Physik zum Basteln

Wie ein Bremer mechanische Skulpturen aus Papier erschafft

Kannste knicken. Walter Ruffler aus dem Fesenfeld erschafft mechanische Skulpturen, die kleine und große Bastler ausschneiden und selbst zusammenbauen müssen: Physik zum gerne Lernen und Lachen.
19.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie ein Bremer mechanische Skulpturen aus Papier erschafft
Von Justus Randt
Wie ein Bremer mechanische Skulpturen aus Papier erschafft

Walter Ruffler umgeben von Papiermodellen. Viele stammen aus seiner Feder, manche sind das Werk internationaler Schnittbogen-Großmeister.

Frank Thomas Koch

Seine Kunst setzt etwas in Bewegung: Walter Ruffler arbeitet nicht nur mit Farbe, Leinwand, Beton und Ton, sondern vor allem mit Papier. Seine Werke sind von Pappe und zugleich anspruchsvoll, mechanische Skulpturen aus 160 oder 170 Gramm pro Quadratmeter schwerem Karton. „Damit können Sie auch Physikunterricht machen“, sagt der 70-Jährige aus dem Fesenfeld. Oder einfach Spaß daran haben und etwas dabei lernen.

Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen: Jedes Objekt ist zunächst einmal ein Ausschneidebogen. „Feuer-Drache“, „Gegen den Wind“, „Bremer Stadtmusikanten“ und andere werden erst unter den Händen kleiner und großer Bastler zu funktionsfähigen Modellen mit beweglicher Mechanik. Sofern jemand umgehen kann mit Schere, Messer, Lineal und Klebstoff, mit Faden und Falzbein.

Besuch im Papiermaschinen Atelier von Walter Ruffler

„Offroad“ in drei Entwicklungsstadien. Vor mehr als 20 Jahren hat Walter Ruffler den Entwurf (links) geschaffen. Der blaue Integralhelm in Version zwei gefiel ihm am Ende nicht. Die aktuelle Fassung der Papiermaschine ist inzwischen eines seiner Standardmodelle.

Foto: Frank Thomas Koch

Der Schnittbogenschöpfer hat wahrlich den Kniff raus, wie man kleine Apparaturen konstruiert. Als Ausnahme hat Walter Ruffler einmal auch ein zehnmal so großes Modell entworfen: Als er längst über die Grenzen Bremens hinaus bekannt war, beteiligte er sich an der Ausstellung „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“ des Bremer Übersee-Museums. „Außer der Modelle in den Vitrinen waren einige überdimensionale Maschinen zu sehen, die draußen auf Sockeln standen und auch benutzt werden sollten. Jeden Tag waren bis zu 600 Schüler in der Ausstellung. Da war meine Wellpapp-Antriebskurbel ruckzuck durch und musste mit Holz verstärkt werden.“ Das Ausstellungsstück hieß „Stürmische See“.

Das Original ist, wie die meisten anderen, rund 25 Zentimeter hoch und gehört noch immer zum Standardrepertoire des Papierkünstlers, der das Objekt in nüchterner Klappentextprosa so beschreibt: „Das Boot stürzt in ein Wellental, droht zu versinken, fängt sich wieder und schwimmt oben auf. Den Bootsmann reißt es bei der Talfahrt aus der Hocke, während die Lachmöwe ungerührt auf dem Steven hockt.“ Angetrieben wird das kabbelige Szenario durch eine – selbstverständlich papierne – Scheibe, die von einer Minihandkurbel bewegt wird. Dafür hat Ruffler früher Zahnstocher benutzt. „Aber das ist viel zu fitzelig.“

Sich der Kunst widmen

An das Studium der Philosophie und der Theologie hat der Wahlbremer Germanistik und Politologie auf Lehramt drangehängt und lange in einer gewerkschaftlichen Weiterbildungseinrichtung unterrichtet – unter anderem technisches Zeichnen als Basis zum Bau mechanischer Objekte. 2004 hat er seinen erlernten Beruf aufgegeben, um sich der Kunst widmen zu können. „Die letzten Jahre vor der Rente war ich freischaffender Künstler“, erzählt er und schiebt wie nebensächlich nach: „Das lief weltweit sehr gut.“ Die Szene der Papiermaschinenbauer ist nicht allzu groß, und Ruffler fand sich schnell in sachkundiger Gesellschaft wieder. Seine Ausschneidebogen haben es in Museumsläden in London, Lissabon und Tokio geschafft. Und ins Bremer Hafenmuseum. Den Papiermodellladen GAG im Schnoor beliefert Ruffler, seit er dort vor rund 20 Jahren sein erstes Modell präsentiert hat.

