Erntezeit

Der Bremer Weinberg ruft

Erden. Die Trauben im Eimer verraten viel: Sie sind klein, manche verschrumpelt. Eine magere Ausbeute was die Menge betrifft - doch mit der Qualität kann der Ratskeller noch was machen - er hat den Weinberg an der Mosel gepachtet und wartet nun auf die Ernte.
24.10.2010, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Der Bremer Weinberg ruft
Von Jürgen Hinrichs
Der Bremer Weinberg ruft

Eini Schnitt und die Trauben sind ab: Eva Berres bei der Arbeit im Bremer Weinberg hoch über der Mosel

Jürgen Hinrichs

Erden. Die Trauben im Eimer verraten viel: Sie sind klein, manche verschrumpelt. Eine magere Ausbeute was die Menge betrifft - doch mit der Qualität kann der Ratskeller noch was machen - er hat den Weinberg an der Mosel gepachtet und wartet nun auf die Ernte.

Mittags rein in den Berg und am Nachmittag schon wieder raus, länger brauchen die Helfer nicht, drei Stunden vielleicht, und die Arbeit ist getan. Doch noch geht's immer wieder den steilen Hang hinauf, hinauf und wieder hinunter, was gar nicht so einfach ist, denn der Boden - eine Mischung aus Schiefer, Erde, Gras und Traubenresten - ist glitschig. Feuchtigkeit und Fäulnis, dann wieder ein Wind, blöd, dass er aus Osten kommt, das zehrt die Trauben aus und macht die Haut dünn, was wieder die Fäulnis begünstigt - ach, es ist schwierig in diesem Jahr.

Eva und Marion sind am Berg ein festes Gespann. Sie schneiden und schwatzen und schwatzen und schneiden. Irgendetwas gibt?s ja immer, was die andere noch nicht weiß, und herrje, wär? doch öde, so stumm und stumpf vor sich hin zu arbeiten.

Eva, 22 Jahre, ist Studentin, sie hat sich in den Winzer verliebt und hilft ihm jetzt, klar, tut sie das. 'Mit der Zeit geht?s auf die Beine', sagt sie und stemmt sich gegen den Hang. Wirklich anstrengend findet Eva die Arbeit aber nicht, dafür macht es ihr viel zu viel Spaß, mit den anderen herumzublödeln und nach Feierabend zu wissen, dass sie was geschafft haben.

Einbußen von 60 Prozent

Nur, dass es in diesem Jahr wirklich wenig ist, was die Helfer vom Hang holen. Die Einbußen liegen bei 60 Prozent, schätzt der Winzer. Er müsste zerknirscht sein deswegen, aber nichts davon, Stefan Lotz lächelt sogar, und was bleibt ihm auch anderes übrig? Weinbau ist Landwirtschaft, naturgebunden und wetterabhängig. Wer heute Pech hat, hat morgen vielleicht wieder Glück, und was heißt schon Pech, wenn man Glück daraus machen kann?

Zunächst aber muss die Ernte rein. Eva, Marion und die anderen sind so gut wie fertig, sie blicken auf, schauen zur Mosel hin und nach Erden, wo der Winzer seinen Hof hat und einige der Helfer zu Hause sind. Marion nimmt endlich die Kapuze ab und lässt ihren eingesperrten Kopf frei.

Die 27-Jährige ist Arzthelferin und hat Kinder zu Hause, jedes Jahr, wenn Ernte ist, nimmt sie Urlaub. 'Man freut sich drauf', sagt sie, 'ich kenn? das nicht anders.' Von Kind auf im Weinberg, das schult den Blick: 'Die Stiele sind in diesem Jahr ungewöhnlich dünn, kein Wunder, dass so viele Trauben am Boden liegen.' Aufheben und in den Eimer damit? Kommt drauf an, erklärt Marion, halb verrottet sollte man sie besser liegen lassen, sonst merkt man?s später am Geschmack des Weins.

Einer der Männer lässt den Trecker an, das Gefährt ist winzig klein, ein Deutz, Baujahr ?59, 21 PS, und gerade richtig für die Arbeit im Weinberg. Hinten dran ist eine Stahlwinde befestigt, es rattert und quietscht, als die Wannen mit Weintrauben hochgezogen werden. Dann wird der kleine Hänger beladen, eine Fuhre runter nach Erden, wo die Winzer Tür an Tür wohnen und bald jeder der 400 Einwohner irgendetwas mit Weinbau zu tun hat.

