Zehn Quadratmeter Bremen Der Bücherretter

In dieser Ausgabe von "Zehn Quadratmeter Bremen" geht es um Thomas Steinle. Der 35-Jährige arbeitet im Notfallraum für wassergeschädigte Bücher und Zeitschriften der Unibibliothek.
25.07.2016, 00:00
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Von Kristina Bellach

In dieser Ausgabe von "Zehn Quadratmeter Bremen" geht es um Thomas Steinle. Der 35-Jährige arbeitet im Notfallraum für wassergeschädigte Bücher und Zeitschriften der Unibibliothek.

Routiniert greift Thomas Steinle die Folienrolle, zieht mit beiden Händen ein Stück heraus und platziert das blau eingebundene Buch darauf. Mit zwei Drehungen ist es fest in Klarsichtfolie verpackt. Was übersteht, schneidet Steinle mit einem Teppichmesser ab und schlägt auch diesen Rest sowie die Ecken akkurat ein. Fertig. Nur: Steinle verpackt kein Geschenk. Er behandelt im Notfallraum für wassergeschädigte Bücher und Zeitschriften der Unibibliothek ein Notfallbuch.

„JUR 2002, Gesetz- und Verordnungsblatt Rheinland-Pfalz“ ist das letzte von 450 Büchern, das der Buchrestaurator verarzten muss. Auf dem robusten Bibliothekseinband des Wälzers haben sich dicke Blasen gebildet, die Seiten sind gerahmt von einem unansehnlichen Wasserrand, der sich bis zum Buchrücken hinzieht.

„Ein bisschen stockte mir das Herz“, beschreibt Christiane Wischmann, Leiterin der Restaurationswerkstatt, ihre erste Reaktion auf das Drama, das sich nach einem Stark­regen abspielte: Wasser tropfte plötzlich durch das Flachdach der Fachbibliothek Rechtswissenschaften, genau auf die Bücherregale. Alles musste unverzüglich geräumt und körbeweise zum Trocknen abtransportiert werden. Die Bibliothek hatte Glück im Unglück: „Es passierte an einem Wochentag vormittags und wurde sofort bemerkt“, berichtet Steinle. „Da muss man schnell reagieren. Nach 24 bis 48 Stunden kann es schon zu spät sein und das Buch fängt an zu schimmeln.“

Zwei Ventilatoren sorgen für das nötige Lüften

Nach dem ersten Adrenalinstoß setzte Routine ein: „Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir durch das Material im Notfallraum ganz gut vorbereitet sind“, verdeutlicht Wischmann. Also stellten viele Helfer die nassen Werke mit aufgefächerten Seiten zum Trocknen hin. Zwei Ventilatoren sorgen für das nötige Lüften. Graue Pappen, die aufgetürmt in den Ecken des Raumes lagern, absorbieren im passenden Format zwischen den Seiten zusätzlich Feuchtigkeit.

Anders ist es, wenn ein Buch komplett klitschnass ist: „Dann hat man schlechte Chancen zum Trocknen“, erklärt Steinle. Für diesen Fall steht in dem kleinen Raum eine Gefriertruhe, in die man die Schriften, wie eben die in Folie verpackten durchweichten Gesetzestexte, einfrieren kann. „Das gibt uns Zeit zum Überlegen, wie wir weiter vorgehen“, erläutert der 35-Jährige. Vor allem Kostenfragen können nun geklärt werden. Beispiel: die Gesetzesblätter. „Die sind stark geschädigt, da fragt man sich: Lohnt sich das überhaupt, die zu erhalten?“ Zudem seien sie kein wertvoller Altbestand. Dennoch entschlossen sich Steinle und seine Kollegen, die Wälzer zu retten: „Sie sind ziemlich schwer zu beschaffen.“

Der Notfallraum im Erdgeschoss der Bibliothek gleicht ein bisschen dem Behandlungszimmer eines Arztes – wenn man von der geringen Größe und dem aparten olivgrünen Teppich samt gleichfarbiger Tür absieht. An einem Stehtisch liegt alles parat, was Steinle für seine Arbeit benötigt. Neben dem Teppichmesser ein kleines Skalpell, in Alukisten unter dem Tisch, die man im Notfall auf Rollen durch die Bibliothek schieben kann, finden sich Mullbinden, Klebebänder, Folienrollen, Beutel und Schwämme, um Wasser aufzunehmen.

Nicht jedes Werk muss einzelnd verpackt werden

Eingerichtet wurde der Raum vor etwa zehn Jahren, nachdem es einen Wasserschaden gab. „Im Notfall sind wir damit besser aufgestellt als in der Werkstatt“, erklärt Steinle. Die sei nämlich nicht jederzeit für jedermann zugänglich. Ein echtes Hindernis, wenn es hart auf hart kommt. „Hier aber kann jeder rein, der Raum befindet sich nahe am Magazin“, zählt der gelernte Buchbinder auf. Und: „Auf jeder Etage gibt es einen Mitarbeiter, der für diesen Raum geschult ist.“

Und die, die nicht so versiert im Umgang mit verwundeten Büchern sind wie beiden Restauratoren, führen verschiedene Anleitungen Schritt für Schritt durch das Prozedere: Um zu verhindern, dass sich Einbände aus Leder oder Pergament verziehen, wickelt man sie mit Mullbinden ein. Nicht jedes Werk muss man einzeln verpacken und einfrieren. Man kann bis zu fünf Bücher auf einmal, eingerollt in Folienschichten, die sie zugleich trennen und zusammenhalten, verpacken. Die Verpackungseinheit erfasst man mit Edding auf der Folie wie auch auf einem Klemmbrett. So auch alle Signaturen, die sich in dem Paket befinden.

„Bücher verschränkt stapeln“ warnt ein Merkblatt zudem. „Sollte man sowieso immer machen“, befindet Steinle. „Die Bücher sind ja hinten einen Tick dicker und verbiegen sich sonst.“ Auch die separaten Schichten beim Einwickeln in Folie machen Sinn. „Würde man die einfach so einfrieren, gäbe das einen riesengroßen Eisklotz.“

Bei einem Notfall mit 450 Büchern haben die Restauratoren zwar alle Hände voll zu tun, aber angesichts der Mengen im Magazin sei das noch gar nichts. „Wenn es wertvoller Altbestand ist, wenn es zum Super-GAU kommt und Tausende nass werden, kommen wir hier nicht weiter“, erklärt Steinle das Szenario. Dann müsste binnen kürzester Zeit ein externer Anbieter die Bücher zum Gefriertrocknen abholen.

Eine solche Katastrophe blieb bisher aus; immer waren ausschließlich neuere Bestände betroffen. Jahrtausendealte Papyri und goldverzierte mittelalterliche Handschriften blieben unversehrt.

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