Am Beispiel dieses Erstlings namens „Offroad“ stellt das New Yorker „Automata Magazine“ die Arbeit des Bremers in seiner Online-Ausgabe für Mai und Juni vor. „Entstanden ist Offroad, weil mein Freund Paul, der gerne mit dem Motorrad querfeldein fährt, Geburtstag hatte”, verrät Ruffler dem WESER-KURIER. Längst ist der Bausatz auch im Londoner „Cabaret Mechanical Theatre“ für mechanische figürliche Kunst in Covent Garden zu haben. Auch hier bringt ein Kurbelgleiter das Objekt auf Trab.

Besuch im Papiermaschinen Atelier von Walter Ruffler

"Stürmische See": Walter Ruffler schickt den Bootsmann auf einen Höllenritt ins papierne Wellental – unter den Augen der mitschwimmenden Lachmöwe.

Foto: Frank Thomas Koch

Die elliptische Bewegung lässt das Motorrad atemberaubende Sprünge im papiernen Gelände vollführen, wahlweise samt Fahrer, Fahrerin oder mit Sozius, die es aus dem Sattel hebt. Das ist nicht nur witzig, sondern ein echter Hingucker – wie die drei „Wimbledon“-Zuschauer, deren Köpfe sich im Takt imaginärer Ballwechsel hin- und herdrehen. Oder deren Variante „Piratenbraut”, die zwischen zwei finster dreinblickenden Seebären sitzt und sie abwechselnd ansieht, wenn man kurbelt. „Diskontinuierliche Bewegung“ nennt Ruffler das. „Die Kopfbewegungen werden durch Nocken gesteuert, je nachdem wie man sie einstellt, hat man eine ganz andere Geschichte.“

Und Geschichten sollen die mechanischen Skulpturen alle erzählen. Mal ist die Übersetzung ein Reibradantrieb, mal ein Kurbelgleiter. „Hier habe ich Figuren gesucht, um den Antrieb vorzuführen“, sagt Ruffler, „Oft ist es auch umgekehrt.“ Zum Beispiel im Fall des japanischen Eiskunstläufers Nobunari Oda. Der hatte als Geschenk für einen seiner Söhne ein Familien-Papierpanorama in Auftrag geben. Samt Tiger und Kaninchen – und beweglich, selbstverständlich. Und dann gibt es beispielsweise noch das sandmotorbetriebene Modell der Wassermühle in Barrien; eine Auftragsarbeit, die seinen Umsatz im Kreis Diepholz ankurbelte: Die Kirchengemeinde orderte einen Schnittbogen ihres Gotteshauses.

„Dreieck besteht, Viereck vergeht"

Wann seine Leidenschaft geweckt wurde, weiß der Kartonkünstler heute noch genau: „Als Kind habe ich Wilhelmshavener Modellbaubogen gehabt.“ Dabei ging es viel um Kriegsschiffe, „aber ich habe mich vertraut gemacht mit der Bearbeitungstechnik des Papiers“. Was es dazu zu sagen gibt? „Dreieck besteht, Viereck vergeht, das ist eine alte Gerüstbauerweisheit“, sagt Ruffler, sie passe aber auch auf die Knick- und Falztechnik. „Das Geheimnis der Festigkeit ist der Knick.“

Rufflers Arbeit findet große Anerkennung – auch unter Kollegen. Eine ziemlich genaue Kopie der „Stürmischen See“ werde beispielsweise in einem Museumsshop in Lissabon verkauft, unter dem Namen eines berühmten Entdeckers. Ein Bekannter machte Ruffler darauf aufmerksam, und der hat sich inzwischen mit dem Nachbauer geeinigt. Und dann gibt es noch das taiwanesische Unternehmen, das anfragte, ob es die Papiermaschinen in Lizenz als Holzbausatz nachbauen dürfe. So fährt der Weihnachtsmann aus „Stille Nacht“ inzwischen auf einem Holzmotorrad. Ruffler aber hält fest am Papier – und dem Trick mit dem Knick.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+