Intendant der Bremer Philharmoniker zieht beim „Findorffer Stadtgespräch“ eine Zwischenbilanz seiner Amtszeit

Der Besucherschwund ist Geschichte

Zwar ist die Glocke ihr heimatlicher Konzertsaal. Doch ihren Sitz und Probenraum haben die Bremer Philharmoniker in Findorff-Bürgerweide. Dort gab Intendant Christian Kötter-Lixfeld beim „Findorffer Stadtgespräch“ mit Katrin Rabus Auskunft über Geschichte und Gegenwart des renommierten Orchesters – und erzählte von dessen schwerer Krise, die seit zehn Jahren überwunden sei.
30.11.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten
Der Besucherschwund ist Geschichte

Beim „Findorffer Stadtgespräch“ interviewte Katrin Rabus den Intendanten der Bremer Philharmoniker, Christian Kötter-Lixfeld.

Zwar ist die Glocke ihr heimatlicher Konzertsaal. Doch ihren Sitz und Probenraum haben die Bremer Philharmoniker in Findorff-Bürgerweide. Dort gab Intendant Christian Kötter-Lixfeld beim „Findorffer Stadtgespräch“ mit Katrin Rabus Auskunft über Geschichte und Gegenwart des renommierten Orchesters – und erzählte von dessen schwerer Krise, die seit zehn Jahren überwunden sei.

Die Möglichkeit, bei den Bremer Philharmonikern beim Proben zuzuschauen, hat besonders viele Gäste zum diesmaligen „Findorffer Stadtgespräch“ gelockt. Am Hauptsitz des Orchesters, in der Plantage 13 in Findorff-Bürgerweide, übten die Musiker unter der Leitung von Markus Poschner für die Premiere von Brahms’ Erster Sinfonie in der Glocke. Im Anschluss an die Kostprobe gab Intendant Christian Kötter-Lixfeld im Gespräch mit Katrin Rabus einen exklusiven Blick hinter die Kulissen des renommierten Orchesters.

In den zurückliegenden zehn Jahren haben die Philharmoniker eine Art Renaissance erlebt. Die Zahl der Abonnenten habe sich verdreifacht, die Auslastung der Konzerte liege nun zwischen 80 und 90 Prozent, berichtete der Intendant. Zahlen, auf die viele andere philharmonische Orchester neidisch sein könnten. Allerdings können auch die Bremer Geschichten vom Besucherschwund erzählen. Die Krise traf das einstige „Bremer Philharmonische Staatsorchester“ mit mittlerweile fast 200-jähriger Historie früher als andere, nämlich gegen Ende der 90er-Jahre.

Es haperte bei der Vermittlung

Zu lange habe man sich damals nicht eingestanden, dass sich die Welt verändert hat, sagte Kötter-Lixfeld. „Die Zeiten, in denen es in bestimmten Kreisen völlig selbstverständlich war, ein Abonnement zu haben, sind vorbei, das Freizeitverhalten ist ein völlig anderes.“ Der heutige Intendant erinnert sich noch gut an die „gespenstische Stimmung“ in der halb leeren Glocke bei einem seiner Konzertbesuche um die Jahrtausendwende.

Kötter-Lixfeld stieg im Jahr 2002 ein. Da wurde dann der „Zählerstand auf Null gestellt“, das städtische Orchester mit Behördenstruktur in eine GmbH mit privater Mehrheitsbeteiligung umgewandelt – und es bekam seine Doppelspitze mit Generalmusikdirektor und Intendant. Dann machte man sich auf den Weg, sein Publikum zu suchen. Denn eines sei klar gewesen: Nicht das Produkt war das Problem, sondern dessen Vermittlung. „Die Klassik ist nicht in der Krise“, betonte der Intendant. Aus dem Kreis der Musikerinnen und Musiker selbst sei die Idee entstanden, aktiv Kinder und Jugendliche anzusprechen. Mittlerweile besuchten rund 15 000 davon im Jahr die Musikwerkstatt im Parterre, dürfen dort sämtliche Instrumente ausprobieren und sogar Geburtstage feiern. Für Leute von heute, die sich „nicht montags nach Feierabend in Schale werfen und ein zweieinhalbstündiges Konzert besuchen möchten“, wurden neue Formate ersonnen: Die Konzerte am Sonntagvormittag hätten sich mittlerweile zum „Blockbuster“ im Spielplan entwickelt, bei den „Afterwork-Konzerten“ mit dem Titel „5nachSechs“ freuen sich die Organisatoren immer wieder über die entspannte Stimmung. „Wir wollen möglichst viele Menschen erreichen“, sagt der Intendant. „ Sie sollen wissen: Wir sind Euer Orchester!“

An der Plantage 13 haben die Bremer Philharmoniker nicht nur einen Proberaum mit Tageslicht gefunden, in dem sich das Orchester in Glocke-Formation aufstellen kann, sondern auch Platz für Stimm- und Proberäume, Büros, Musikwerkstatt und das Archiv mit den kostbaren Noten-Schätzen. In Vermieterin Katrin Rabus haben sie außerdem einen aktiven Fan: Die Findorffer Galeristin, Kunst- und Kulturaktivistin hat im vergangenen Jahr den Freundeskreis „Prophil“ mit gegründet, der sich ideell und finanziell für die Bremer Philharmoniker einsetzt. Die Vereinsmitglieder werden mit exklusiven Einladungen belohnt. Auf rund 200 Mitglieder ist der Verein schon angewachsen, mindestens fünfmal so viele Musikfreundinnen und -freunde möchten die Initiatoren zusammenbekommen, erzählte Katrin Rabus beim „Stadtgespräch“. Bei den Gästen aus dem Stadtteil hatte der Abend Eindruck hinterlassen. Am Ende des Tages wurden die ausliegenden Spielpläne besonders intensiv studiert.

Die „Stadtgespräche in Findorff“ sind eine Veranstaltungsreihe der Initiative „Leben in Findorff“ in Kooperation mit diversen Partnern. Näheres im Internet: www.lebeninfindorff.de. Informationen zum Freundeskreis „Prophil“ finden sich unter der Adresse www.prophil.de.

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