Künstler und Fotograf Phil Porter

Ein Schöngeist mit Tiefgang

Phil Porter macht mehr als nur Fotos. In seinem Atelier hat er mit dem Salon Obscura ein Kunstwerk geschaffen, mit La Rebelión feiert er regelmäßig Maskenbälle. Wer ist der Mann mit den vielen Gesichtern?
16.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Schöngeist mit Tiefgang
Von Jean-Pierre Fellmer
Ein Schöngeist mit Tiefgang

Phil Porter ist Fotograf und Künstler mit vielen Gesichtern.

Soul Chasing Photography

Phil Porter schnippt einmal mit den Fingern. Vor fünf Sekunden spielte er noch mehrere Rollen – einen Portier, einen Pagen, eine Empfangsdame. Jetzt ist er wieder er selbst, was immer das auch heißt. Trickbetrüger, Bildpoet und Hedonist nennt er sich, er ist auch Fotograf, Schauspieler und Autor. Ein Begriff trifft es allerdings besser als die anderen: Phil Porter ist Künstler.

Wer den schweren Vorhang zu Porters „Basilika“ im Viertel zur Seite schiebt und die Pforte durchschreitet, betritt eine andere Welt. Seit Mai empfangen der Fotograf und sein Team Gäste im „Salon Obscura“, einer Fotoausstellung im Stil eines Hotels. Ein ominöser Ort in rotem Licht, Schlüssel hängen von der Decke, zwischen ihnen wabern Rauchschwaden. Porters Fotografien sind surreal, teils obszön, aber in jedem Fall kunstvoll. Dabei ist die Ausstellung selbst ein Kunstwerk. „Es ist auch ein Dienst an der Gesellschaft“, sagt Porter. Das klingt ein bisschen heroisch, dessen ist er sich selbst bewusst.

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„Kunst wird häufig trocken präsentiert“, sagt der Fotograf. „So kann man keine Begeisterung wecken. Ich will, dass jeder einen Zugang zur Kunst findet.“ Während Porter in seinem Büro über Kreativität spricht, klingt Frank Sinatras Stimme aus den Lautsprechern im Hintergrund: „Fly me to the moon,
Let me play among the stars.“ Porter sagt, nur wenige würden ihre eigene Kreativität erkennen. Dabei sei das ein wichtiger Schritt zum Selbstbewusstsein und Wohlfühlen.

Eigentlich wollte Porter gar nicht Fotograf werden. „Ich wollte kreativ sein. Wie ich das mache, war mir damals egal.“ Nach der Schulzeit hat er auf Wunsch seiner Eltern eine Ausbildung gemacht und Mediengestaltung in Herford gelernt. „Aber auf keinen Fall wollte ich in den Agenturalltag.“ So hat er sich als Fotograf in Bremen selbstständig gemacht, eine Notlösung, wie er selbst sagt. Sein Geld hat er mit Hochzeitsbildern und Porträtfotografie verdient, gleichzeitig konnte er gestalten und seine Ideen verwirklichen. Er eröffnete sein erstes Atelier, zog mehrfach in größere Räume und landete vor vier Jahren in der Basilika.

Das Atelier als erweitertes Kinderzimmer

Porter entdeckte bereits früh seine Kreativität, er habe schon in jungen Jahren gemalt und Texte geschrieben. „Alle paar Monate habe ich mein Kinderzimmer umgestaltet.“ Mal als Fernsehstudio, mal als Laufsteg, sagt er. Heute ist das nicht anders, sein Atelier ist im Prinzip sein erweitertes Kinderzimmer. Ursprünglich wollte er Schauspieler werden, auch diesen Wunsch hat er sich erfüllt. Mit seiner Partyreihe „La Rebelión“ bringt er regelmäßig einen ruch- und lustvollen Maskenball mit Stilelementen der 1920er- und 30er-Jahre in das Park Hotel. Mit Jazz, Burlesque, handverlesenen Zigarren und allem, was dazu gehört. „Das ist keine Reminiszenz, wir spielen nur mit Klischees und übertragen sie in die Neuzeit.“ Die Party habe damals klein angefangen und wurde immer größer. Wegen Corona fallen die geplanten Termine zwar aus, die Leute geben ihre ­Tickets nicht zurück. Für Porter ist das ein gutes Zeichen.

