Bremer Ehepaar will einen neuen Leitfaden für Flüchtlingshelfer schreiben und sucht dafür Experten Der Blick fürs Zwischenmenschliche

Bremen. Lilo Almstadt und Heinz Meyer haben ihre neuen Bekannten aus dem Übergangswohnheim nebenan zu Kaffee und Kuchen und zum Abendbrot eingeladen. Schon kurz vor der verabredeten Zeit sind sie mit allem fertig und warten gespannt auf ihre Gäste.
06.09.2016, 00:00
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Der Blick fürs Zwischenmenschliche
Von Kristin Hermann

Bremen. Lilo Almstadt und Heinz Meyer haben ihre neuen Bekannten aus dem Übergangswohnheim nebenan zu Kaffee und Kuchen und zum Abendbrot eingeladen. Schon kurz vor der verabredeten Zeit sind sie mit allem fertig und warten gespannt auf ihre Gäste. Doch es kommt keiner. Erst zwei Stunden später klingeln die Flüchtlinge an ihrer Tür. Das Paar ist pikiert, Unpünktlichkeit mögen sie eigentlich nicht. Für die Gäste aus Syrien ist die spätere Ankunft jedoch völlig normal – „da kommt jeder, wann er kann“, sagt Meyer. „Daran mussten wir uns erst mal gewöhnen.“

Das ist nur eine von vielen Situationen, die Almstadt und ihr Lebensgefährte bei ihrer Arbeit mit Geflüchteten erlebt haben – und aus denen sie gelernt haben, toleranter zu sein und offener gegenüber anderen Kulturen und Lebenseinstellungen. Die beiden Rentner wollen diese Erfahrungen nun in einem Buch festhalten. Es soll eine Art Leitfaden für Menschen werden, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren wollen. Ihr Arbeitstitel dafür: „Klaus-Dieter möchte Abdullah helfen“. Zwar gebe es schon gut recherchierte Broschüren, doch da käme das Zwischenmenschliche oft zu kurz. Von diesen Momenten, in denen manchmal zwei Welten aufeinanderprallen, haben Almstadt und Meyer mittlerweile einige erlebt. Vor etwa einem Jahr hielten es die 65-Jährige und der 63-Jährige nicht mehr aus, nur passiv auf der Couch zu liegen und die Bilder von Menschen auf der Flucht im Fernsehen zu beobachten. „Wir wollten einfach aktiv werden und helfen“, sagen sie. In ihre Arbeit im Übergangswohnheim Schiffbauerweg seien sie voller Elan hineingesprungen. „Wir haben dann aber auch einige Bauchlandungen gemacht“, sagt Almstadt.

Vor allem hätten sie gelernt, nicht immer eine so große Erwartungshaltung an die Flüchtlinge zu stellen. Meyer erzählt von einem Beispiel, als er mit Begeisterung Sprachunterricht geben wollte, sein Gegenüber sich darauf aber gar nicht konzentrieren konnte. „Er war noch viel zu traumatisiert von der Reise“, sagt Meyer. Gleichzeitig gibt es ganz viele schöne Situationen, die die beiden Autoren erlebt haben. Das Arbeitszimmer hängt voller bunter Bilder, die ihnen Kinder im Übergangswohnheim gemalt haben. Und sie haben quasi Familienzuwachs bekommen – einen syrischen Ziehsohn, der mit einigen Freunden sogar Weihnachten mit dem Paar verbracht hat.

Um ihre eigenen Erfahrungen aus der Praxis zu untermauern, haben die beiden Autoren mehrere Experteninterviews unter anderem mit Heimleitern, Psychologen und Beratern geführt. Außerdem sollen die Flüchtlinge selbst zu Wort kommen und berichten, mit welchen Erwartungen sie nach Deutschland gekommen sind und wie sie ihre Zeit hier erleben. Das Buch beinhaltet mehrere Kapitel, die verschiedene Themenaspekte in der Flüchtlingsarbeit aufgreifen, wie zum Beispiel Kinderbetreuung, Wohnungssuche oder den Umgang mit Flüchtlingen. Am Ende eines jeden Abschnitts verweisen die Autoren auf Organisationen und vertiefende Internetseiten.

Es ist nicht das erste Buchprojekt für die beiden. Almstadt und Meyer veröffentlichten als freie Autoren bereits zwei Single-Ratgeber und interkulturelle Kinderbücher, mit denen sie unter anderem in deutschen und österreichischen Bibliotheken und Schulen zu Lesungen eingeladen waren. Ihr neues Buch soll etwa 100 Seiten umfassen und bis Ende des Jahres fertig sein. Dann wollen sie Gespräche mit Verlagen führen. Sie hoffen, dass ihr Taschenbuch im Frühjahr 2017 erscheinen kann.

Lilo Almstadt und Heinz Meyer suchen weitere Gesprächspartner, die ihre Erfahrungen als Paten, Pflegeeltern, Vormünder oder Integrationslotsen für ihr Buch mit ihnen teilen. Das geht auch anonym. Interessierte können sich dafür unter der Handynummer 01 52 / 01 81 96 25 oder unter der E-Mail-Adresse liloalmstadt@arcor.de melden.
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