Stefan Botter erfasst Daten zur Gewitterortung

Der Blitzesammler

Bremen. Manche Menschen sammeln Briefmarken, Stefan Botter sammelt Blitze. In seinem Haus in Vegesack hat er eine Antennen-Anlage installiert, die europaweit Signale von elektrischen Entladungen in der Erdatmosphäre empfängt.
15.06.2014, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Der Blitzesammler
Von Christian Weth
Der Blitzesammler

Stefan Botter mit dem Herzstück seiner Anlage: Die Plexiglasplatte, auf der eine Platine und zwei unterarmlange Antennen montiert sind.

Christian Kosak

Manche Menschen sammeln Briefmarken, Stefan Botter sammelt Blitze. In seinem Haus in Vegesack hat er eine Antennen-Anlage installiert, die europaweit Signale von elektrischen Entladungen in der Erdatmosphäre empfängt. Seine Daten sendet der studierte Physiker an den Server eines globalen Netzwerkes, das Gewitter ortet und Blitze nahezu in Echtzeit auf einer Internetkarte sichtbar macht.

Stefan Botter sitzt auf der Terrasse und hat die Unwetter in Europa fest im Blick. Im Süden von Österreich blitzt es, im nördlichen Estland und westlichen Schweden auch. Gelbe Punkte leuchten auf dem Bildschirm seines Laptops auf. Sie markieren die elektrischen Entladungen in der Erdatmosphäre. Sie zeigen, wo gerade Blitze vom Himmel zucken. Und Botter hilft, dass sie auf einer Internetkarte eines globalen und nichtkommerziellen Netzwerkes sichtbar werden, von Vegesack aus, während er im Gartenstuhl sitzt.

Seit anderthalb Jahren gehört der studierte Physiker einer Gemeinschaft an, deren Mitglieder die gleichen Interessen haben. Technik fasziniert sie ebenso wie Naturphänomene. Sie wissen, wie Transistoren und Analog-Digital-Umwandler funktionieren. Und genauso enthusiastisch reden sie über Gewitter im Allgemeinen sowie Blitze im Besonderen. Botter, der Netzwerk-Manager von Beruf ist, sammelt sie. So sagt er es.

Streng genommen empfängt er nur den elektromagnetischen Impuls, der entsteht, wenn sich mehrere Millionen Volt entladen. Das Signal kommt bei dem 42-jährigen Hobby-Wetterkundler in einem kleinen Raum direkt unterm Dach seines Hauses an, gleich neben dem Ehebett. Dort liegt das Herzstück der Blitztechnik: eine Plexiglasplatte, auf der eine Platine und zwei unterarmlange Antennen befestigt sind. Botter: „Das ist schon alles.“

Im Grunde, sagt er, brauche man nur ein Transistorradio von früher, um den Impuls wahrzunehmen. „Dann knackt es.“ Nur dass mit einem alten Radio nicht zu unterscheiden ist, ob das Signal von einem Blitz oder einer elektrischen Störung herrührt. Dazu zählt Botter den im Nachbarhaus eingeschalteten Küchenmixer oder den Funkenschlag an einer Oberleitung der Straßenbahn. Auch diese Impulse empfangen seine Antennen. Hauptsächlich sind sie aber auf eine Frequenz eingestellt, auf der Blitze besonders häufig funken, im Bereich von zehn bis zwölf Kilohertz.

Die analogen Signale, die Botters Antennen empfangen, werden eine Etage tiefer digitalisiert. Dort hat er sich ein Büro eingerichtet, das wie die Schaltzentrale eines Rechenzentrums ausschaut. Vier Monitore stehen nebeneinander auf dem Schreibtisch, drei Tastaturen und ebenso viele Mäuse liegen davor. Auf dem Boden reihen sich noch mal so viele Rechner. Einer ist immer an, um die Daten rund um die Uhr zum Server des Netzwerks der Gewitterortung zu senden.

Das geschieht in Mikrosekundenschnelle. Die Technik der Blitzesammler nutzt das Zeitsignal von GPS-Satelliten. Das hat mehrere Gründe. Zum einen will das Netzwerk auf seinen Karten im Internet die elektrischen Entladungen nahezu in Echtzeit sichtbar machen: Die Punkte auf dem Bildschirm sollen aufleuchten, bevor es im Unwettergebiet donnert. Zum anderen ist eine hohe Geschwindigkeit bei der Datenerfassung wichtig, um Blitze als Blitze identifizieren und ihren Ort bestimmen zu können.

Mehrere Anlagen notwendig

Botters Station allein reicht dazu nicht aus. „Es sind immer mehrere Anlagen notwendig, um einen Blitz zu lokalisieren“, sagt er. Nach den Kriterien des Gewitter-Netzwerkes ist ein elektromagnetischer Impuls von sechs Stationen zu bestätigen, ehe der Blitz als solcher erkannt wird. Und erst bei sechs Bestätigungen ist er mittels der unterschiedlichen Empfangszeiten der Antennen exakt zu orten. Weltweit sind rund 1000 Stationen in das Netzwerk eingeklinkt. In Deutschland sollen es ein paar Dutzend sein.

In wie vielen Fällen seine Anlage geholfen hat, einen Blitz zu lokalisieren, kann Botter nur schätzen. „Rund 20 Millionen Signale hat die Station im vergangenen Jahr empfangen. Etwa ein Drittel davon waren Blitze.“ Und zwar in ganz Europa. Seine Anlage hat eine Reichweite von bis zu 3000 Kilometer. „Da dürften auch einige Gewitter in der Türkei dabei gewesen sein.“ Kracht und donnert es hingegen direkt über seinem Haus, schaltet die Blitztechnik automatisch ab, weil sie zu viele Signale auf einmal empfängt.

Warum er sich den Blitzesammlern angeschlossen hat, erklärt der Vegesacker mit seinem Faible fürs Teilen von Daten: „Das bringt der Beruf als Netzwerk-Manager so mit sich.“ Und wie andere Menschen will auch er bei einer Radtour tunlichst trocken bleiben. Erst am Pfingstwochenende hat ihm die Gewitterortung im Internet wieder dabei geholfen. Als die Blitze über dem Ruhrgebiet zu sehen waren, hat er im Kopf überschlagen, wann sie in Bremen sein werden: in drei Stunden. Kurz vor dem ersten Donnern war er mit dem Fahrrad zurück.

Die Gewitterkarten sind im Internet unter www.blitzortung.org und www.lightningmaps.org zu finden.

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