Trauben für 300 Liter Wein

Das sind sie jetzt, die Trauben vom Bremer Weinberg, der Ertrag von 680 Rebstöcken, die sich am Hang auf eine Fläche von 850 Quadratmetern verteilen. So übern Daumen, meint der Winzer, könnten 300 Liter Wein herauskommen. Er wird das gleich sehen, so übern Daumen, denn nun werden die Trauben im Keller zunächst gemahlen und danach sanft mit einem geblähten Tuch gegen Metallschlitze gepresst. Es rauscht oder tropft, je nachdem, welcher Modus im Presskorb gerade dran ist. Es ist also mal mehr und mal weniger, und im Ganzen nicht viel: 300 Liter, könnte hinkommen.

Eine homöopathische Menge, die im Bremer Ratskeller gerade mal für einen Abend reicht oder für zwei. Doch das ist auch nicht die Idee dabei, ganz selten, dass der Wein in den freien Verkauf kommt. Er ist mehr ein Werbeträger. Wein, der verköstigt wird und weniger getrunken: Schnuppern und schmecken, das Aroma spüren, die Säure und Süße, das Wechselspiel. Den Gästen schenkt man dabei eine der edelsten Rieslingsorten ins Glas: das Erdener Treppchen, hochgerühmt für seine Komplexität und Finesse, ein leichter Wein, der mehr beschwingt, als dass er müde macht.

Man goutiert den Wein und bekommt auch noch eine Geschichte mitgeliefert: den eigentlichen Grund, warum Bremen an der Mosel einen Weinberg besitzt. Am besten erzählen kann das der Winzer Stefan Justen, er hat in seinen Weinkeller eingeladen, einem jahrhundertealten Gewölbe unter seinem Hof in Erden. Justen trägt einen großen Namen in der Branche, den überwiegenden Teil seiner Weine exportiert er in die ganze Welt, bevorzugt in die USA und nach Japan, wo der Riesling seit einigen Jahren geradezu vergöttert wird.

"Wir hatten kein Geld mehr"

Justen berichtet von archäologischen Funden, davon, wie in den Erdener Weinbergen römische Kelteranlagen entdeckt wurden, erst die eine - das war schon ein Glück, und alle im Dorf waren einverstanden, sie mit viel Geld zu erhalten. Und dann die andere, noch älter, aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., was noch ein größeres Glück war. Und ein Problem.

'Wir hatten kein Geld mehr', sagt Justen. Unmöglich, auch noch die zweite Anlage restaurieren zu lassen. Was also tun? Einfach wieder zuschütten?

'Ja, und dann hab' ich halt den Herrn Krötz angesprochen', erzählt der Winzer in seinem schummrigen Keller, und der Herr Krötz, der sitzt jetzt direkt neben ihm. Karl-Josef Krötz, Ratskellermeister von Bremen. Er ist an diesem Tag in Erden, seine Ernte begutachten.

Zum Lachen in den Keller

Sie haben damals einen Pakt besiegelt: Bremen pachtet den Weinberg und nimmt zu einem Festpreis jede Flasche Wein ab, die aus den Reben gewonnen wird. Bremen vermarktet den Wein außerdem und trägt so zum Ruhm der Erdener Weinlagen bei. 'Eine große Ehre und Auszeichnung', schwärmt Justen. 'Unbezahlbar!' Denn was der Bremer Ratskeller empfehle, habe Gewicht in der Weingemeinde, 'wir werden von der ältesten und renommiertesten Weinhandlung vermarktet.'

Karl-Josef Krötz schaut nur und hört zu, zwischendurch unterhält er sich mit einer jungen Frau, sie lachen. Zum Lachen in den Keller.

Die Erdener also mit den Bremern verbändelt, so weit hat Justen das erzählt. Aber was hat das mit den Römern und ihren Hinterlassenschaften zu tun? Ganz einfach: 'Der gesamte Erlös des Weinbergs geht in den Erhalt der Kelteranlage.' Sie wird demnächst überdacht, das ist der erste Schritt. Später sollen Führungen organisiert werden, auf den Spuren der römischen Weinbauwirtschaft.

