 29-Jährige vor gut einem Jahr den Wechsel wagte. Weg aus der Heimat, von der Mutter, der Freundin. Raus aus Spanien, das ihm keine Perspektive mehr bot. Stattdessen Deutschland. Die zweite Chance.

Bei Mercedes ist Zugarramurdi im zweiten Jahr. Er lässt sich zum Mechatroniker ausbilden. Vorkenntnisse hatte er keine, allenfalls, dass er in seinen diversen Jobs immer mal wieder mit Maschinen zu tun hatte. „Eine Ausbildung wie in Deutschland gibt es bei uns nicht. Da macht man noch einmal zwei Jahre Schule, ein bisschen Praxis, und dann Tschüss.“ Tschüss, auch so ein Wort, das er gelernt hat.

Zuletzt war Zugarramurdi arbeitslos. Blöd und belastend, aber auch der Anfang von etwas. Die Arbeitsagentur machte ihm das Angebot, sich in Deutschland auf einen Ausbildungsplatz bei Mercedes zu bewerben. Bedingung war, im Werk zunächst ein Praktikum zu absolvieren. „Meine Mutter und meine Freundin haben mir zugeredet, und so kam das, dann hab’ ich’s gemacht.“

Die ersten vier Monate nur feilen, fräsen, sägen und schweißen – für einen Mann, der auf die 30 zugeht nicht gerade die größte aller Herausforderungen. Aber dann war es auch wieder genau richtig, um sich in Ruhe einzuleben. „Mit der Sprache ist es schwierig“, erzählt Zugarramurdi, „die Lehrer in der Berufsschule reden und reden, wir kommen kaum nach.“

Wir – das sind Inigo Zugarramurdi und Garikoitz Hernandorena de la Cruz, kurz Gari genannt. Der 24-Jährige ist der zweite Spanier in dem Jahrgang. Er sagt nicht „Moin“ oder „Tschüss“ und hat deutlich mehr Mühe, sich auf Deutsch zu verständigen. Dafür begreift er schnell und ist enorm wissbegierig, wie seine Ausbilder berichten.

Gari passt zurzeit auf die Roboter auf. Vier Wochen, in denen er als Anlagenwart angelernt wird. Die Maschinen fügen Teile für den Mercedes-SLK zusammen. Sie tun das rund um die Uhr, wenn’s drauf ankommt. Ein faszinierendes Spiel der Technik, wenn die Roboter ihre Arme ausschwenken, millimetergenau Naht an Naht setzen, tänzelnd fast und doch auch stoisch, weil es immer dieselben Bewegungen sind. Gari dirigiert, oder besser: er greift ein, wenn es irgendwo eine Störung gibt.

„Wenn ich kann, werde ich nach der Ausbildung bei Mercedes bleiben“, kündigt der Spanier an. Bei seinem Kollegen ist das noch nicht klar. „Mal sehen“, sagt Zugarramurdi und grinst seinen Chef an – jetzt kann er’s ja wieder.

Er ist Torwart und hat bei Werder gespielt, mal in der 3., mal in der 4. Mannschaft. Werder immerhin, das war schon was – bis es passierte: Doppelter Kieferbruch, das Knie eines Gegenspielers. Seitdem ist Schluss mit Fußball.

Sein Chef heißt Patrick Schmidt. Er muss mit Inigo Zugarramurdi fortan auf einen guten Spieler verzichten. Beim nächsten Turnier der Azubis, das der Ausbilder organisiert, wird jemand anderes im Tor stehen. Kein Problem, Leute sind genug da, aber schade ist das schon, gerade für Zugarramurdi.

Schmidt ist begeistert von seiner Aufgabe: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie klasse das ist.“ Mit den jungen Menschen und speziell mit Kandidaten wie diesen beiden Spaniern. „Natürlich wollen wir helfen, dass sie eine Perspektive bekommen“, sagt er. Mercedes habe aber auch etwas davon. „Die deutschen Lehrlinge sehen, zu was andere bereit sind, um einen Beruf zu erlernen.“

Inigo Zugarramurdi und Gari de la Cruz sind die ersten spanischen Auszubildenden bei Mercedes. Zwei andere sind bereits nachgerückt und arbeiten seit ein paar Wochen im Betrieb. Sie sind in der Werkstatt – feilen, fräsen, sägen und schweißen, bis es sitzt. Alle Gerätschaften haben ihren festen Platz und sind beschriftet, auf Deutsch, Englisch und Spanisch.

„Unsere Ausbildung ist international“, sagt Schmidt. So international wie das Unternehmen. Es gibt einen Austausch zwischen den Werken. Die Lehrlinge kommen rum, wenn sie wollen. Schmidt auch, er war schon in Irland, in der Türkei und in Italien, um seine Schützlinge zu besuchen.

Für die beiden jungen Spanier ist Deutschland das Ausland. Sie kommen beide aus Pamplona im Norden der iberischen Halbinsel. „Dort regnet’s auch nicht seltener als hier.“ Und die Mentalität? „Ungefähr gleich“, sagt Gari de la Cruz und fängt sich einen Widerspruch ein. „Nein!“, ruft sein Landsmann dazwischen, „wir sind viel temperamentvoller und nicht so förmlich.“

Die beiden haben Spaß, das merkt man. Inigo Astiz Zugarramurdi, der in einer Wohngemeinschaft lebt, freut sich auf den Besuch seiner Freundin. Sie wollen für einen Ausflug nach Berlin.

Alles gut, auch bei Gari de la Cruz. Er spielt Gitarre in seiner Freizeit, isst gerne Bratwurst, „jede Sorte, am besten XXL“, und macht nicht den Eindruck, als würde er etwas vermissen.

Deutschland, die zweite Chance – gut möglich, dass die beiden Männer sie nutzen.

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