Porter spricht schnell, mit lebendiger Stimme, er scherzt viel. Welche seiner Worte nur Spaß und welche wirklich sind, ist nicht immer klar. „Wäre ich eine Märchenfigur, wäre ich Peter Pan“, sagt er und schiebt mit einem Lachen hinterher: „Im Anzug.“ Schon in der Schulzeit habe er Anzüge getragen und dafür auch Prügel einstecken müssen, auch die Lehrer seien nicht auf seiner Seite gewesen. Auf einmal spricht Porter langsamer, er macht längere Pausen. Die Zeit sei für ihn nicht leicht gewesen, er hätte gut auf die Ablehnung verzichten können.

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Dennoch sei er an ihr gewachsen. „Durch die Probleme in der Schulzeit konnte ich schnell für mich abstecken, wer ich sein möchte und was ich der Welt geben kann“, sagt er. Die Vorliebe für den feinen Stoff ist geblieben: Während Porter davon erzählt, trägt er einen hellvioletten Anzug und eine gemusterte gelbe Krawatte. Der Bart ist gepflegt, das Haar elegant zur Seite frisiert. Auf seinem Hals das Tattoo einer roter Rose. Porter fühlt sich nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera wohl.

Als schillernden Salonlöwe beschrieben ihn die Medien oft. Wer die Texte auf seiner Internetseite liest, lernt eine stille, melancholische Seite von ihm kennen. Ein Hedonist mit Tiefgang. Er engagiert sich etwa für den afghanischen Frauenverein, der Schulen und Brunnen im südasiatischen Staat baut. Aufmerksam geworden ist er über den verstorbenen Autor Roger Willemsen, der sich für den Verein eingesetzt hat. Sein Wunsch ist es, später etwa nach Kabul zu fahren und über das Leben jenseits des Krieges und der Bomben zu berichten, in Bild und Wort.

Was die Menschen miteinander verbindet

„Auch dort muss es wunderschöne Nächte geben. Die Feiern, die Musik, den Alltag – das möchte ich sichtbar machen.“ Er will zeigen, was die Menschen miteinander verbindet, nicht nur was sie trennt. „Auch der Mann mit Turban habe eine Familie, ist ein Mensch“, sagt er, auch wenn manche Leute etwas anderes behaupteten. „Es fehlt das Verständnis, dieses Verständnis möchte ich schaffen.“

Auf die Frage, wie alt er ist, antwortet Porter: „Ich bin seit vielen Jahren 29.“ Auch auf Nachfrage verrät er sein Alter nicht. „Weil es nichts bedeutet.“ Viele seiner jungen Praktikantinnen und Praktikanten hätten so viel mehr von der Welt verstanden als manch alter Mensch. Neulich sei er mit seinem Freund händchenhaltend durch die Innenstadt spaziert, zwei Erwachsene hätten ihn absichtlich angehustet und mit Kotzgeräuschen verabschiedet. Oft erlebten sein Team und er wegen seiner Arbeit und seiner Sexualität Anfeindungen. Man müsse dagegen halten, dafür sorgen, dass dies kein Selbstläufer werde.

Porter ist ein Mann mit vielen Gesichtern. Die Leute sagen laut Porter manchmal, er sei ein Selbstdarsteller. „Wer ist das denn nicht?“, fragt er. „Wer raucht zum Beispiel nicht mit großer Geste? Er sehe das ständig auf der Straße, das ­mache jeder. „Ich habe nur die schöneren Klamotten an“, sagt Porter. „Mir macht das Spaß, ich habe Lust zu spielen.“ Das glaubt man ihm sofort.

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