Die junge Frau neben Krötz - sie schlürft. Freya Fiedler lässt den weißen Wein durch ihren Mund kullern, und wenn es nicht in dieser Umgebung wäre, in einem Weinkeller und unter Weinkennern - man müsste sich wundern. So aber passt es ins Bild, die anderen schlürfen ja auch, sie spalten den Wein in seine Bestandteile auf, öffnen ihn mit Sauerstoff und schlucken erst dann.

Königin mit Diadem und Kette

Freya Fiedler hat dieses Prozedere schnell begriffen, sie geht bei einem benachbarten Winzer in die Lehre, eine Zugereiste, und doch schon nicht mehr irgendwer in Erden. Freya ist vor drei Wochen zur Weinkönigin gekürt worden, sie trägt die Kette und das Diadem.

Eine von hier, denkt man, mit Wein im Blut, aber weit gefehlt. 'Ich komme aus Wremen', sagt sie. Wremen an der Weser. In Bremerhaven vor zwei Jahren noch zum Gymnasium gegangen, und nun Weinkönigin an der Mosel. Wie das kam, mit dem Wein und der Winzerei? 'Eine Bauchentscheidung', sagt Freya, 'ich wollte irgendetwas mit den Händen machen.' Nun hat sie Gelegenheit dazu, mehr wahrscheinlich, als ihr lieb ist. Erntezeit, das heißt Arbeit rund um die Uhr.

Auch Stefan Justen drängt es jetzt zurück zu seinen Fässern. Einmal schenkt er aber noch nach und spricht dabei ein Thema an, das an der Mosel in aller Munde ist: Der Ertrag und die Qualität der Trauben, die Schrumpelware am Bremer Weinberg und überall an den steilen Hängen. 'So lange mein Vater das hier gemacht hat und so lange ich das mache, hat es noch nie so ein schwieriges Jahr gegeben', sagt der Winzer. Er klagt nicht, der Ton ganz ruhig, mehr nüchtern, eine Feststellung und zuletzt nur ein Wort: 'Erschreckend.'

Angst vor Plörre

Die Trauben sind fast nur noch Fruchtkerne, süß und sauer zugleich. Eine Kunst, daraus trockenen Wein herzustellen. Er soll ja nicht sauer sein und auch nicht süß, also wird mit Tricks gearbeitet, mit Kalk zum Beispiel, der die Säure dämpft. Zu viel davon, und alles ist kaputt, 'dann ist der Wein breit und lasch', sagt Justen. Keine feinen Nuancen mehr, kein Pfiff - nur noch Plörre.

Die Winzer sind wie Alchimisten in diesen Tagen, sie müssen Geschick beweisen, die hohe Kellerkunst. Stefan Justen muss das tun, jetzt noch, kurz vor Mitternacht, die Gläser beiseite. Und Stefan Lotz tut?s genauso. Die Trauben vom Bremer Weinberg hat er zu Most verarbeitet, einem enorm intensiven Saft, der schon den Mund füllt, wenn man nur einen kleinen Schluck nimmt.

Der Most kommt in einen Stahltank, dort beruhigt er sich und wird seine Schwebstoffe los. Danach die Gärung: Fruchtzucker verwandelt sich in Alkohol. 14 Tage dauert das, bevor der Wein noch mal für einige Zeit in Ruhe gelassen wird, um es schließlich bis zur Trinkreife geschafft zu haben.

Die Säure tanzt

Trocken soll das Treppchen nicht sein, nicht für die Bremer, die wollen den Tropfen anders, mit einer schönen Restsüße, und darum hat Lotz nicht das Problem, das sein Kollege Justen hat. Die Säure hält er in Schach und nimmt sie als Korsett für Qualität und Langlebigkeit des Weins. Die Säure bricht die Süße, tilgt sie aber nicht. Die Säure tanzt, könnte man sagen, tritt aber niemandem auf die Füße.

Das ist die Aufgabe, Lotz sagt es so: 'Eine kleine Menge so zu verarbeiten, dass sie edel hervorsticht.' Wenn?s gelingt, und die Voraussetzungen sind gut, weil der Most selten so hoch konzentriert war wie in diesem Jahr, dürfte der Bremer Ratskeller bald eine Rarität mehr in seiner Sammlung haben. Das Erdener Treppchen, ein Aufstieg zu höchstem Weingenuss.

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