Castortransport

Atommüll in der Schwebe

Zwei Tage später als von den Atomkraftgegnern erwartet, hat der Castortransport per Schiff Nordenham erreicht. Jetzt werden die Behälter ausgeladen. Doch wie geht es weiter – mit dem Zug über Bremen?
03.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Atommüll in der Schwebe
Von Jürgen Hinrichs
Atommüll in der Schwebe

An der Pier von Rhenus Midgard in Nordenham werden die Castoren vom Spezialschiff "Pacific Grebe" auf die Waggons eines Zuges gehievt. Der Atommüll kommt aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield und soll per Bahn ins hessische Zwischenlager Biblis gebracht werden.

Sina Schuldt / dpa

Strahlend blau leuchtet der Rumpf der „Pacific Grebe“. Das Spezialschiff für nukleares Material sieht wie neu aus, kein Kratzer, kein Klecks, und hat trotzdem schon zehn Jahre auf dem Buckel. Blau ist auch die Farbe der Castoren, die seit Montagvormittag in Nordenham auf einen Zug gehievt werden. Das heikle Unterfangen geht an der Pier des Privathafens von Rhenus Midgard über die Bühne, an einem Ort, der auch sonst immer mal wieder höchsten Sicherheitsbestimmungen unterworfen ist, wenn die US-Army dort im großen Stil Munition verschifft oder entgegen nimmt.

Sechs Behälter mit Atommüll

Langsam, ganz langsam schweben die Castoren mit dem Atommüll über die Reling und werden noch behutsamer auf die Waggons gesetzt. Ein stählerner Rundling nach dem anderen, im Ganzen sind es sechs, verlässt das Schiff. Die Prozedur dauert bei starkem Wind viele Stunden und ist bis zum Einbruch der Dunkelheit längst nicht abgeschlossen. Kein Zweifel, dass es am selben Tag mit der Weiterreise nicht mehr klappen kann. Bestätigt wird das später sowohl von der Polizei als auch vom Unternehmen Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), das für den Transport zuständig ist.

Ein Fähnlein von Demonstranten hält in Sichtweite zur „Pacific Grebe“ eine Mahnwache ab. Sie harren dort bereits seit Freitag aus, mit Pausen zwar, aber so gelegt, dass nichts unbeobachtet bleibt, schon gar nicht die Ankunft des Schiffes. Kurz nach sechs am Montagmorgen ist es dann soweit, zwei Tage später als erwartet.

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Die Atomkraftgegner wenden sich gegen den Castortransport, dem ersten seit neun Jahren in Deutschland, weil er aus ihrer Sicht unnötig Gefahren bringt. „Wir müssen uns gemeinsam um eine Entsorgung kümmern“, sagt Kerstin Rudek vom Bündnis „Castor stoppen“ dem NDR. Solange es kein Endlager gebe, also die sicherstmögliche Lösung, dürften keine Atommülltransporte stattfinden. „Nix rein, nix raus“, fordert Rudek.

In Nordenham bläst ein starker Wind, in Böen ist es schon ein Sturm, was das Verladen einer so sensiblen Ladung nicht eben einfach macht. Hinzu kommt eine andere Aufgabe. Die Castorbehälter werden noch einmal gemessen, sie dürfen nicht zu viel Radioaktivität abstrahlen. Bei der Überprüfung vor Abfahrt des Schiffes habe der Wert ein Viertel der erlaubten Menge betragen, erklärt GNS. Die gefährliche Fracht kommt aus der Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll im britischen Sellafield.

Das eine sind die Strahlen, das andere die Viren. Die Corona-Pandemie macht den Castortransport doppelt brisant. Das Land Niedersachsen wollte ihn deshalb auf einen anderen Termin verschieben lassen, biss bei Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) aber auf Granit. Sein Argument, auch das von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD): Deutschland sei vertraglich dazu verpflichtet, den Atommüll zurückzunehmen. „Wir können nicht sagen: Liebe Briten, behaltet mal unseren Müll“, erklärt Schulze. Auch aus logistischen und genehmigungsrechtlichen Gründen sei eine Verschiebung nicht in Frage gekommen.

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Zuständig für die Sicherheit des Transports ist auf dem ersten Abschnitt von der Zwölf-Meilen-Grenze vor der niedersächsischen Küste bis zur Landesgrenze nach Hessen die Polizeidirektion Oldenburg. In Hessen ist Biblis das Ziel, das Zwischenlager für Atommüll am stillgelegten Kernkraftwerk. „Die Gesundheit aller Beteiligten genießt höchste Priorität“, versichert Polizeivizepräsident Andreas Sagehorn in einer Pressemitteilung. Unter Berücksichtigung der Coronapandemie hätten sich er und seine Kollegen auf alle denkbaren Eventualitäten eingestellt. Seit März sei ein dezidiertes Hygienekonzept erarbeitet worden. „Es wurde von Medizinern bewertet und beschäftigt sich mit allen Fragen des Infektionsschutzes für die Einsatzkräfte und den Umgang mit Demonstrationsteilnehmern“, so Sagehorn.

Oldenburger Polizei führt

Die Oldenburger Polizeidirektion ist während des Castortransports ausdrücklich auch für Bremen zuständig. So steht es in der Presseerklärung. Es gibt drei Möglichkeiten, welche Strecke der Zug mit den sechs Behältern nimmt. Einspurig geht es von Nordenham zunächst nach Hude. Dort entscheidet sich, ob die westliche Variante genommen wird, über Oldenburg, Lingen und Münster. Fährt der Zug weiter Richtung Bremen, könnte er in Delmenhorst den Abzweig nach Osnabrück nehmen. Oder, dritte und letzte Variante, die Reise führt über Bremen, Hannover und Göttingen.

In Bremen waren am Montag etliche Mannschaftswagen der Polizei unterwegs. Sie kamen teilweise von auswärts, zum Beispiel aus Hamburg. Die Bahnstrecke von Delmenhorst zum Bremer Hauptbahnhof wurde in Höhe Güterbahnhof mit Stacheldraht auf dem Zaun besonders gesichert. Alles bereit, falls der Castor kommt.

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