Marktplatzplaudereien

Der Corona-Knigge setzt sich durch

Politiker sind auch nur Menschen. In unseren Marktplatzplaudereien greifen wir die kleinen, bunten Geschichten aus dem Politik- und Behördenalltag auf – Randnotizen, die für den Papierkorb zu schade sind.
28.03.2020, 08:00
Lesedauer: 2 Min
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Der Corona-Knigge setzt sich durch
Von Jürgen Theiner
Der Corona-Knigge setzt sich durch

Kai Wargalla

Kai Wargalla (Selfie)

Rüffel am Bäckertresen

Vor dem Gesetz sind alle gleich, aber auch vor dem Bäckertresen. Das hat Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) Anfang der Woche erfahren müssen, beim Brötchenholen an der Domsheide. Den Corona-Knigge (stets zwei Meter Abend zum Mitmenschen halten) hatte „Bovi“ zu dem Zeitpunkt offenbar noch nicht komplett verinnerlicht. Er war dem Vordermann in der Schlange zu dicht auf die Pelle gerückt. Die Bäckereifachverkäuferin bemerkte das und schickte den Ministerpräsidenten resolut vor die Tür. Ein Fall von Majestätsbeleidigung? I wo. Er lobt das Verhalten der Angestellten: „Genau so wünsche ich mir das.“

Stylisch durch die Krise

Was das Corona-Problembewusstsein angeht, kann sich der Bürgermeister bei der Grünen-Abgeordneten Kai Wargalla eine Scheibe abschneiden. Zur Bürgerschaftssitzung erschien die 35-Jährige am Mittwoch mit einer handgefertigten textilen Schutzmaske, die ein Geschäft an der Bischofsnadel vertreibt. „Die hat hinter dem bunten Stoff noch eine dünne zweite Schicht, dazwischen passt ein Taschentuch/Küchentuch, kann man dann auch austauschen“, erfährt man auf Wargallas Twitter-Account. Nicht nur hygienisch, auch modisch setzt die Abgeordnete mit ihrem Accessoire Maßstäbe, denn ihr blauer Mundschutz ist farblich bestens auf den blauen Schopf abgestimmt.

Rausgerutscht

Zu Thomas Röwekamp, dem CDU-Fraktionschef in der Bürgerschaft, gibt es diesen überparteilichen Konsens: Was er sagt, ist vielleicht nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Aber wie er es sagt – erste Sahne. Der Bremerhavener gilt als Meister der geschliffenen parlamentarischen Rede. Gerade deshalb wird ihn ein Versprecher gefuchst haben, den er sich am Mittwoch bei der Erwiderung auf die Regierungserklärung von Bürgermeister Bovenschulte leistete. Röwekamp zählte diverse Wirtschaftszweige auf, die in der Corona-Krise staatlicher Hilfe bedürfen, und forderte in diesem Zusammenhang auch „Soforthilfen für das kriselnde Notargewerbe“. Er hatte eigentlich „Hotel- und Gaststättengewerbe“ sagen wollen, dann aber versehentlich pro domo gesprochen: Röwekamp ist Inhaber einer großen Rechtsanwalts- und Notarkanzlei in der Bremer Innenstadt.

Aufschub für Blaublütige

Am vergangenen Wochenende wollten die Delegierten des SPD-Unterbezirks Bremen-Stadt ihren Parteitag abhalten. Aber Corona hat auch diese Veranstaltung aus dem Terminkalender getilgt. Für Blaublütige ist das eine überaus erfreuliche Nachricht. Gut 100 Jahre nach der Novemberrevolution waren die Sozialdemokraten nämlich drauf und dran, beim Namensrecht die letzten Überbleibsel der vor­republikanischen Ständegesellschaft auszumerzen. Die Jusos hatten einen entsprechenden Antrag eingebracht. Er sieht vor, dass Adelstitel, die als Namensbestandteil geführt werden, in Zukunft nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden dürfen. Es sei nicht länger hinnehmbar, heißt es in dem Antrag, dass die Von-und-Zus „diese Form des sozialen und kulturellen Kapitals zur Schau stellen und so zum eigenen Vorteil einsetzen“. Aber zu welchem Vorteil eigentlich?, fragt man sich etwas ratlos. Im bremischen Öffentlichen Dienst beispielsweise ist ein Adelsprädikat beim Aufstieg schon lange nicht mehr hilfreich – anders als ein SPD-Parteibuch.

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